Abstiegskampf statt Ruhestand

Schalke 04 steckt mitten in der Krise. Und setzt jetzt auf den Pensionär Huub Stevens, ein Mann aus den guten alten Zeiten.

Das stressfreie Leben ist vorbei: Huub Stevens.

Das stressfreie Leben ist vorbei: Huub Stevens.

(Bild: Keystone)

Vor drei Jahren hatte Huub Stevens seine Trainerkarriere eigentlich beendet. Begründung: Herzrhythmusstörungen. Im Februar 2016 trat er bei der TSG Hoffenheim zurück und erklärte: «Um eine Mannschaft im Abstiegskampf zu betreuen, musst du 120 Prozent fit sein – das Risiko ist zu gross.»

Dass sich der 65 Jahre alte Holländer nun für maximal zwei Monate ausgerechnetim Kampf gegen den Abstieg wieder auf die Bank setzt, liegt daran, dass es ihm selbst angeblich sehr gut geht, dem FC Schalke 04 aber überhaupt nicht. Zu seinem Comeback beim Gelsenkirchener Club sagt Stevens: «Ich bin ein Blau-Weisser, und wenn der Verein solche Probleme hat und mich um Hilfe bittet, dann ist es ganz schwer, Nein zu sagen.»

Am Donnerstagabend hatte Schalkes neuer Sportvorstand Jochen Schneider Trainer Domenico Tedesco (33) nach sieben sieglosen Pflichtspielen mit 5:24 Toren beurlaubt – manche sagen: erlöst. Das ist ihm schwergefallen, denn Schneider betont immer wieder, was für ein «feiner Kerl» Tedesco sei, «und was er für den Verein geleistet hat». Schneider sagt aber auch: «Wir konnten so nicht weitermachen.» Und so hat man am Donnerstag einige Ehemalige für Königsblau reaktiviert: Neben Stevens auch den einstigen Schalker Profi Mike Büskens (50) als dessen Assistenten sowie den früheren Publikumsliebling Gerald Asamoah (40) als Teammanager.

Neuanfang im Sommer

Stevens, der sich eigentlich auf ein stressfreieres Leben umgestellt hatte, macht nicht den Eindruck, als wolle er die Schalker mit Yoga und Atemübungen auf die verbleibenden neun Ligaspiele vorzubereiten. «Was wir jetzt brauchen», sagt er, «sind Schalker Tugenden», und dazu zählt er vor allem «Kampf und Leidenschaft».

Bis Saisonende sollen Stevens, Büskens und Asamoah das Team betreuen, bis dahin muss Schneider einen neuen Trainer und einen neuen Sportdirektor finden, denn bei Schalke setzt man im Sommer alles auf Anfang. Das Notrettungstrio muss jetzt nur noch dafür sorgen, dass dieser Neuanfang in der Bundesliga gemacht werden kann. «Wir stecken in einer extrem schwierigen Situation», sagt Schneider. «Die Lage ist prekär», sagt Stevens. «Wir brauchen jetzt wahnsinnig viel Energie», sagt Büskens. Diese will das Schalker Dreigestirn den Spielern, aber auch den Fans vorleben.

Unter dem zum «Jahrhunderttrainer» gewählten Stevens war Schalke 1997 Uefa-Cup-Sieger, 2001 und 2002 DFB-Pokal-Sieger und 2001 vier Minuten lang deutscher Meister. Das sind beste Referenzen, um den Holländer zum dritten Mal nach 1996 (für sechs Jahre) und 2011 (für 15 Monate) zum Schalke-Trainer zu küren. Stevens dreht erst einmal die Uhr zurück: «Jeder Spieler bekommt eine neue Chance», sagt er. Stevens will Spass zurückbringen, «denn ohne Spass kann man keine Leistung bringen» – und Spass hatten die Schalker unter Tedesco zuletzt keinen mehr.

Tedescos schlechte Bilanz

«Er hat sich stets vorbildlich engagiert», schrieb der Club dem scheidenden Trainer gleichwohl ins virtuelle Zeugnis, aber jeder, der sich mit Zeugnissprache auskennt, weiss, was so eine Formulierung bedeutet. Unter Tedesco wurde Schalke 2018 Bundesliga-Zweiter, hat aber nur 33 der 75 Pflichtspiele gewonnen – gar jedes dritte verloren. Der DFB-Pokal bleibt Schalkes letzte Chance, nächste Saison wieder international zu spielen. Aber eigentlich geht es um den Klassenerhalt. Am drittletzten Spieltag empfängt Schalke Augsburg, am letzten Spieltag Stuttgart. In diesen Duellen könnte sich entscheiden, wer in die Relegation muss.

Stevens ist zuversichtlich, dass ihn die bevorstehende Nervenprüfung nicht überfordert. «Im Moment geht es mir gut», sagt er – «und ich hoffe, dass das in zwei Monaten auch noch so ist.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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