Die Thurgauer Pferde erholen sich bei der Armee

Schönbühl

93 Pferde des mutmasslichen Tierquälers von Hefenhofen wurden am Dienstag in den Sand zur Armee transportiert. Dort sollen sie nun aufgepäppelt werden.

  • loading indicator

Das junge Pferd will einfach nicht raus. Gerade ist es in Schönbühl angekommen, noch immer steht es im Transporter, blickt aus traurigen Augen und bleibt einfach stehen. In den letzten Tagen, Wochen, Monaten, vielleicht Jahren hat es im thurgauischen Hefenhofen bei einem mutmasslichen Tierquäler gelebt. Jetzt lockt die Freiheit oder wenigstens die Sicherheit, aber das geschundene Tier macht keinen Schritt.

Am Montag hatte der Kanton Thurgau den Tierhalter festgenommen, am Dienstag wurden die Tiere weggebracht. 93 Pferde wurden nach Schönbühl transportiert. In der Obhut der Schweizer Armee sollen die Tiere in den nächsten zehn Tagen wieder zu Kräften kommen. Was dann mit ihnen passiert, ist Sache des Kantons Thurgau.

Ernstfall statt Nachtübung

Im Schönbühler Sand ist das Kompetenzzentrum Veterinärdienste und Armeetiere zu Hause. «In der Schweiz ist wohl keine andere Institution in der Lage, ­innert eines Tages 93 Pferde aufzunehmen und zu betreuen», sagt Kommandant Jürg Liechti. Deshalb war es klar, dass die Armee auf die Anfrage des Kantons Thurgau einging. «Wir haben unsere eigenen Pferde in Stallungen unterhalb der Strasse umplatziert.» Sie sollen nicht in Kontakt mit den Thurgauer Tieren kommen. «Wir wissen ja nicht, was sie alles mitbringen», sagt Liechti.

Um 16.45 Uhr trifft das erste von sieben Fahrzeugen ein, an Bord befinden sich 18 Pferden. Jetzt schlägt die Stunde für 47 Train-, 20 Veterinärdienst- und 4 Hufschmiedrekruten. Sie befinden sich in der sechsten Schulwoche, eigentlich wäre für heute eine Nachtübung auf dem Programm gestanden. Doch jetzt müsse die Armee ihren Auftrag erfüllen, sagt Oberst Liechti. Neben kämpfen und schützen lautet dieser: Helfen.

Rasch in den Stall

Behutsam führen die Rekruten die Pferde von den Transportern nach draussen. Sie identifizieren die Pferde mit einem Lesegerät, drücken ihnen eine Entwurmungssalbe ins Maul. Sie brennen ihnen eine Nummer auf den vorderen rechten Huf, damit sie die Pferde rasch und auch ohne Gerät auseinanderhalten können. Dann werden die Tiere in den Stall gebracht, wo sie erst mal in Ruhe gelassen werden und fressen können.

Die Rekruten und wenige Rekrutinnen erledigen ihre Arbeit ruhig. Sie lassen den Tieren Zeit, laute Worte fallen keine, auch wenn es hektisch wird. Nachdem die 18 Tiere abgefertigt sind, kehren die Rekruten mit Reisbesen, Schaufel und Schubkarre zurück und wischen den Mist weg. Dann warten sie auf die nächsten Transporte. Auch Stuten mit Fohlen und zwei Hengste werden noch erwartet.

Dreckig, aber gesund

Die Tiere machen einen etwas verwahrlosten, aber gesunden Eindruck. «Ich habe sie so erwartet», sagt Jürg Liechti. Sie seien dreckig, das Langhaar sei nicht gepflegt, die Hufe nicht schön, manche seien etwas mager. Das manchmal etwas störrische Verhalten sei auch normal. «Sie sind wie kleine Buben.» Ausserdem hätten sie eine dreistündige Fahrt hinter sich.

Das gilt auch für das junge Pferd, das den Transporter partout nicht verlassen will. Die Rekruten versuchen es zwar mit ein paar Tricks, locken mit Stroh, doch es nützt alles nichts. Erst als sie ein anderes Tier vorziehen und ohne Probleme aus dem Fahrzeug führen, klappt es. Langsam trottet das Pferd nach draussen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt