Aufsteiger Sow setzt bei YB zum Endspurt an

Djibril Sow entschied sich im letzten Sommer, trotz erlockenden Angeboten bei YB zu bleiben. Ende Saison wird der elegante Stratege aber in eine Topliga wechseln. Nach zwei aufregenden Jahren in Bern.

Stilprägend und spielintelligent: Djibril Sow, kürzlich 22 geworden, überzeugt bei YB im zentralen Mittelfeld.

Stilprägend und spielintelligent: Djibril Sow, kürzlich 22 geworden, überzeugt bei YB im zentralen Mittelfeld.

(Bild: Raphael Moser)

Fabian Ruch

Im November 2017 schrieb die «Berner Zeitung»: «Sow ist YB!» Man muss diesen Satz aussprechen, um die Bedeutung zu verstehen. Djibril Sow steht für alles, was die Philosophie der Young Boys auszeichnet. Er ist jung, begabt, ehrgeizig. Er war vor eineinhalb Jahren eines der grössten Schweizer Talente. Und er ist heute einer der Hoffnungsträger im Nationalteam.

Sow hat die Chance bei den Young Boys resolut gepackt – und wird im Sommer nach zwei Meistertiteln weiterziehen.

Die Wette mit dem technisch feinen Mittelfeldspieler ist für YB aufgegangen. Sow wird dem Verein 15 bis 20 Millionen Franken Ablösesumme einbringen. Sein Aufstieg ist atemberaubend, ein Ende der Entwicklung nicht abzusehen. «Ich bin immer noch jung», sagt er. «Und ich bin überzeugt, dass ich mich in allen Bereichen verbessern kann.»

Der Reifeprozess

Vor ein paar Wochen ist Sow 22 geworden, er spricht immer noch leise und überlegt auch mal ein paar Sekunden, bevor er antworten wird. Aber der junge Mann ist reifer geworden, souveräner und selbstbewusster. Auf und neben dem Platz. Im Sommer 2017, beim ersten Gespräch mit ihm in Bern, war seine Unsicherheit nach zwei unbefriedigenden Jahren beim Bundesligisten Gladbach zu spüren.

Sow war einer der vielen Gescheiterten in einer grossen Liga, mit 18 bereits hatte es ihn vom FCZ zu Gladbach gezogen, Stammspieler in der Super League war er nie gewesen. Bereut hatte er den Transfer zwar nicht («es war eine lehrreiche Erfahrung»), doch er betrachtete das Engagement bei den Young Boys als Gelegenheit, die Karriere neu zu lancieren. «Manchmal muss man im Leben einen Schritt zurückgehen», sagte er, «um wieder den richtigen Weg zu finden.»

Sow ist längst wieder in der Überholspur. Wie die Teamkollegen Kevin Mbabu und Loris Benito, die sich bei Newcastle respektive Benfica Lissabon nicht durchsetzten und nach überzeugenden Leistungen bei YB ebenfalls wieder vor dem Wechsel in eine Topliga stehen. «Ich werde später immer mit Begeisterung an die Zeit in Bern denken und YB dankbar sein», sagt Sow. «Es hat sich auch sehr gelohnt, eine weitere Saison hier zu sein.»

Das Bekenntnis

Was war 2018 für ein Jahr! Für YB. Und für Sow. Meistertitel und Siegesserien, überragende Darbietungen und Champions-League-Teilnahme, Aufstieg zum Nationalspieler und sehr begehrten Fussballer. Bereits im letzten Sommer stapelten sich die Anfragen bei Sow, doch er einigte sich schon sehr früh mit YB-Sportchef Christoph Spycher darüber, noch ein Jahr zu bleiben. «Für meine Entwicklung war das die beste Entscheidung. Es wäre falsch gewesen, nach einer Saison schon weiterzuziehen.»

Als dann ein Club nach dem anderen anklopfte, blieb Sow standhaft. «Das war nicht immer einfach, aber ich bin überzeugt von meinem Weg.» Spycher ist beeindruckt, wie ruhig Sow bei all dem Rummel geblieben ist. «Da waren viele sportlich und finanziell interessante Offerten dabei», sagt der Sportchef. Sow sei extrem klar im Kopf, die Gespräche mit ihm seien stets von grossem Vertrauen, Ehrlichkeit und Anstand geprägt.

Djibril Sow ging ein gewisses Risiko ein, denn bei einer schweren Verletzung hätte er monatelang ausfallen können. Ob dann die Vereine weiter an ihm interessiert gewesen wären? «Man weiss nie, was passiert», sagt Sow, «aber ich weiss, was für mich am besten ist.» Fussball sei ein hartes Geschäft, ein Verdrängungskampf, man müsse aus einer starken Position bei einem neuen Club anfangen. «Sonst wird es besonders schwierig.»

Die Interessenten

Sow spricht aus Erfahrung. Nach der Enttäuschung in Gladbach. Nach dem Höhenflug bei YB. Und so sagt er heute: «Ich werde genau überlegen, wohin ich gehe. Das Gesamtpaket muss stimmen.» Sow wird sich nicht für das wirtschaftlich lukrativste Angebot oder für den prominentesten Arbeitgeber entscheiden, nur weil das Angebot wirtschaftlich am lukrativsten ist oder der Arbeitgeber am prominentesten. So muss man das verstehen. Es gibt Interessenten aus allen Top-5-Ligen, und Sow ist keiner, der sagt, er wolle unbedingt in der Premier League oder in der Bundesliga spielen. «Das ist alles reizvoll. Am wichtigsten aber sind für mich Club und Trainer.»

Vermutlich wäre es für den Zürcher mit senegalesischen Wurzeln ideal, zu einem ambitionierten Mittelklasseverein zu wechseln und nicht sofort zu einem europäischen Premium-Club. Vielleicht: Gladbach statt Bayern. Oder Everton statt Arsenal. «Das kann gut sein», sagt Sow, «eine Karriere muss perfekt geplant sein. Man hat keine zweite.» Und dann erwähnt er das Beispiel des 19-jährigen Franzosen Matteo Guendouzi, der letztes Jahr als relativ unbekannter Fussballer für nur drei Millionen Franken Ablösesumme vom Kleinclub Lorient zu Arsenal ging – und im stark besetzten zentralen Aufbau des Londoner Vereins erstaunlich viel Spielpraxis erhält. «Weil Trainer Unai Emery auf ihn setzt», sagt Sow.

Das Kopfballtor

Noch ist Sow bei YB engagiert. Er hat einen schönen Frühling mit ein paar Meisterpartys vor sich. Und turbulente Zeiten hinter sich. Beim 0:4 im Cup-Viertelfinal in Luzern hatte er am vorletzten Mittwoch nach wenigen Sekunden eine Riesenchance vergeben, drei Tage später erzielte er beim 1:0 in Zürich gegen GC in der 95. und letzten Minute das Siegtor. Mit einem herrlichen Kopfball. «Ich war selber überrascht», sagt Sow, «ich treffe ja nicht oft. Und mit dem Kopf bin ich alles andere als ein Spezialist, ich hatte vorher erst ein Kopfballtor erzielt.» Das war mit den FCZ-Junioren – gegen GC.

Trotz seines zweiten Treffers für YB in 66 Pflichtspielen blickt Sow unzufrieden auf die letzten Wochen zurück. «Der Cupsieg war ein grosses Ziel von uns. Wir haben in Luzern einen schlechten Tag erwischt. Das kann leider auch uns passieren.» Man habe die Absenzen der vielen verletzten Stammkräfte gespürt. «Und gerade in solchen Partien war Sékou Sanogo mit seiner Präsenz wertvoll.» Sanogo war der perfekte Partner Sows im Zentrum gewesen, ehe er im Winter nach Saudiarabien wechselte.

Was im Übrigen für Sows Entwicklung positiv ist – und auch für jene der anderen talentierten Mittelfeldspieler: Sandro Lauper und Michel Aebischer. «Wir müssen defensiv mehr Verantwortung übernehmen», sagt Sow, «und in mehr Zweikämpfe gehen, weil keiner mehr da ist, der hinter uns alles abräumt.» Er sei froh, übertrage YB den Jungen so viel Vertrauen. «Das ist nicht selbstverständlich.»

Die Perspektive

Der smarte, elegante Stratege Sow wird bei YB vermisst werden. «Mit ihm zu arbeiten, ist grossartig», sagt Trainer Gerardo Seoane, «er ist sehr lernwillig und für sein Alter enorm weit.» Mit bemerkenswerter Ballsicherheit, Übersicht und Spielintelligenz ist Sow dabei, ein stilprägender Schweizer Aufbauer zu werden. Vielleicht agiert er bald an der Seite von Granit Xhaka und Denis Zakaria im Nationalteam. «Ich bin stolz, Teil der Auswahl zu sein. Aber derzeit sind andere vor mir. Sie haben sich im Ausland bereits durchgesetzt.»

Im zweiten Anlauf soll das auch ihm gelingen. In der Champions League hielt er als einer der wenigen YB-Spieler in jeder Begegnung mit. Und an seiner Schwachstelle, der Torgefahr, arbeitet er intensiv. Djibril Sow besitzt jedenfalls mehr als ordentliche Schussqualitäten. Und offenbar auch eine hervorragende Kopfballtechnik.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt