Berner Kesb setzen zuerst auf Angehörige

Wer betreut die Kinder, wenn die Behörden den Eltern die Obhut entziehen? Nach Möglichkeit die Familie, lautet die Devise bei den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden des Kantons Bern.

Wohin kommen die Kinder, wenn die Eltern sich nicht mehr um ihren Nachwuchs kümmern können oder dürfen?

Wohin kommen die Kinder, wenn die Eltern sich nicht mehr um ihren Nachwuchs kümmern können oder dürfen?

(Bild: Fotolia)

Seit eine 27-jährige Mutter im zürcherischen Flaach ihre zwei Kinder getötet hat, steht die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) massiv in der Kritik. Auf Unverständnis stösst vor allem der Entscheid der Behörde, die Kinder bei der Verhaftung der Eltern in einem Heim statt bei den Grosseltern zu platzieren.

Ein Szenario, das sich laut Patrick Fassbind, Vorsitzender der Kesb-Gesamtgeschäftsleitung und Präsident der Kesb der Stadt Bern, bei einer Verhaftung der Eltern auch im Kanton Bern so abspielt. «In solch einem Fall kontaktiert die Staatsanwaltschaft die Kesb, bevor die Polizei die Eltern verhaftet, damit der Schutz der Kinder lückenlos gewährleistet ist.» In einem ersten Schritt würden die Kinder fremdplatziert. «Es würde die Ermittlungen gefährden, wenn die engste Familie vor einer geplanten Verhaftung eingeweiht würde.»

Beziehung ist entscheidend

Weil für die Kesb beim Entzug der elterlichen Obhut grundsätzlich das Subsidiaritätsprinzip gilt, muss die Behörde die Unterbringung in der Familie prüfen. Laut Fassbind wird dies auch in schwierigen Fällen getan, wie etwa beim Beziehungsdrama das sich Anfang letzten November in Wilderswil im Berner Oberland zugetragen hatte. Dort hatte ein Mann seine Ex-Frau, deren neuen Partner und sich selbst getötet.

«Die Unterbringung im familiären Umfeld steht immer an erster Stelle», so Fassbind. Die Kesb suche auch mit inhaftierten Eltern nach familiären Lösungen. Entscheidend sei neben dem Kindeswohl auch die Bereitschaft der Verwandten und ob die Kinder zu ihnen eine enge Beziehung hätten. Auch eine minimale Kooperation der Eltern sei wichtig. «Wehren sie sich mit allen Mitteln gegen den Obhutsentzug, dann kann dessen Zweck, der Schutz des Kindes, nicht erfüllt werden.»

Für Grosseltern unzumutbar

Eine Platzierung bei Verwandten kann jedoch auch daran scheitern, dass diese die Kinder nicht aufnehmen wollen. Etwa dann, wenn sie zu deren Schutz ein von der Behörde auferlegtes eingeschränktes Besuchsrecht durchsetzen müssen. Grosseltern könne dies in einen Loyalitätskonflikt stürzen, sagt Fassbind. «Für sie ist es im Gegensatz zu Institutionen unzumutbar und unmöglich, gegenüber der eigenen Tochter oder dem Sohn auf solchen Auflagen zu beharren.» Deshalb komme eine solche Lösung oft nicht in Betracht.

Der Obhutsentzug sei das letzte Mittel, wenn Kinder nicht anders vor ihren Eltern geschützt werden könnten, betont Fassbind. In der Stadt Bern verfüge die Kesb dies jährlich in etwa dreissig Fällen – meist als kurzfristige Massnahme. Seit 2013 sei die Zahl der Heimplatzierungen im Kanton rückläufig, sagt Andrea Weik, Leiterin des kantonalen Jugendamtes.

«Wenn möglich werden Familien ambulant unterstützt, damit die Kinder in ihrem Umfeld bleiben können.» Dabei stehe nicht das Kostenargument im Vordergrund, sagt Weik. «Ausschlaggebend ist vielmehr die Erkenntnis, dass eine Heimkarriere Kinder sehr belastet.»

Berner Zeitung

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