Nach Stotterstart in die Spur gefunden

Tom Lüthi überzeugt bei seiner Moto-GP-Premiere in Katar. Der Berner rast auf Rang 16 – und schnuppert sogar an WM-Punkten.

Schneller Lehrling: Tom Lüthi (Nummer 12) fährt am Nachtrennen in Katar stark – und verpasst die Punkteränge nur um knapp eine Sekunde.

Schneller Lehrling: Tom Lüthi (Nummer 12) fährt am Nachtrennen in Katar stark – und verpasst die Punkteränge nur um knapp eine Sekunde.

(Bild: Waldemar Da Rin (Freshfocus))

Es ist ein packendes Duell an der Spitze, und vor den letzten Kurven ertappt man sich beim Gedanken, dass die wagemutigen Andrea Dovizioso und Marc Marquez es ja vielleicht übertreiben könnten bei ihrem halsbrecherischen Zentimeterkampf. Die beiden stürzen aber nicht, Herausforderer Dovizioso siegt vor Weltmeister Marquez und Ausnahmefigur Valentino Rossi. Und Tom Lüthi verpasst in Katar seine ersten WM-Punkte im Moto GP ganz knapp. Er rast bei seinem Debüt in der Königsklasse auf Rang 16.

Lehrling Lüthi hat seinen ersten echten Test mit Bravour bestanden. Als er nach dem Nachtrennen aus der Box tritt, um Auskunft zu geben, erwarten ihn ein Applaus seiner Entourage – und staunende Journalisten. Mimik und Worte Lüthis korrespondieren mit dem allgemeinen Hochgefühl, der Berner strahlt und sagt: «Natürlich bin ich zufrieden mit meinem ersten Moto-GP-Rennen. Vielleicht wäre sogar mehr möglich gewesen. Aber angesichts der schwierigen Vorgeschichte habe ich deutlich mehr erreicht, als ich erwartet hatte.»

Wer Tom Lüthi in den letzten Tagen am Losail International Circuit erlebt hat, wurde Zeuge seiner bemerkenswerten Entwicklung. Noch am Donnerstagabend, vor den ersten Trainings, dominierten Skepsis und Unsicherheit seine Ausführungen, er sprach einmal mehr davon, das Motorrad noch nicht wie gewünscht zu spüren. Die wegen eines Fussbruchs verpassten Tests Anfang Winter hätten ihn weit zurückgeworfen. «Ich brauche Zeit und Kilometer», sagte er.

Genau 72 Stunden später steht Lüthi am Sonntagabend am gleichen Ort und analysiert seine ersten Moto-GP-Schritte mit angemessenen Worten: «Es ging von Tag zu Tag besser, ich habe mich im Rennen gut gefühlt.» Nicht einmal eine Sekunde fehlte ihm am Ende zu Rang 15, das sei zwar schon ärgerlich. «Aber für dieses Ergebnis hätte ich letzte Woche sofort unterschrieben.»

In den Trainings am Freitag und Samstag war es Lüthi gelungen, den Rückstand auf die Toppiloten kontinuierlich zu verringern – im Qualifying fuhr er auf Rang 18 von 24 Fahrern, gar nicht mal mehr so weit vom Grossteil der Konkurrenten entfernt. Deshalb kam er am Sonntag mit einem positiven Gefühl an die Strecke, auch ein wenig geniessen wollte er seinen grossen Tag und das erste Moto-GP-Rennen. Vorerst verteidigte Lüthi Platz 18, nach einem Fahrfehler zu Beginn der zweiten Runde allerdings verlor er gleich vier Ränge.

«Ich habe das gesamte Rennen Probleme mit dem Bremsverhalten gehabt», sagt er, «das hat mich sehr viel Kraft gekostet.» Aber der 31-Jährige kämpfte im 250. GP seiner Karriere beherzt, profitierte auch von drei Ausfällen, schnupperte gar an Punkten. «Wir müssen analysieren, warum ich beim Bremsen so Mühe hatte», sagt Lüthi, «aber grundsätzlich haben wir in Katar einen grossen Schritt in die richtige Richtung gemacht.»

Und so verlässt Tom Lüthi Katar im Wissen, nach einem Stotterstart in sein Abenteuer doch noch in die Spur gefunden zu haben. Er ist trotz aller Schwierigkeiten stets relativ ruhig geblieben, im Rahmen seiner Möglichkeiten als eher nicht so geduldiger Mensch. Das freut auch seinen Manager Daniel Epp. «Für mich ist es keine Überraschung, hat es bei Tom in den letzten Tagen klick gemacht», sagt er. «Wir haben ja Erfahrungswerte und wussten, dass er schnell lernt.»

Epp ist keiner, der zum Überschwang neigt, er begegnet dem Rummel um Lüthi mit Gelassenheit, verleugnet aber keineswegs seine Genugtuung. «Nach diesen schwierigen Zeiten sind die Tage in Katar ein Aufsteller.» Aber nun gehe es erst richtig los, am GP in Argentinien in drei Wochen sollen die ersten WM-Zähler angestrebt werden.

Noch Mitte letzter Woche hätte man diese Aussage als pure Fantasie abgetan. Aber Tom Lüthi hat in Katar bewiesen, auch im für einen Motorradfahrer hohen Alter ein lernfähiger Musterschüler zu sein. Und so geniesst er nach dem Rennen die Zuneigung der Fans, posiert hier für ein Bild, gibt da ein Autogramm, verschwindet schliesslich winkend in der Box.

Lüthi ist kein Siegfahrer mehr wie jahrelang im Moto 2, er kann sich mit den schnellsten Fahrern seiner Kategorie nicht mehr messen. Und 24 Sekunden Rückstand auf den Sieger wäre ihm früher als halbe Ewigkeit vorgekommen. Am Sonntag in Katar ist es der vielleicht schönste Rückstand seiner langen Laufbahn.

Berner Zeitung

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