Ins Abseits gefahren

Seit drei Jahren fährt der Walliser Silvan Zurbriggen der Konkurrenz hinterher. Vom Rücktritt mag er nicht sprechen – die Super-Kombination in Wengen soll die Wende herbeiführen.

Nebenrolle: Während Beat Feuz fleissig Autogramme verteilt, sitzt Silvan Zurbriggen unterbeschäftigt am Athletenpult (hinten rechts).

Nebenrolle: Während Beat Feuz fleissig Autogramme verteilt, sitzt Silvan Zurbriggen unterbeschäftigt am Athletenpult (hinten rechts).

(Bild: Andreas Blatter)

Philipp Rindlisbacher

St.Moritz, Februar 2003. Am Schlusstag der Heim-WM gewinnt Silvan Zurbriggen überraschend Slalomsilber, poliert die bescheidene Schweizer Bilanz auf, avanciert zum Shootingstar. Die übertriebenen Erwartungen, welche hierzulande mit dem Namen Zurbriggen verknüpft werden, kann er in der Folge nicht erfüllen. Er gewinnt aber zwei Weltcuprennen, steht 12-mal auf dem Podest, sichert sich 2010 in Vancouver Olympiabronze in der Super-Kombination.

Tempi passati. Seit bald drei Jahren kurvt Zurbriggen meist hinterher. In diesem Winter hat er mickrige acht Weltcuppunkte vorzuweisen, in zweit- respektive drittklassigen Rennen reihte er sich hinter Argentiniern, Spaniern, Briten ein. Es überrascht daher, hinterlässt der Walliser am Dienstagabend in Wengen einen gelösten, gar zuversichtlichen Eindruck. Es sei nicht alles schlecht, lässt der 32-Jährige verlauten, «auf den Skiern habe ich teilweise ein sehr gutes Gefühl». Zurbriggen jedoch ist kein Schönredner, gesteht, es sei ihm bewusst, dass dies angesichts der Geschehnisse sonderbar klinge.

Die schlechten Startnummern

Profisportler verfügen zuweilen über die Eigenschaft, sich etwas vorzumachen, noch so kleine positive Aspekte viel stärker zu gewichten als negative. Er habe diese Gabe, sagt Zurbriggen, «sie ist wichtig fürs Gemüt». Der dritte Trainingsrang vor der Abfahrt in Gröden sei ein Aufsteller gewesen, «aber ich muss ehrlich sein, in den Rennen ist es nie aufgegangen». Cheftrainer Walter Hlebayna wiederum meint, Zurbriggen sei im Herbst «bei den Leuten» gewesen. «Im Moment gehört er aber nicht zur erweiterten Weltspitze. Er muss weiterarbeiten; Ski fahren kann er, sonst hätte er keine Rennen gewonnen.»

Für Zurbriggen galt zuletzt Murphy’s Law – was schiefgehen konnte, ging schief. In Beaver Creak fuhr er bei misslichen Bedingungen, in Lake Louise wurde er zu Unrecht abgewunken, musste nochmals starten. In Bormio hatte er Wetterglück, leistete sich aber zwei grobe Fehler. Ausreden brauche er keine zu suchen, sagt Zurbriggen, «mein Problem sind die hohen Starnummern».

In Abfahrt und Super-G gehört er nicht mehr zu den besten 30, Slaloms bestreitet der einstige Stangenakrobat seit geraumer Zeit keine mehr. «Diesen Entscheid haben viele Leute nicht nachvollziehen können.» Die Disziplin habe sich jedoch zu seinen Ungunsten und nicht für Allrounder entwickelt, «ich müsste 10 Kilo abnehmen, um eine Chance zu haben». Die besten Slalomfahrer sind eher klein gewachsene, flinke Athleten. «Wer wie ich 95 Kilo wiegt, hat einen schweren Stand.»

Der Rettungsanker

In Wengen wird sich Zurbriggen morgen anlässlich der Super-Kombination wieder einmal durch den Stangenwald schlängeln, den Zweiteiler am Lauberhorn beendete er bereits dreimal als Dritter. 15 Slalom-Trainingstage hat er in den Beinen – «viel mehr als in der letzten Saison». Zurbriggen hat hohe Erwartungen, das Rennen könnte zum Rettungsanker werden.

Dass die Kombination von vielen als Muster ohne Wert bezeichnet wird und längst nicht bei allen Fahrern hohen Stellenwert geniesst, kümmert ihn nicht. Ein einzelnes Resultat könne viel bewirken, hält Zurbriggen fest, in mentaler Hinsicht wäre ein Spitzenergebnis freilich Gold wert. Er habe in den vergangenen Monaten oft gehadert, «nach den vielen Rückschlägen habe ich mich mehrmals gefragt, woher ich eigentlich immer wieder neue Energie nehme».

Am Ende der vergangenen Saison war bei Zurbriggen das Glas halb leer; er wirkte rat- und orientierungslos, hatte keine Lösungsansätze. Das Karrierenende schien zur Option zu werden – vom Rücktritt will er nun nichts mehr wissen. «Ich bin überzeugt, dass ich es nochmals packen werde, weiss nur nicht, wie lange es dauern wird.» Mit dem Ziel, in den Startlisten nach vorne zu rücken, will er bis in den Frühling hinein möglichst viele Rennen bestreiten.

Ein Zeitfenster hat sich Zurbriggen nicht gesetzt, «das würde doch nur noch mehr Druck erzeugen». 2017 finden die Welttitelkämpfe abermals in St.Moritz statt, dannzumal könnte sich für den Walliser ein Kreis schliessen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt