Das Ehepaar Bruder wohnt seit 60 Jahren gern im Tscharnergut

Bethlehem

Wer kennt das Tscharnergut besser als Werner und Rosalie Bruder? Das Ehepaar lebt seit 58 Jahren an der Fellerstrasse 30 – eine Zeitreise.

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Andrea Knecht

«Schwindelfrei bin auch ich nicht», sagt Werner Bruder und beugt sich über die Brüstung, «aber man gewöhnt sich an alles.» Sieben Stockwerke weiter unten spielen Kinder, die winzig aussehen wie Playmobil-Figürchen.

Und wenn Bruder den Blick in die Ferne richtet, sieht er den Gurten und die bläulichen Alpen dahinter. Wendet man dem Gurten den Rücken zu, erstreckt sich vor einem das Tscharnergut: Acht Scheibenhäuser, fünf Punkthochhäuser, drei Wohnblöcke, Einfamilienhäuser, ein Einkaufszentrum, Quartierplatz und Glockenturm.

Stünde man nicht vor der ältesten Hochhaussiedlung der Schweiz, würde man wohl von einem Dorf in der Stadt sprechen.

Kleintierzoo und Werkstatt

Werner und Rosalie Bruder leben seit 58 Jahren im Tscharnergut, genauer an der Fellerstrasse 30, in einem der achtgeschossigen Scheibenhäuser. Sie haben drei Kinder in der 31/2-Zimmer-Wohnung grossgezogen, Weihnachtsfeste und Geburtstage gefeiert, die Streitereien ihrer Kinder geschlichtet und deren Leistungen gelobt. «Ich hoffe, Sie stellen das Tscharnergut nicht als Ghetto hin», stellt Werner Bruder zu Beginn des Gesprächs klar, «denn das ist es nicht und war es nie.»

Sie erzählen vom Blumenwett­bewerb, der noch heute die am schönsten bepflanzten Balkons prämiert, vom quartiereigenen Kleintierzoo und von der Werkstatt, in der Werner Bruder die Möbel der Wohnung selbst gezimmert hatte. «Damals gab es halt noch keine Ikea», sagt Rosalie Bruder und lacht.

Aus der Provinz nach Bern

Das Ehepaar Bruder kommt ursprünglich aus Seengen, einem Dorf im Aargau, das am Sonnenhang des Hallwilersees klebt. Damals arbeitete Werner Bruder jeden Tag in einer kleinen Werkstatt bis zur Erschöpfung. Abends zitterten die Hände, der Chef war dennoch nie zufrieden. Etwas musste sich ändern, das war dem jungen Paar klar. Bruder, ein Werkzeugmacher, bewarb sich auf eine Stelle in den Automobilwerkstätten der Post. Mit der Zusage zogen die Bruders 1955 nach Köniz.

1959 wurde der Block an der Fellerstrasse 30 in Bethlehem fertig gebaut, im selben Jahr bezogen die Bruders eine frische, noch nach Farbe riechende Wohnung im siebten Stock. «Das Tscharnergut interessierte uns von Anfang an», erzählt Werner Bruder, «mein Arbeitsweg war kürzer, der Zins tiefer als in Köniz.»

198.50 Franken sind in Schreibmaschinenschrift im ersten Mietvertrag als Monatsmiete vermerkt. Die Bruders hatten Glück: Da sie Kinder hatten, erfüllten sie die wichtigste Be­dingung der Genossenschaft und konnten sich für eine Wohnung bewerben.

Der Platz war – dem Zeitgest der 50er-Jahre entsprechend – begrenzt: Während der Sohn ein eigenes Zimmer hatte, teilten sich die beiden Töchter einen Raum, die Eltern schliefen im Wohnzimmer. Das Waschbecken befindet sich noch heute im Flur. Anders als die Bruders begeisterten sich nicht alle für das Tscharnergut.

Die Siedlung polarisiert, seit sie steht: Einerseits pilgerten in den 60er-Jahren Architekten aus der ganzen Welt nach Beth­lehem, um den Pioniergeist des modernen Städtebaus zu atmen. Der konsequente Bau in die Höhe zugunsten weiter Grünflächen galt als revolutionär. Andererseits schienen die Hochhäuser Teile der Bevölkerung zu beunruhigen oder gar abzustossen.

«Es gab Gerüchte und Geschichten», erzählt Rosalie Bruder. «Man könne nicht einmal seine Kuchen zum Auskühlen auf den Balkon stellen, weil sie gestohlen würden.» Wahr sei nichts davon gewesen. Auch Werner Bruder musste bei der Arbeit missgüns­tige Sprüche seiner Kollegen wegstecken. «Wenige Jahre später hätten manche selbst gerne eine Wohnung im Tscharni gehabt», erinnert er sich – die Räume waren schliesslich für die damalige Zeit äusserst modern und günstig.

Im Dezember 1971 sendete das Schweizer Fernsehen einen abschätzigen Beitrag über «die Satellitenstadt Bethlehem» und die «Kaninchenställe» des Tscharnerguts, welcher den Ruf des Quartiers nachhaltig prägen sollte. «Wir sammelten über 900 Unterschriften und verlangten einen neuen, korrigierten Bericht», erzählt Rosalie Bruder und deutet zum Fenster hinaus in die Nachbarschaft, wo sie damals Unterschriftbögen verteilt hatten. «Aber das Fernsehen kam nie wieder.»

Für den Neubau

Heute sind Werner und Rosalie Bruder 88 Jahre alt und könnten mit ihrer ruhigen Zufriedenheit als Werbebotschafter für das Tscharnergut stehen. «Wir hatten nie Probleme hier – ausser Kinderstreitereien und einem Unfall unserer ältesten Tochter.» Diese hatte beim Spielen im Lift den Arm eingeklemmt. Liftmonteure, Feuerwehr und Ambulanz mussten anrücken, um das Mädchen zu befreien.

Dass die Genossenschaft Fambau den Block an der Fellerstrasse 30 abreissen möchte, beunruhigt die Bruders nicht. «Wir sind für diesen Neubau», sagen die beiden, Kaffee trinkend in ihrer Küche. Zeit­gemässes Wohnen sei wichtiger als denkmalgeschützte Klinkersteinböden. Angst vor Veränderung hat das Ehepaar nicht: In den letzten 60 Jahren habe sich viel verändert, meint Werner Bruder, «aber wäre es nicht viel beunruhigender, wenn noch alles gleich wäre wie damals?»

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