Bis auf die Knochen

Im Tattooshop No Class in Colorado ist jede Tätowierung kostenlos, solange man sich die Tinte selber unter die Haut jagt.

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Boris Müller@tagesanzeiger

Tätowiert waren in unseren Breitengraden früher Zuhälter, Rockmusiker, Matrosen und sonstige Outlaws. Ein Tattoo war ein Statement, eine Abgrenzung, ein Zeichen. Doch die Zeiten haben sich längst geändert. Heute haben schön frisierte Fussballstars zutätowierte Hände wie russische Knastbrüder, und Webdesigner lassen sich Anker stechen, als stächen sie in See. Der biedere Mainstream hat der Körperkunst die (soziale) Bedeutung geraubt, radikal ist sie schon lange nicht mehr. Es sei denn, man schreibt sich Obszönitäten ins Gesicht oder man geht ganz andere Wege, so wie der Skateboarder Jesse Brocato.

Dieser trank sich eines Abends in seinem Wohnzimmer in Colorado mit selbst gebranntem Schnaps Mut an, schnappte sich die Tätowiermaschine seines Freundes und stach sich die ersten Linien unter die Haut. Wie Brocato in einem Interview gegenüber dem «Vice»-Magazin äusserte, habe er sich in dieser Nacht verliebt und schwor sich, nie mehr Kohle für kunstvolle Tattoos ausgeben zu wollen. «Wer braucht schon ein hübsches Tattoo, wenn man auch ein schlechtes Ghetto-Tattoo haben kann?»

Aus diesem Selbstversuch entstand bald darauf No Class, der vermutlich erste Do-it-yourself-Tattooshop der Welt. Das Konzept ist denkbar einfach: Maschinen und Farbe stehen gratis zur Verfügung, Hand anlegen muss man selber. So wird der eigene Körper zum Skizzierblock und Übungsfeld. Und Übung braucht es. Denn auch wenn die Resultate wie Kinderzeichnungen aussehen, richtig gestochen werden müssen auch diese. Am Anfang habe er die Nadel noch viel zu weit rausstehen lassen. «Damit bin ich dann so tief unter die Haut gegangen, dass die Maschine einfach angehalten hat wie ein Rasenmäher bei zu dichtem Gras.» Das habe den Knochen kaputt gemacht, verheilte kaum, und ausser Narben sei nichts zurückgeblieben.

Auch wenn sich Menschen normalerweise wie die Geier auf Gratisangebote stürzen, Do-it-yourself-Tattooing wird kaum je massentauglich werden. Dafür sind Methode, Motivation und Motive zu radikal. Wie früher.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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