«Gleichstellung darf keine Vision sein»

Thun

Werden Frauen im Berufsleben diskriminiert? Und wie kann eine völlige Gleichberechtigung erreicht werden? Diesen Fragen widmete das Gymnasium Thun am Freitagabend eine Podiumsdiskussion.

Matthias Mölleney, ehemaliger Personalchef der Swissair, und Sibel Arslan, Nationalrätin (Grüne), waren sich nicht in allen Punkten einig.

Matthias Mölleney, ehemaliger Personalchef der Swissair, und Sibel Arslan, Nationalrätin (Grüne), waren sich nicht in allen Punkten einig.

(Bild: Damaris Oesch)

«Ich fühle mich überhaupt nicht benachteiligt», meinte Esther Niffenegger zu Beginn der Podiumsdiskussion im Hörsaal des Berufsbildungszentrums IDM. Sie vertrat die Meinung, dass frau, wenn frau es wirklich wolle, sich in der Schweizer Arbeitswelt durchsetzen könne. Dafür ist Esther Niffenegger selbst das beste Beispiel: Die Karrierefrau hat sich in der Privatwirtschaft einen Namen gemacht und ist als Leiterin Einkauf und Infrastruktur bei Energie Wasser Bern tätig. Deshalb appellierte Niffenegger an die weibliche Bevölkerung: «Es ist unsere Ver­antwortung, wir müssen uns anpassen und lernen.» Schliesslich sei es auch für einen Mann schwierig, CEO zu werden.

Einen diametral anderen Standpunkt vertrat Nationalrätin Sibel Arslan an der Veranstaltung, die vom Gymnasium Thun organisiert worden war. «Wir Frauen sind nicht selbst schuld», sagte sie. Die Basler Juristin, die seit 2015 für die Grünen im Nationalrat politisiert, ist der Meinung, dass die Wurzel des Übels in der Sozialisation zu finden ist. «Wir müssen erst noch lernen, uns durchzusetzen und die stereotypischen Vorstellungen abzulegen», forderte Arslan.

Christian Wasserfallen hingegen unterstützte die Ansicht von Esther Niffenegger. «Wir sollten Frauen eher fördern, als gleich alles infrage zu stellen», meinte der Politiker, der seit 2007 für die FDP im Nationalrat sitzt. Anders als Sibel Arslan ist er der Ansicht, dass die Lohngleichheit, die seit 1999 in der Bundesverfassung festgeschrieben ist, heute mehrheitlich erfüllt ist.

Viel Eigeninitiative

Ob es nun bereits erreicht wurde oder nicht, eines ist klar: «Das Thema Gleichberechtigung im Beruf betrifft uns alle.» Diese Überzeugung brachte Florim Loshi und drei seiner Mitschüler am Gymnasium Thun dazu, die Veranstaltung auf die Beine zu stellen. «Wir diskutierten untereinander viel über Gleichberechtigung im Job», erinnerte sich ­Gian-Luca Hurni. Irgendwann habe er dann die Idee gehabt, den alljährlich stattfindenden Event vom Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht diesem Thema zu widmen. Zusammen mit Florim Loshi, Alessia Bänziger, Emma Stoffer und dank der Unterstützung von Wirtschaftslehrer Michael Kiener setzte Gian-Luca Hurni seine Idee in die Realität um. «Die vier Primaner haben sehr viel Eigeninitiative gezeigt», lobte Kiener seine Schülerinnen und Schüler.

Nicht nur eine Vision

«Gleichstellung darf keine Vision sein, sondern nur die konkrete Umsetzung», mahnte Matthias Mölleney seine interessierten Zuhörer am Freitagabend. Der selbstständige Personalberater und ehemalige Personalchef der Swissair gab den rund 200 Gymnasiasten und Wirtschaftsmittelschülerinnen viel von seiner Expertise mit auf den Weg. Er verglich die momentane Situation in der Arbeitswelt mit einer Gruppe Frauen, die in Fussballmontur ein Eishockeyfeld betreten und mitspielen wollen. «Entweder passen sich die Frauen den Männern an oder umgekehrt», führte Mölleney aus.

Die erste Lösung findet er problematisch, die zweite gar fast unmöglich. «Warum erfinden wir nicht einfach ein komplett neues Spiel?», fragte Matthias Mölleney so rhetorisch in die Runde, «dann hätten wirklich alle die gleichen Chancen.» Wie schwierig es ist, neue Spiel­regeln auf einer gemeinsamen Grundlage aufzustellen und diese vage Idee in die Realität umzu­setzen, bewiesen die Anwe­senden am Freitagabend gleich selber.

Berner Zeitung

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