Der Stadtteil der Gegensätze

Bern

In Bümpliz und Bethlehem gibt es nur Hochhäuser und Ausländer ­– so die gängigen Vorurteile. Ein geführter Rundgang durch den Stadtteil zeigt aber, dass er vielseitig geprägt ist.

Zum Leben erweckt: Während des Rundgangs «Bern wildwest» schlüpft Schauspieler Adrian Willi in die Rolle von Carl Albert Loosli.

Zum Leben erweckt: Während des Rundgangs «Bern wildwest» schlüpft Schauspieler Adrian Willi in die Rolle von Carl Albert Loosli.

(Bild: Urs Baumann)

Sheila Matti

Carl Albert Loosli kehrt für einen kurzen Moment ins Leben zurück. Er steht in der Laube seines alten Wohnhauses, des ehema­ligen Statthalterstöckli in Bümpliz, und blickt auf die versammelten Menschen herunter. Mit strenger, klarer Stimme fängt er an, über die niedrige Wahlbeteiligung seiner Mitbürger zu sinnieren. Die Ansprache dauert nur wenige Minuten, danach verschwindet Loosli wieder in der Vergangenheit.

Der bekannte Schriftsteller ist nur eine von mehreren historischen Persönlichkeiten, die während des Rundgangs «Bern wildwest» durch die Darstellung eines Schauspielers zum Leben erweckt werden. Die Führung des Vereins Stattland soll den Be­sucherinnen und Besuchern die verschiedenen Seiten des Berner Westens näherbringen. Dieser besteht nämlich nicht nur aus ­unansehnlichen Betongebäuden, sondern wird durch eine Vielzahl von Gegensätzen geprägt.

Ländlich vs. urban

Der erste und wohl auffälligste Gegensatz betrifft die Architektur des Stadtteils. Während sich in Bümpliz viele ländliche Bauten, wie zum Beispiel alte Bauernhäuser oder Gebäude im Heimatstil, finden, ändert sich das Landschaftsbild in Bethlehem zusehends. Nördlich der Bahngeleise überwiegt, dank den Häuserkomplexen, der urbane Baustil. Besonders deutlich wird dieser Gegensatz rund um das Schlossgelände: Während auf der einen Strassenseite das alte Schloss Bümpliz steht, umgeben von einem Wassergraben, ragen auf der anderen Strassenseite mit dem Fellergut die ersten Wohnblöcke in die Höhe.

Der Kontrast zwischen ländlich und urban zieht sich, in Form von vielen Grünflächen, auch zwischen den Häuserblocks weiter. Im Tscharnergut etwa befindet sich zwischen den einzelnen Blöcken jeweils eine 100 Meter breite Rasenfläche, die mal durch einen Tierpark, mal durch einen Schlittelhügel ergänzt wird.

Vorurteile vs. Tatsachen

Im Quartier Tscharnergut werden die Rundgänger auch mit den gängigen Vorurteilen konfrontiert. Vom als Anwohner verkleideten Schauspieler werden diese folgendermassen formuliert: «Ihr denkt doch alle, die Ausländer leben hier wie Kaninchen in Kaninchenställen.»

In Wahrheit aber biete das Tscharnergut viele Vorteile für seine Anwohner: Innerhalb der Wohnhäuser sind keine Autos unterwegs, und das Quartier ist direkt an den öffentlichen Verkehr angebunden. Ausserdem ­befinden sich alle wichtigen Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. Der Anteil an Mi­grantinnen und Migranten in Bethlehem ist tatsächlich sehr hoch. Es sind jedoch vorwiegend Familien, die sich in den Blöcken niedergelassen haben.

Vergangenheit vs. Gegenwart

Ein weiterer Gegensatz, welcher während des Rundgangs «Bern wildwest» aufgezeigt wird, ist derjenige zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart: Es gibt viele Gebäude zu entdecken, welche über eine bewegte Vergangenheit verfügen und heute auf andere Weise genutzt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Bienzgut, welches schon seit dem 19. Jahrhundert mitten in Bümpliz steht. Das frühere Bauernhaus wird heute als Begegnungszentrum genutzt und bietet neben öffentlichen Räumen auch einen Jugend- und Kindertreff mit angrenzendem Streichelzoo.

Auch während des bevorstehenden Stadtfests im August wird das Bienzgut einen wichtigen Treffpunkt darstellen: An einem von mehreren Standpunkten wird hier das 1000-Jahr-Jubiläum von Bümpliz gefeiert.

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