Tierfabriken für alle

Bestseller propagieren Vegetarisches und Bio. Doch nur die Industrie hat Lösungen für den wachsenden Fleischkonsum.

Immer mehr und mehr: Fleisch wird trotz aller Vorbehalte global immer mehr nachgefragt werden.

Immer mehr und mehr: Fleisch wird trotz aller Vorbehalte global immer mehr nachgefragt werden.

(Bild: Reuters)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Wir essen so viel Tierisches, dass es unserer Gesundheit schadet. Zwar enthält Fleisch viele Nährstoffe, die wir brauchen. Aber die Zahl der Herz-Kreislauf-Krankheiten würde um 15 Prozent sinken, wenn wir unseren Konsum von Steaks, Cervelats, Eiern, Käse und Milch um 30 Prozent senken würden, wie die medizinische Fachzeitschrift «The Lancet» vorrechnet.

Die Produktion von Fleisch belastet die Umwelt weltweit stärker als das Auto, wenn Kosten für Futter, auch durch Rodung des Regenwaldes, einkalkuliert werden. Das tat 2006 dieUNO-Landwirtschaftsorganisation FAO.

Fleisch essen heisst Tiere töten, und zwar Tiere, die oft unter schlimmsten Bedingungen in Fabriken leben und sterben. Ethische Bedenken dagegen gibt es seit Jahrtausenden. Sie bewegen uns derzeit wieder besonders stark. Das zeigen zwei Bücher, die Aufsehen erregen: «Anständig essen» von Karen Duve und «Tiere essen» von Jonathan Safran Foer.

Mehr Fleisch

Doch was uns in Zeiten des deutschen Dioxin-Skandals besonders nachdenklich stimmt, scheint der Mehrheit der Menschen egal. Nur eine Minderheit teilt unsere ethischen Bedenken, so etwa 300 Millionen vegetarische Hindu in Indien (aber bei weitem nicht alle Hindu). Für Millionen in Afrika, Südamerika oder Asien ist es nichts Besonderes, Tiere bis unmittelbar vor dem Essen frisch zu halten, indem sie gefesselt, verstümmelt oder eingepfercht am Leben erhalten werden. Kühlschränke gibt es oft nicht. Für Arme geht es ums Überleben, nicht ums Wohl der Tiere.

Den Hunger wollen wir bekämpfen – und erzielen beachtliche Erfolge, vor allem in aufstrebenden Ländern wie China, Indien und Brasilien. Das bedeutet aber auch, dass Millionen von Menschen, die bisher kaum etwas zu essen hatten, zu Fleischkonsumenten werden. In China lebten noch 1980 nur 19 Prozent der Bevölkerung in Städten; jetzt sind es 47 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen. Hunderte Millionen haben ein karges, unsicheres, vom Wetter, von Schädlingsplagen und Krankheiten beeinträchtigtes Leben als Kleinbauern getauscht gegen ein oft ebenso karges, aber hoffnungsvolleres Leben in einer Metropole. Weltweit lebt heute mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten.

Ein besseres Leben, das heisst fast überall: mehr Fleisch. Auf dem Tisch ist es Statussymbol. Wer von uns nennt auf die Frage «Was ist dein Lieblingsgericht?» etwas Vegetarisches? Niemand kann verhindern, dass mit wachsendem Wohlstand in China immer mehr Autos gekauft werden, egal, was das für den Ausstoss von Treibhausgasen bedeutet. Ebenso wenig kann jemand verhindern, dass dort immer mehr Fleisch gegessen wird.

Alternativen decken Bedarf nicht

Die Produktion toter Tiere wird in den nächsten Jahren massiv steigen, von heute 228 Millionen Tonnen jährlich auf 463 Millionen Tonnen im Jahr 2050, wie die FAO berechnet hat. Die effizienteste, womöglich die einzige und, überraschenderweise, die umweltverträglichste Art, diese Fleischmengen herzustellen, ist intensive Tierhaltung, sind Tierfabriken. Für ein Kilogramm Poulet aus intensiver Produktion muss ein Huhn nur etwa zwei Kilogramm Körner fressen – eine «Konversionsrate», die Rinder niemals erreichen. Sie fressen etwa sieben Kilogramm Futter für ein Kilogramm Steak. Intensivhaltung verbraucht weniger Land, erlaubt eine bessere Kontrolle der Fütterung und der Abfallprodukte wie Kot und damit der Produktion von Treibhausgasen. Schlachtung und Weiterverarbeitung sind weniger aufwendig.

Es gibt Alternativen zur Tierfabrik. Die Schweizer Kuh auf der Alp nutzt Weideland, das sonst zu nichts zu gebrauchen ist. Solche marginalen landwirtschaftlichen Flächen finden sich auf allen Kontinenten. Aber Kleinbauern, so sehr sie sich auch anstrengen, können den Bedarf der wachsenden Millionenstädte nie decken. Und sie produzieren teuer. Sie können höchstens, wie bei uns, einen Nischenmarkt bedienen.

Luxus

Natürlich würde auch in Indien oder Brasilien niemand wissentlich Fleisch aus einer Tierfabrik essen, wenn es mit Dioxin vergiftet ist. Umso wichtiger werden staatliche Kontrollen. Ansonsten wird es wohl lange dauern, bis Konsumenten in Entwicklungsländern die Herkunft des Hamburgers, der Schweinswurst oder der Pouletbrust hinterfragen.

Nur ein Instrument ist denkbar, das überall auf der Welt den Fleischkonsum einschränken könnte: der Preis. Fleisch müsste wieder zum echten Luxus werden. Der freie Markt bewirkt das Gegenteil. Regierungen können zwar eingreifen, was sie auch tun, etwa mit Gesundheitsauflagen. Doch was geschieht mit Politikern, die sich für teurere Lebensmittel starkmachen? Sie werden abgesetzt.

Tages-Anzeiger

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