Derek Roy: «Es war eine einfache Entscheidung»

Heute tritt der Kanadier gegen Servette erstmals für den SC Bern an. Im Interview spricht der 32-Jährige nicht nur über Eishockey, sondern auch über seine Hobbys und seinen Hund. Und er nennt Michael Jordan als Jugendidol.

Mit dem SC Bern im Training: Derek Roy hat 787 NHL-Partien bestritten, ist als Profi aber nie Meister geworden. Das möchte er in der Schweiz nachholen.

(Bild: Urs Baumann)

Adrian Ruch

Wie reagierten Sie, als Ihnen die Washington Capitals keinen NHL-Vertrag anboten?
Derek Roy: Es war ein schwerer Schlag; ich hatte im Sommer hart gearbeitet, in der Vorbereitung viel investiert und innerhalb der Mannschaft Freundschaften geschlossen. Doch zum Glück gingen andere Türen auf. Jetzt bin ich in Bern und froh darüber.

Haben Sie das Gefühl, noch auf NHL-Niveau zu spielen?
Ja, ich glaube, das kann ich noch. Das will ich auch hier zeigen. Ich werde jeden Tag hart arbeiten, mich an das System gewöhnen, spielen, wie ich immer gespielt habe, und dabei möglichst viel Spass empfinden.

Am Dienstag bestreiten Sie Ihren ersten NLA-Match. Es dürfte von Vorteil sein, dass Sie mit den Washington Capitals Testspiele bestritten haben.
Ja, allerdings habe ich vor meiner Ankunft in Bern sieben, acht Tage pausiert und leichte Leistenbeschwerden auskuriert.

Das heutige (Montag/Die Redaktion) Training war gut; ich belastete wieder einmal die Lunge und lernte einiges über das Spielsystem des SCB. Die Teamkollegen halfen mir dabei, indem sie mir diverse Dinge erklärten. Ich freue mich auf die Partie.

Sie dürften einige Offerten aus Europa bekommen haben. Was gab den Ausschlag zugunsten des SC Bern?
Es stimmt, ich verhandelte mit mehreren Klubs. Aber der SCB bemühte sich intensiv um mich. Guy Boucher rief mich an, Sven Leuenberger rief mich an, und beide sprachen über die Vorzüge der Organisation sowie der Stadt, und sie schwärmten von den Fans. Dann schaute ich im Internet nach und sah, welch schöne Stadt Bern ist. Da wusste ich: Hier möchte ich den Winter verbringen und Eishockeyspiele gewinnen.

Sie haben auf Profiebene noch nie einen Titel geholt. Ist es für Sie eine grosse Motivation, mit dem SCB nach dem Meistertitel zu streben?
Klar. Die Erinnerungen an einen Meistertitel verblassen nie – egal, auf welchem Niveau du gewinnst. Bei den Junioren holten wir den Memorial-Cup. Dieses Erlebnis werde ich für immer wertschätzen; ich pflege bis heute Freundschaften mit damaligen Teamkollegen. Mit Bern ist der Weg zum Titel noch sehr lang, aber ich werde jeden Tag auf dieses Ziel hinarbeiten.

Wollten Sie unbedingt für einen Titelkandidaten spielen?
Genau. Zudem wusste ich, dass Bern ein gut gecoachtes Team hat und die Spieler hier sehr respektvoll behandelt werden. Es war eine einfache Entscheidung.

Weshalb haben Sie in der Lockout-Saison nicht in Europa gespielt?
Ich hatte eine Schulteroperation hinter mir, und ich hatte einen gültigen Vertrag. Ich wurde dafür bezahlt, die Schulter ausheilen zu lassen.

Sie kamen am Samstag in Bern an. Wie ist Ihr erster Eindruck von der Stadt und dem Klub?
Grossartig! Am Sonntag spazierte ich mit meiner Freundin durch die Gassen, wir genossen die Aussicht und setzten uns in Cafés. Es ist faszinierend, wie alt viele Gebäude sind. Und doch sind sie in gutem Zustand. Man merkt, dass zur Stadt Sorge getragen wird. Ich freue mich darauf, noch mehr zu sehen. Die Leute im Klub sind alle sehr aufrichtig und nett; sie kümmern sich gut um mich.

Wollen Sie die Gelegenheit nutzen, während Ihrer Zeit beim SCB Europa zu erkunden?
Nein, das Eishockey steht ganz klar im Vordergrund. Wenn ich mal trainingsfrei habe, sehen wir uns die Umgebung an.

Sie waren einst Teil einer Band, der unter anderen Vancouvers Goalie Ryan Miller angehörte. Musizieren Sie immer noch?
Ich habe das Schlagzeug schon länger nicht mehr benutzt. Aber mit der Band zu spielen, machte Spass (lacht). Wir übten einmal pro Woche und traten ab und zu auf.

Welche Art von Musik spielte die Band?
Wir spielten vor allem ältere Sachen. Wenn einer einen Song vorschlug, sagten die anderen meistens: «Okay, lasst uns den einüben.»

Haben Sie das Schlagzeug hierher mitgenommen?
Nein, nein.

Gibt es etwas, das Ihnen hier fehlt?
Bis jetzt nicht. Aber es ging alles sehr schnell. Ich hatte vor dem Abflug keine Zeit, nach Hause zu gehen, deshalb fehlen mir die richtig warmen Kleider. Ich werde bald eine dicke Winterjacke und ein Halstuch kaufen müssen.

Ihre Freundin und Sie sollen bald Gesellschaft bekommen.
Ja, wenn alles klappt, trifft am Freitag mein Hund ein. Wir besitzen ihn noch nicht einmal ein Jahr. Mein Hund ist wie ein Kind für mich. Er ist eine Mischung aus Windhund und Terrier; es ist schön, einen kleinen Kumpel zu haben.

Es gibt einen kurzen Film, in dem Sie Ihr Sommerhaus zeigen und sich als vielseitigen Sportler präsentieren. Welches ist, abgesehen von Eishockey, Ihre Lieblingssportart?
Golf. Mit Golf kann ich in der eishockeyfreien Zeit meinen Ehrgeiz und die Wettkampflust befriedigen. Ich versuche, meine eigenen Skores zu übertreffen und an der Technik zu arbeiten.

Wie gut sind Sie?
Nicht grossartig. Mein Handicap dürfte etwas unter 10 liegen. Das Kurzspiel ist meine Schwäche.

Haben Sie einen Lieblingsgolfplatz?
Ja, er liegt auf Bigwin Island. Von meinem Sommerhaus aus erreiche ich den Platz per Motorboot. Ich lege hinter dem Klubhaus an, nehme meine Schläger aus dem Boot und spiele auf der schönen Insel eine Runde – herrlich!

Wer war früher Ihr Sportidol?
Obwohl er kein Hockeyspieler war: Basketballstar Michael Jordan. Ich bewunderte ihn für seinen Ehrgeiz, das innere Feuer, den unbändigen Siegeswillen.

Zurück zum Eishockey: Wann waren Sie am meisten stolz auf sich?
Als ich den ersten NHL-Match bestritt. Als Kind träumst du von der NHL, glaubst aber nicht daran, dass der Traun wahr werden könnte. Gehörst du dann zu den besten Junioren, denkst du: «Wenn ich sehr hart weiterarbeite, könnte es eventuell klappen.» Und wenn du für deinen allerersten NHL-Einsatz das Eis betrittst, ist es ein surreales Gefühl.

Wer ist der Beste, mit dem Sie je zusammengespielt haben?
(überlegt kurz) Es ist wohl Martin St.Louis. Ich hatte das Glück, an der WM 2009 in der Schweiz mit ihm in der Linie zu spielen. Er ist unglaublich schlau; St.Louis wusste immer vor allen anderen, wie sich der nächste Spielzug entwickeln würde.

Wer ist derzeit der weltbeste Eishockeyspieler?
Das ist eine schwierige Frage. Unter den Verteidigern sehe ich Duncan Keith, P.K. Subban und Erik Karlsson voraus. Bei den Stürmern nenne ich Ryan Getzlaf, Jonathan Toews, Sidney Crosby – es gibt so viele Topspieler, die unterschiedliche Dinge tun. Toews etwa ist ein Gewinner, Crosby eher der Punktesammler.

Einen Teil der letzten Saison verbrachten Sie in Nashville. Roman Josi ist derzeit der Stolz der Schweizer Eishockeyszene. Was halten Sie von ihm?
Er ist neben dem Eis ein ganz netter Bursche und im Training ein harter Arbeiter. Er geht elegant mit dem Puck um und verfügt über einen guten Schuss. Was Josi aber besonders auszeichnet, ist die Spielintelligenz. Er ist geduldig und schlau, deshalb trifft er im Match meistens die richtigen Entscheidungen.

Was dürfen die SCB-Fans mittelfristig von Ihnen erwarten?
Ich bin der Typ, der bei jedem Einsatz etwas bewirken will. Ich versuche, stets am Puck oder in Pucknähe zu sein. Wenn mir das gelingt, bin ich am besten, am wirkungsvollsten.

Der SCB verfügt über einen ehemaligen NHL-Coach und ist aufgrund der Zuschauerrekorde bekannt. Könnte Ihre Zeit hier ein Sprungbrett für die Rückkehr in die NHL sein?
Ja, warum nicht? Ich werde hart arbeiten, um rasch meine Bestform zu finden, und möglichst noch besser werden. Wenn es in Bern gut läuft, schaue ich, was sich im kommenden Sommer ergeben wird.

Berner Zeitung

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