Bob Dylan kratzte wie eine alte Schellackplatte

Jazzfestival Montreux

Nach seinem letzten Schweizer Auftritt hatten manche den amerikanischen Folkmusiker Bob Dylan schon abgeschrieben. Zu Unrecht, wie sein Konzert in Montreux bewies.

Altmeister: Der Singer-Songwriter Bob Dylan, hier während eines Auftritts in Los Angeles. In Montreux liess er sich nicht fotografieren.

(Bild: Keystone)

Bob Dylans Aufritte in Montreux stehen unter einem guten Stern. Hier hat der «Song and Dance Man» einige seiner besten Konzerte gegeben. Auch sein Auftritt vom vergangenen Sonntag war überdurchschnittlich. Zwar war der Gesang gewöhnungsbedürftig, aber das war er schon, als Dylan vor 50 Jahren seine erste Platte veröffentlichte. Dylan hat die Musik seiner Vorbilder – Rock’n’Roller, Minstrels und Folkies – in ihre Einzelteile zerlegt und daraus etwas Neues, Eigenes geschaffen. So verfährt er auch mit seinen eigenen Liedern.

Ungerührt attackiert er die Klassiker, er zwängt die Silben im Tempo eines Rappers zwischen die Akkorde und heult dann auf, als wolle er den grossen Bluesmann Howlin’ Wolf imitieren. Heute ist der 71-Jährige so alt, wie er schon immer klang und nähert sich seinen Helden Charley Patton und Lightnin’ Hopkins: Stimmen aus einer längst vergangenen Zeit.

Nachtclubambiente

Überhaupt sorgen Dylan und seine perfekt eingespielte Band für einen Sound, wie ab einer alten, zerkratzten Schellackplatte. Die Bühnenbeleuchtung ist minimal und lässt die Musiker aussehen, als spielten sie im Nachtclub. Dass diese Ambiance in Montreux entstehen kann, liegt auch an den räumlichen Verhältnissen – das Auditorium Stravinski hat nur 3500 Plätze. Dylans Sound ächzt zu knorrig, um grosse Massen zu begeistern, ausser Musik bieten er und seine Musiker nichts, was dem Stadionfeeling zuträglich wäre. Stattdessen reiht die Band einen Boogie und Western Swing an den anderen, Dylan klimpert derweil am Flügel und bläst den Harmonika-Blues.

Verwegen und düster

Die Setlist beginnt mit dem verwegenen «Leopard-Skin Pill-Box Hat» und endet mit dem Protestsong «Blowin’ in the Wind», dazwischen gibt es Songs aus jeder Schaffensphase. Die stärksten Momente des Konzerts sind die düsteren und geheimnisvollen, wenn im dunklen Saal eine Stimmung entsteht wie in einem David-Lynch-Film, bei «Ballad of a Thin Man» etwa.

Nach dem zweistündigen Konzert schwärmt Festivalchef Claude Nobs von einem lächelnden Dylan – ein Privileg, das dem Publikum in den hinteren Rängen verwehrt war, denn der Meister hatte Videoaufnahmen strikt untersagt. Lächeln hin oder her: Diejenigen, die Dylan nach seinem letzten, umstrittenen Konzert im Zürcher Hallenstadion letzten November schon abgeschrieben hatten, müssen nochmals über die Bücher.

Berner Zeitung

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