Wissenslücken in der Gurlitt-Sammlung

Mit «Bestandsaufnahme Gurlitt Teil 2. Der NS-Kunstraub und die Folgen» zeigt das Kunst­museum Bern, wie detektivisch Herkunftsforschung ist – und wie gross die Provenienzlücken im Nachlass des Nazi­kunsthändlers Gurlitt noch sind.

  • loading indicator
Stefanie Christ@steffiinthesky

«Nazi-Schatz» titelte das Magazin «Focus», als es 2013 den Fund des Gurlitt-Konvoluts enthüllte. Schnell wurde abgewiegelt: Bei den rund 1580 Kunstwerken, die einst dem deutschen Nazikunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895–1956) gehört hatten und sich im Besitz seines Sohns Cornelius befanden, handle es sich nur bei einem marginalen Teil um Raubkunst.

Tatsächlich gibt es bis heute sechs bestätigte Fälle, vier Gemälde wurden bereits an ihre rechtmässigen Besitzer restituiert, darunter eins von Max Liebermann und eins von Henri Matisse. Nach Veröffentlichung der Sammlung gab es zwar einige Antragsteller, doch von einer «Antragsflut» kann keine Rede sein.

Nach Jahren der Relativierung setzt das Kunstmuseum Bern, das nach Cornelius Gurlitts Tod 2014 überraschend Erbe der Sammlung wurde, nun selbst auf das Schlagwort «Raubkunst».

«Bestandsaufnahme Gurlitt Teil 2. Der NS-Kunstraub und die Folgen» heisst die Ausstellung, die zuvor in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen war und an die Berner Ausstellung von vergangenem Herbst, «Bestandesaufnahme Gurlitt. ‹Entartete Kunst› – beschlagnahm und verkauft», anschliesst.

Detektivische Arbeit

Der erste Teil hat jene Werke in den Fokus gerückt, die ab 1937 von den Nationalsozialisten in ­öffentlichen deutschen Museen konfisziert und in flüssige Mittel umgewandelt wurden. Die ak­tuelle Ausstellung beleuchtet die Geschichte von (potenziellen) Raubkunstwerken in Gurlitts Nachlass.

Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern, zum zweiten Teil der Gurlitt-Ausstellung. Video: sda

Vor allem aber zeigt sie auf, wie lückenhaft die Herkunftsgeschichte zahlreicher Gurlitt-Werke ist und wie das Museum mit diesem Nichtwissen umgehen will – schliesslich hat es 2014 in einer Vereinbarung mit Deutschland und dem Freistaat Bayern bekundet, keine Raubkunstwerke in die Schweiz zu holen. Doch wie steht es um Werke, bei denen sich ein Verdacht vielleicht nie gänzlich ausräumen lässt?

Wie bei einer kleinen Landschaft in Öl von Pierre-Auguste Renoir. Erworben hat sie Hildebrand Gurlitt wohl in der ersten Hälfte der Vierzigerjahre, als er im Auftrag der Nationalsozialisten im besetzten Frankreich Werke zusammenkaufte – unter anderem für das geplante «Führermuseum» in Linz, mit dem Adolf Hitler seine Vorstellung von «guter» Kunst manifestieren wollte.

Wenig ist zu den Vorbesitzern der dynamischen, in Grün- und Brauntönen gehaltenen «Landschaft bei Cagnes» bekannt. Bekannt ist hingegen, dass französische Juden enteignet und ihre Sammlungen geplündert wurden. Ein Raubkunstverdacht liegt unter diesen Umständen bei Renoirs Kleinformat nahe, weshalb es das Museum als «rotes» Werk einstuft.

Das Vorgehen der National­sozialisten und ihrer Kunst­händler in Frankreich ist in der Ausstellung durch amtliche Briefe oder Inventarlisten dokumentiert. Auch ein Exemplar von Hitlers «Prachtbänden» ist vorhanden.

Darin wurden Fotografien von Werken versammelt, die fürs «Führermuseum» vorgesehen waren – und sie liefern Aufschluss über die favorisierten Künstler des Diktators: Jan Brueghel der Ältere (1568–1625), Lucas Cranach der Jüngere (1515–1586) oder Jan Baegert (1465–1535), alles Künstler, die neben Vertretern der klassischen Moderne oder japanischer Holzschnitzkunst auch im heterogenen Gurlitt-Nachlass vertreten sind.

Es handelt sich eben nicht um eine klassische Sammlung, sondern um den Restbestand eines Kunsthändlers – auch wenn gemeinläufig von der Gurlitt-Sammlung die Rede ist.

Daneben zeugt die Ausstellung, die von Nikola Doll, Leiterin Abteilung Provenienzforschung des Museums, adaptiert wurde, von der detektivischen Arbeit der Herkunftsforscher.

Neben aus­gewählten Meisterwerken aus dem Gurlitt-Fundus, etwa Claude Monets Gemälde «Waterloo Bridge» (1903) oder Edouard ­Manets Ölbild «Marine, temps d’orage» (1873), prangen die jeweiligen Herkunftsgeschichten, die sich wie kriminalistische Kurzprosa lesen: Von «kriegs­bedingt eingeschränkten Geldtransfers» ist darin die Rede, von «Zwangsversteigerungen» und «antijüdischer Gesetzgebung».

Und die Schau wurde um den Schweizer Fokus erweitert. Ein wichtiger Blickwinkel, immerhin war das Kunstmuseum Bern selbst nach dem Krieg Anlauf­stelle für Schweizer Raubkunstfälle. So wird beim Rundgang schnell klar: Die Geschichten und die Geschichte stehen im Zen­trum, weniger das sinnliche Er­leben der Kunst.

Museum vor Mammutaufgabe

Besonders ersichtlich wird dies im letzten Ausstellungsraum, in dem leere Wände überwiegen. In dieser nüchternen Zelle ist nur ein einziges Gemälde ausgestellt: Thomas Coutures «Porträt einer sitzenden jungen Frau» (1850–­1855). Es steht exemplarisch für die belegten Raubkunstfälle. Das Gemälde hing einst in der Wohnung des französischen Journalisten und Politikers Georges Mandel (1885–1944).

Ein Jahr vor dem Krieg wurde der Faschismuskritiker exekutiert. Wann genau das Couture-Gemälde entwendet wurde, ist nicht bekannt. Mandels ehemalige Lebensgefährtin Béatrice Bretty erhob nach Kriegsende Anspruch auf das Bild. Da einige Angaben, unter anderem zur Signatur, von Naziinventaren abwichen, wurde das Gemälde für eine andere Version desselben Sujets gehalten.

Nun konnte eine mikroskopische Un­tersuchung beweisen, dass es sich tatsächlich um Mandels Bild ­handelt: Ein winziges Loch in der Leinwand belegt Brettys Beschreibung, wonach das Gemälde leicht beschädigt wurde. Eine Restitution zeichnet sich ab.

Bleibt die Frage: Wie geht das Museum mit Werken unklarer Herkunft um? Es hat noch bis Ende 2021 Zeit, eine Antwort zu finden. Dann muss es definitiv entscheiden, welche Bilder aus dem Gurlitt-Nachlass nach Bern kommen und welche vom Erbe ausgeschlossen werden und somit ins Eigentum des deutschen Staates übergehen.

Das Deutsche Zen­trum Kulturgutverluste forscht derzeit ebenso eifrig zur Herkunft der Bilder wie die hauseigene Provenienzabteilung.

Als Entscheidungshilfe hat das Museum ein Farbsystem eingeführt: «Rote» Bilder wie die Renoir-Landschaft werden abgelehnt, «grüne» Werke mit nachvollziehbarer Herkunft angenommen. Die Mammutaufgabe betrifft die «gelbe» Mitte, die den Hauptteil der Erbmasse ausmacht: also Bilder mit lückenhafter Provenienz. Diese Geschichten müssen einzeln bewertet werden. Geschichten, die vielleicht nie zu Ende erzählt werden können.

«Bestandsaufnahme Gurlitt Teil 2. Der NS-Kunstraub und die Folgen»,bis 15. 7., Kunstmuseum Bern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt