Neues Leben im Käfigturm

Als aktiver SP-Stadtpolitiker ist er ab­getreten, doch jetzt steht die Politik erst recht im Zentrum seines Lebens: Thomas Göttin (58) soll das vom Bund geschlossene Polit-Forum im Käfigturm wieder mit Leben füllen.

<b>Thomas Göttin im Käfigturm:</b> Er soll das Polit-Forum Bern in die Öffentlichkeit reintegrieren.<p class='credit'>(Bild: Nicole Philipp)</p>

Thomas Göttin im Käfigturm: Er soll das Polit-Forum Bern in die Öffentlichkeit reintegrieren.

(Bild: Nicole Philipp)

Jürg Steiner@Guegi

Müsste man eine Kombination suchen von Politik und guter Laune, man käme schnell auf Thomas Göttin. Voller Elan steigt der eloquente ehemalige Co-Präsident der Stadtberner SP und Stadtratspräsident 2016 über die unzähligen Treppen und durch die verwinkelten Räume hinauf zum rustikalen Uhrwerk des Käfigturms.

Göttin blickt einen Moment auf die nie stillstehende Mechanik. Dann macht er zwei, drei Schritte zu einem der käfigturmtypisch schmalen Fenster, durch das man direkt hinübersieht zur Bundeshauskuppel. Sie scheint zum Greifen nah.

Es ist, als würde Göttin, um Worte sonst nie verlegen, in diesen wenigen Sekunden hoch oben im Turm pantomimisch darstellen, was er hier vorhat: Die oft entrückte grosse Politik herunterholen und verbinden mit der bewegten Realität.

Die Käfigturm-Mission von Göttin, der zuvor Leiter der Kommunikationsabteilung im Bundesamt für Umwelt war, könnte einfacher sein: Er muss einen künstlich sedierten Betrieb revitalisieren.

Für Berns Selbstvertrauen

Seit 1998 führte der Bund, via Bundeskanzlei und Parlamentsdienste, das frühere Gefängnis als kleinen, aber feinen Veranstaltungs- und Diskussionsort für politische Themen. 800 000 Franken und rund 400 Events jährlich waren ihm das Bürger­forum in der Hauptstadt wert.

Der Sparbeschluss des Bundes zur Schliessung des Polit-Forums per Ende 2017 war für Bern, das sich als Polit-Zentrum des Landes zu positionieren versucht, eine Kränkung.

Berner Polit-Prominenz – an­geführt zuerst von Alt-Stadt­präsident Alexander Tschäppät (SP), danach von dessen Nach­folger Alec von Graffenried (GFL) – machte mobil. Mit finanziellem Erfolg.

Sie brachten Stadt (300 000 Franken), Kanton (150 000 Franken), Burger­gemeinde (150 000 Franken) sowie die römisch-katholische und evangelische Landeskirche (zusammen 150 000 Franken) dazu, einen Trägerverein zu gründen und ab 2018 ein Jahresbudget fast wie zuvor zu garantieren. Zusätzlich stellt der Bund bis 2021 das Gebäude zur Verfügung.

Es war eine konzentrierte Lobbyaktion zugunsten von Berns Selbstverständnis als nationale Polit-Drehscheibe. Allerdings: Im Übergangsjahr 2017 stand das Polit-Forum monatelang praktisch still.

Und: Vor lauter Retten blieb kaum Zeit, die inhaltliche Rolle des neuen Polit-Forums Bern zu klären. Das nun ist der Challenge von Geschäftsführer Göttin und seinen beiden Mitarbeiterinnen: die Reintegration der aus dem Dämmerschlaf geholten Institution in die kritische Berner Öffentlichkeit.

Raum für Experimente

Drei Monate nach seinem Amtsantritt gibt Göttin nun erste Proben seiner Handschrift als Ver­anstalter ab. Beim ersten Lebenszeichen des neuen Polit-Forums handelt es sich um eine kleine, aber pointierte Ausstellung über Diplomaten, die im Zweiten Weltkrieg ihre Kompetenzen überschritten, um von den Nazis bedrohte Juden vor Gefangenschaft oder Tod zu bewahren.

Nicht besonders originell vielleicht, aber mit einem Highlight: Man sieht, noch bis zum 10. Februar, die beiden im Schweizerischen Bundesarchiv erhaltenen Kollektivpässe, die unter der Leitung des Schweizers Carl Lutz in Budapest erstellt wurden, um Jüdinnen und Juden zu retten. Sie waren bisher noch nie ausgestellt worden.

Am 12. Februar schaltet sich das Polit-Forum mit einer ­No-Billag-Debatte in die aktuelle Politik ein, und an der Mu­seumsnacht vom 16. März will Göttin einen Rede-Slam veranstalten, mit GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer an den Plattentellern.

Er wolle das Polit-Forum Bern behutsam hochfahren, sagt Thomas Göttin, und er verhehlt nicht, dass der Suchprozess noch in vollem Gang sei. Er wolle sich auch den Raum freihalten für Experimente.

Mit spektakulären Events laut öffentliche Wirkung zu erzielen, sei nicht sein erstes Ziel. Ihm gefallen auch die (nach aussen) leiseren Momente politischer Auseinandersetzung, zum Beispiel dann, wenn in den trutzigen Mauern des Käfigturms Mitglieder des Jugendparlaments ihre Vorstösse vorbereiten.

Apropos Jugend: Göttin plant, sich mit der Onlineabstimmungshilfe Easyvote dem Megathema Digitalisierung zuzuwenden.

Ohne Berührungsängste

Selbstverständlich habe er sich in den letzten Wochen mit den Verantwortlichen der Berner Museen und Debattenorte – namentlich dem Kornhausforum – getroffen.

Doppelspurigkeiten müssten auf jeden Fall vermieden werden, findet Göttin. Das heisse aber nicht, dass das Polit-Forum ausschliesse, sich aus anderem Blickwinkel mit einem bereits andernorts behandelten Thema auseinanderzusetzen.

Zentral sei für ihn, einen niederschwelligen Zugang zur Politik zu ermöglichen – in jeder Hinsicht. Ihm ist klar, dass das auch bedeutet, den Zugang zum Polit-Forum besser zu signalisieren. Wer nicht weiss, wo der Eingang ist, findet ihn heute kaum.

Göttin selber war als aktiver Politiker ein pointierter Linker, der aber debattierlustig auch an Anlässe der Wirtschaftsverbände ging. Der zweifache Vater hat keine Berührungsängste zu unkonventionellen oder (noch) nicht mehrheitsfähigen Ideen. Und obschon gebürtiger Basler, ist er ein glühender Vertreter einer starken Rolle Berns als Hauptstadtregion.

Ihm sei es zwar ganz wohl, wenn er als Figur im Hintergrund bleibe, sagt Göttin. Aber er macht auch klar, dass er das Haus mit seinem weiten Verständnis von Politik prägen will. Die Gelassenheit, den Dingen unaufgeregt auf den Grund zu gehen, gehört für ihn auch dazu.

Öffentliche Anlässe: Donnerstag, 8. Februar, 18.30 Uhr, Podium zur Diplomatenausstellung «Beyond Duty». Montag, 12. Februar, 18 Uhr, kontradiktorische Debatte zur ­Initiative No Billag. Details: www.polit-forum-bern.ch.

Berner Zeitung

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