Campino: «In einem Jugendclub bin ich fehl am Platz»

Campino (54), Leadsänger der Toten Hosen, über Wohnzimmerkonzerte, die Arbeit am neuen Album «Laune der Natur» – und seinen Spitznamen.

Es war laut und heiss: Campino und die Toten Hosen an einem Wohnzimmerkonzert im April in Steffisburg. Video: Martin Bürki

Campino, im April spielten Sie ein Konzert in einer Steffis­­burger Wohngemeinschaft. Was macht Ihnen an diesen Gigs im privaten Rahmen besonders Spass?Campino: Für mich ist es immer wieder ein Geschenk, zu sehen, wer da draussen unsere Musik hört, wie die Leute ticken und dass es heute noch junge Menschen gibt, deren Cliquen genauso verschworen und aktiv sind wie wir damals.

Was geht dabei ab? Mensch und Material wird nicht geschont, jeder Abend ist anders, die Leute sind gut drauf, und es kracht schon richtig rein. Da nimmt man in Kauf, dass diese Auftritte sehr anstrengend sind und du danach auch nicht so schnell nach Hause kommst...

Wie sind Sie in Ihrer Jugend zum Punk geworden? Als Sohn eines Deutschen und einer Engländerin wuchs ich in Düsseldorf auf, voller Sehnsucht nach dem Land, das für mich unerreichbar war, wenn ich nicht gerade meine Oma besuchte. So wurde ich mit Haut und Haaren Fan des FC Liverpool und freute mich, dass die beste Musik der Welt aus London kam. Da ich die Klamotten meiner Geschwister auftragen musste und mir keine Eishockey- oder Tennisausrüstung leisten konnte, fand ich am Punkrock besonders sympathisch, dass er nichts Elitäres an sich hat.

Für die Bonus-CD «Learning English Lesson 2» haben Sie mit Ihren einstigen Punkheroen zusammengearbeitet. Als ich Jello Biafra, Bob Geldof oder Stranglers-Sänger Hugh Cornwell, mit denen mich ganz unterschiedliche Jugenderinnerungen verbinden, bei den Aufnahmen auf Augenhöhe begegnen konnte, war das ein besonderes Gefühl.

Wie war es, in London auf­zunehmen? Das war eine extrem spannende Zeit, weil die Stadt den 40. Geburtstag des Punkrock feierte und gleichzeitig das Brexit-Re­ferendum stattfand, über dessen Ausgang alle Gastmusiker extrem enttäuscht waren, weil sie sich als Europäer fühlen.

Wie fühlen Sie sich? Das Gefühl der Verunsicherung, das momentan in ganz Europa herrscht, weil niemand weiss, wie sich alles weiterentwickeln wird, deckt sich in gewisser Weise auch mit meiner privaten Situation. Ich befinde mich in einer Übergangsphase, gehöre zwar noch nicht zum alten Eisen, komme mir jedoch in einem Jugendclub fehl am Platz vor. Das hat aber auch Vorteile. Wenn du keiner bestimmten Gruppe angehörst, kannst du das Leben aus einer anderen Perspektive betrachten.

Sie machen noch immer Punkrock. Was bedeutet er Ihnen? Ich bin nach wie vor ein leidenschaftlicher Musikfan. Wenn ich selbst auf der Bühne stehe, will ich das Publikum nicht enttäuschen. Vom Körperlichen und der Vernunft her bin ich beim Verausgaben, Klettern und Durchdrehen nicht mehr der Gleiche wie mit Ende zwanzig, doch ich gebe mir Mühe, den Verlust an Wahnsinn mit einem guten Text zu kompensieren! (lacht)

Wie ist Ihnen das auf dem neuen Album «Laune der Natur» gelungen? Das kann ich noch nicht beur­teilen. Wir waren die letzten acht Monate auf Tauchstation und haben die Lieder immer nur mit kritischem Ohr gehört. Was könnten wir noch optimieren? Das war wie früher in der Schule, wo du wie ein Verrückter geschrieben hast, bis der Lehrer sagte, dass die Zeit abgelaufen ist, und dir das Heft weggerissen hat. Auf dem Nachhauseweg hast du dann nur an die Fehler gedacht und nicht an das, was du gut gemacht hast, weil dir die nötige Distanz gefehlt hat.

Apropos Schule: Wurde dort aus Andreas Frege Campino? Ich habe diesen Spitznamen als Gymnasiast von meinen Schulkameraden bekommen, weil ich das gleichnamige Bonbon, das es damals gab, bei Schlachten im Klassenzimmer immer als Munition verwendet habe. Geschmacklich war es eh zum Vergessen...

«Unter den Wolken» ist die erste Hitsingle des neuen Albums – eine Hommage an Reinhard Mey. Welche Beziehung haben Sie zu ihm? Ich bin schon als kleiner Junge mit seinen Liedern in Berührung gekommen, weil ihn meine Patentante unheimlich gut fand und die Nachbarstochter viele Platten von ihm hatte. Reinhard Mey ist ein subtiler Texter. «Über den Wolken» mochte ich sehr. Es war in den Siebzigerjahren so etwas wie eine alternative Hymne der Bundesrepublik. Wahrscheinlich hörten es damals auch viele an­dere Leute, die von einem Leben ohne Grenzen und Mauern träumten.

Der Videoclip zu «Unter den Wolken». Quelle: Youtube

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