Martin Bieri lässt sich von der multiplen Sklerose nicht unterkriegen

Multiple Sklerose (MS) ist immer noch eine unheilbare Krankheit. Durch die Entwicklung neuer Medikamente hat sich die Lebensqualität von Betroffenen aber stark verbessert, wie das Beispiel des Berners Martin Bieri zeigt.

«Es gibt nicht zwei MS-Betroffene, bei denen sich die Krankheit auf die genau gleiche Weise zeigt», weiss Martin Bieri (50). Der Berner trägt diese Krankheit selber schon mehr als sein halbes Leben in sich. Angefangen hatte es mit Gefühlsstörungen in den Beinen, denen er zuerst keine grosse Beachtung schenkte. Auch die Ärzte sahen erst keinen Grund zur Sorge, bis schliesslich ein hinzugezogener Neurologe die Diagnose stellte: «Multiple Sklerose.»

MS ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, welches das Gehirn, das Rückenmark und die Sehnerven umfasst. Aus diesem Grund macht sich die Krankheit in erster Linie durch Seh-, Sprach- und Gleichgewichtsstörungen bemerkbar, durch Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen sowie den Verlust der Kontrolle über die Blase. In rund 85 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit schubweise, wobei sich die Beschwerden nach einem Schub wieder zurückbilden. Die Krankheit kann jedoch auch in eine «sekundär progrediente MS» übergehen, bei der die Krankheitssymptome kontinuierlich zunehmen. Bei fast 15 Prozent der Betroffenen zeichnet sich die MS von Anfang an durch eine kontinuierliche Verschlechterung aus; in solchen Fällen spricht man von einer «primär chronisch progredienten MS».

Medaillen mit MS

Seit nunmehr 27 Jahren leidet Martin Bieri an einer schubförmigen MS. Von dieser Krankheit will er sich jedoch nicht unterkriegen lassen. Seine Begeisterung für den Sport zum Beispiel liess er sich nie nehmen, auch dann nicht, als er sich gezwungen sah, seine Krücken gegen einen Rollstuhl einzutauschen. Im Gegenteil: Er schloss sich einem Berner Rollstuhlcurlingteam an, das 2009 sogar die Goldmedaille an der Schweizer Meisterschaft holte. Im gleichen Jahr besiegte seine Mannschaft an der Weltmeisterschaft in Kanada Gegner wie China und die USA, und bei den Olympischen Spielen (Paralympics) von 2010 in Vancouver belegte das Schweizer Team mit Marin Bieri den 7.Rang.

Den Alltag besser bewältigen

Um dieses Ziel zu erreichen, absolvierte Martin Bieri ein spezielles Kraft- und Ausdauertraining. Trotz der erzielten Erfolge musste er aber die Erfahrung machen, dass es MS-Betroffene im Leistungssport noch schwerer haben als andere Körperbehinderte: «Jemand kann zwar über starke Muskeln verfügen, aber in Bezug auf die Ausdauer können wir auf lange Sicht nicht mithalten.» Kraft und Ausdauer sind jedoch nicht nur in Sportwettkämpfen gefragt, sondern auch im täglichen Leben. Martin Bieri beispielsweise bewältigt seinen Haushalt weitgehend allein. Täglich fährt er von Bern-Wittigkofen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Zuchwil SO, wo der gelernte Metallbauschlosser immer noch im gleichen Betrieb arbeitet, wenn auch mit einem reduzierten Pensum in der Marketingabteilung, in der Köpfchen wichtiger ist als Körperkraft.

Für Jürg Kesselring, Neurologieprofessor und Präsident der Schweizerischen MS-Gesellschaft, ist die Physiotherapie für alle Betroffenen ein wichtiger Bestandteil der Behandlung: Nötig, so betont er, sei eine umfassende Rehabilitation zur Stärkung von Kraft und Ausdauer sowie zur Verminderung von Muskelverkrampfungen und zur Erhaltung der Beweglichkeit der Gelenke. Neben diesen Therapieformen, die auf die Symptome der multiplen Sklerose abzielten, stehe die medikamentöse Basistherapie im Vordergrund, durch die Schübe bei der schubförmigen MS um bis zu zwei Drittel reduziert werden könnten. In jedem Fall, so Kesselring, gehe es darum, durch einen Verbund verschiedener Massnahmen «jene Ziele zu erreichen, die im Voraus gemeinsam abgemacht worden sind und die dazu dienen, den Alltag besser zu bewältigen».

Fortschritte in der Medizin

In Bezug auf die Medikamente wurden in den letzten 15 Jahren grosse Fortschritte erzielt, und die Zukunft lässt auf weitere medizinische Erfolge hoffen. Mitte der Neunzigerjahre kamen sogenannte Interferone auf den Markt – Arzneien, durch die sich die Veränderungen im Gehirn sowie die Häufigkeit und Intensität der MS-Schübe verringern lassen. Die drei damals zugelassenen Interferone sowie das später hinzugekommene Glatirameracetat sind auch heute noch Therapiestandard, so Daniela Wiest, Neurologin und Fachärztin für multiple Sklerose in Biel.

Die Wirksamkeit dieser Heilmittel habe sich schon früh feststellen lassen; heute komme als wichtiger Vorteil hinzu, dass durch Langzeitstudien auch deren Sicherheit erwiesen sei: «Für mich als beratende Neurologin ist es wichtig, dass die von uns empfohlenen Substanzen auch auf lange Sicht keine gefährlichen Nebenwirkungen zeigen.» Im jeweiligen Einzelfall wähle sie deshalb jene Therapie, die einerseits möglichst sicher sei und anderseits den Wünschen und Werten des oder der Betroffenen entspreche.

Auch Martin Bieri sieht deshalb nach Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen vorerst keine Veranlassung, das Medikament zu wechseln, das er sich seit 1996 alle zwei Tage spritzt und das ihm bisher ein weit gehend selbstständiges Leben erlaubt hat.

Berner Zeitung

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