Reitschule: Umstrittener «Schandfleck von Bern» wird 30

Am Wochenende feiert die Berner Reitschule ihr 30-Jahr-Jubiläum mit einem zweitägigen Fest. Als Kulturort etabliert, kämpft sie damit, dass Drogen, Gewalt und Demonstrationen ihr Image mitprägen.

Junge Aktivisten besetzten 1987 die Reitschule Bern. Am Freitag und Samstag, 30 Jahre später, begeht die Reitschule mit einem Fest ihr Jubiläum.

Am Freitag und Samstag dieser Woche feiert das alternative Kultur- und Begegnungszentrum Reitschule Bern sein 30-Jahr-Jubiläum mit einem zweitägigen Fest. Eines ist über alle die Jahre gleich geblieben: Das Zentrum fordert die Behörden heraus und polarisiert.

Zu einem selbstverwalteten Zentrum wurde das über und über besprayte Gebäude östlich des Bahnhofs im Zusammenhang mit der Räumung des Zaffaraya-Areals 1987. Die Berner Stadtregierung liess damals eine Hüttensiedlung am Ufer der Aare gegen den Widerstand breiter Kreise plattwalzen.

Vertag mit der Stadt

In der aufgeheizten Stimmung mit zahlreichen Demonstrationen überliess die Stadtregierung der Jugend die Reitschule ab Oktober 1987 zuerst für einzelne Abende oder Tage. Mit der Zeit wurde aus dem Provisorium eine feste Institution, die heute über einen Leistungsvertrag mit der Stadt Bern verfügt.

Er enthält die Rechte und Pflichten der Reitschule, ermöglicht aber auch Sanktionen, falls die Reitschule den Pflichten nicht nachkommt. Der Vertrag bildet zudem die Basis dafür, dass die Stadt Bern die jährlichen Mietkosten von pro Jahr rund 318'000 Franken übernimmt und Beiträge an die Nebenkosten auszahlt.

Fünf Abstimmungen

Schon fünfmal haben sich die Stadtberner in Volksabstimmungen hinter die Reitschule gestellt. Demnächst folgt eine sechste. Es geht um einen Kredit von rund drei Millionen Franken für baulichen Anpassungen, vor allem der sogenannten Grossen Halle. Ein Komitee um den Stadtberner SVP-Nationalrat Erich Hess hat das Referendum gegen einen Entscheid des Berner Stadtparlaments ergriffen.

Als Kulturstätte anerkannt

Auch bürgerliche Politiker anerkennen zwar das kulturelle Angebot der Reitschule und ihre Angebote ohne Konsumzwang. Und wenn Interessierte an einer Führung durch das verwinkelte Gebäude teilnehmen, sind sie jeweils beeindruckt von der Vielfalt und dem Organisationsgrad in dieser Institution.

Etliche kritisieren aber die Reitschule als «rechtsfreien Raum», deren Betreiber zu wenig mit der Polizei zusammenarbeiteten. Es sei ein Ort, wo Drogendealer untertauchten und von wo aus Chaoten straflos Polizisten, aber auch Feuerwehr und Sanitäter, angriffen. Die Reitschule müsse gegen diese Leute vorgehen.

Im März 2016 rauschte es wieder heftig im Berner Blätterwald, als junge Leute vom Dach der Reitschule aus Polizisten mit Steinen und Feuerwerkskörpern angriffen. Zuvor hatten sie Barrikaden in Brand gesetzt. Die Polizei, die elf Verletzte beklagte, sprach von einem Hinterhalt.

Nause: «Von Basisdemokratie lösen»

Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) findet, die Reitschule müsste sich von ihrer Basisdemokratie lösen. Gemeint ist, dass sie in ihren sogenannten Vollversammlungen Beschlüsse nur einstimmig fällt. Wenn Mehrheiten entscheiden könnten, wäre alles leichter, sagte Nause am Dienstag in der Sendung «Schweiz aktuell» von Schweizer Radio und Fernsehen. «So wie es jetzt ist, werden wir vermutlich ewig Auseinandersetzungen haben.»

Die Reitschule selber sieht Fehler bei der Drogen- und Nachtlebenpolitik der Stadt Bern. Sie könne nicht die Verantwortung übernehmen für Ereignisse auf dem Reitschul-Vorplatz, der ein «Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Probleme» geworden sei, sagte sie im Sommer 2016.

Jubiläums-«Buch» erschienen

In dieser Woche ist - wie schon beim 10- und 20-Jahr-Jubiläum - ein Buch zum Jubiläum der Reitschule erschienen. Es ist nicht eigentlich ein Buch, sondern ein bunter Bilderbogen zur Geschichte. Am Dienstag erschienen zahlreiche teilweise bereits ergraute Damen und Herren zur Vernissage - Vertreter der ersten Reitschul-Generation.

Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen selber von der Reitschule als «Schandfleck von Bern». Von einem «geliebten, hartnäckigen» Schandfleck, der sich weder schönreden noch vertreiben lasse.

Sie sei ein Freiraum, der den kritischen Blick auf Selbstverständliches, Normales und Unveränderliches zulasse. Ein Ort, wo verdrängte Fragen der patriarchal-kapitalistischen Ordnung aufs Tapet komme. Sie sei «die Unruhe im Abendrot».

Am Samstag will ein Kollektiv zum Jubiläum auch einen Marsch durch Bern durchführen - zu «symbolträchtigen Orten der ausserparlamentarischen Bewegung». Es denkt nicht daran, eine Kundgebungsbewilligung einzuholen. Ob die Stadt Bern die Kundgebung toleriert, wird sich zeigen.

tag/sda

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