SCB: Helden und Houdinis gesucht

Der SC Bern reist am Samstag zum Spiel der letzten Chance nach Biel (20 Uhr, SRF 2 live). In der Vergangenheit haben in solchen Partien häufig Einzelspieler für die Differenz gesorgt.

Unbändiger Wille und Torinstinkt: SCB-Topskorer Byron Ritchie im Viertelfinal 2013. Foto: Andreas Blatter

Unbändiger Wille und Torinstinkt: SCB-Topskorer Byron Ritchie im Viertelfinal 2013. Foto: Andreas Blatter

Reto Kirchhofer@rek_81

Und wieder einmal wäre er in Bern gefragt: Erich Weisz, geboren 1874 in Budapest, verstorben 1926 in Detroit, bekannt als Harry Houdini, populär geworden dank seiner Entfesselungskunst.

Der SC Bern hat seit Einführung des Playoff so manche Partie der letzten Chance gewonnen. Sich im letztmöglichen Moment von den Fesseln des Drucks befreit. Wer sich den Spielfilm früherer Serien vor Augen führt, der erkennt, dass in solchen Situationen die Teamleistung die Basis gebildet hat, es aber immer wieder Einzelspieler waren, welche die Wende herbeiführten.

Für die Kunst der Entfesselung braucht es Technik, Wille. «Das Gehirn ist der Schlüssel», hat Houdini einst gesagt. Und weil Eishockey ein Kontaktsport ist, braucht es auch Kampf, Durchsetzungsvermögen.

Technik, Wille, Kampf, Durchsetzungsvermögen: Martin Plüss, Byron Ritchie und Gaetano Orlando wissen Bescheid. Sie haben in der Vergangenheit mit dem Rücken zur Wand zur Bestleistung gefunden und den SCB inspiriert.

Holdens Worte als Hoffnung

Vor sechs Jahren gewannen die Berner im Playoff gleich fünfmal eine Partie, die im Fall einer Niederlage die letzte der Saison gewesen wäre. Als wahre Entfesselungskünstler erwiesen sich Plüss und Ritchie. Der Captain war das Hirn des Teams, der Kanadier der Motor. Ritchie hielt den SCB im Viertelfinal gegen Genf nach dem 1:3-Rückstand quasi im Alleingang in der Serie. Im fünften Match erzielte er in der Verlängerung das Siegtor, im sechsten sorgte er mit zwei Treffern im dritten Drittel dafür, dass der Favorit überhaupt die Verlängerung erreichte.

Ritchie, auf wie neben dem Eis meist bärbeissig, zog die anderen Spieler mit und sorgte in der Serie gegen Genf mit 13 Punkten für die Differenz. Eine Runde später übernahm Plüss den Lead: Im Halbfinal gegen Zug gelangen ihm fünf Tore. Als Bern im sechsten Match auswärts vor dem Aus stand, zog der Center mit einem Energieanfall in Unterzahl los und erzielte den entscheidenden Treffer. Josh Holden, damals Zugs Topskorer, heute Assistent beim Playoff-Finalisten, sagte nach dem Match: «Bern weiss einfach, wie man entscheidende Spiele gewinnt.»

Wer nach Helden und Houdinis sucht, stösst eher früher als später auch auf Gaetano Orlando – selbst wenn der technische Aspekt nicht so der seine war. Die dritte Partie im Viertelfinal 1997 gegen den ZSC (Bern lag 0:2 zurück) ist bis heute ein Sinnbild dafür, wie ein Spieler seinem Team über Kampf den Weg zurück in eine Serie weisen kann. Nach 29 Sekunden setzte Orlando das Zeichen, streckte seinen Begleiter Patrizio Morger nieder. Die Zürcher verloren den Kopf, sammelten 118 Strafminuten, Orlando erhielt 50 Minuten (!) Eiszeit und erzielte zwei Tore. Drei Wochen später war Bern Meister. Zugegeben: Der Wilde Westen war dem Schweizer Eishockey damals noch etwas näher.

Held hier oder Heldenepos da

Am Samstag hat der SCB im sechsten Halbfinalspiel in der Tissot-Arena alles zu verlieren, aber auch die verlockende Heldenrolle zu vergeben. An Kandidaten mangelt es nicht. Vorkämpfer und Captain Simon Moser kommt infrage. Vielleicht setzt Tristan Scherwey mit einem seiner typischen «Rushes» das Zeichen. Oder Andrew Ebbett wird seinem Ruf als «Mister Playoff» gerecht und steht am richtigen Ort. Und ein Akteur mit der Klasse von Mark Arcobello kann jederzeit für die Differenz sorgen.

Und falls nicht? Dann hätte das Seeland seinen Heldenepos: zum ersten Mal im Playoff-Final – und endlich einmal den Rivalen in einer Serie besiegt.

Tages-Anzeiger

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