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Interview mit Hirnforscher«Angstmacherei ist eine Unart unserer ganzen Gesellschaft»

Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther kritisiert, rund um das Coronavirus werde Panik verbreitet. In Bern wirbt er für neue Arten des Zusammenlebens.

«Ich bin kein Weltverbesserer, aber ein Biologe, der sich in die Vielfalt des Lebendigen verliebt hat», sagt Gerald Hüther (69).
«Ich bin kein Weltverbesserer, aber ein Biologe, der sich in die Vielfalt des Lebendigen verliebt hat», sagt Gerald Hüther (69).
Foto: Keystone

Herr Hüther, Sie sagen, Sie schreiben keine Bücher, um die Menschen zu belehren. Weshalb tun Sie es dann?

Ich beobachte Phänomene in unserer Gesellschaft wie Angst, Liebe oder Demenz. Dann tauche ich mit meinem Hintergrund als Gehirnforscher tief ein in die Problematik. Indem ich meine Gedanken aufschreibe, ordne ich sie. Am Ende habe ich ein Manuskript vor mir, das ich auch anderen zeigen kann. Ich bin kein Heilsbringer und kein Weltverbesserer, aber ein Biologe, der sich bereits als Kind in die Vielfalt des Lebendigen verliebt hat. Es ärgert mich, dass unsere Spezies im Begriff ist, diese zu ruinieren.

Ihr neues Buch erscheint im September und heisst «Wege aus der Angst». Worum geht es?

Ich habe das Buch geschrieben, weil ich Antworten auf die Corona-Problematik finden wollte. Im Gegensatz zu Tieren, die erst bei einer gefährlichen Situation Angst empfinden, können wir Menschen bereits Angst haben, wenn wir uns eine gefährliche Situation vorstellen. Leider wird in unserer Gesellschaft Angst oft geschürt, um bei den Menschen ein bestimmtes Verhalten hervorzubringen. Dieses Phänomen ist in der Corona-Krise besonders deutlich zutage getreten.

Wie genau wird Angst geschürt?

Angstmacherei ist eine Unart unserer ganzen Gesellschaft. Das beginnt schon bei den Eltern, die ihren Kindern sagen, sie sollten sich in der Schule anstrengen, weil sie sonst ein schlechtes Zeugnis erhalten und später im Leben nichts erreichen. Auch die Werbung operiert mit Angst. Sie suggeriert uns zum Beispiel, wer nicht eine bestimmte Faltencreme benutzt, wird zu einer hässlichen alten Tante, mit der niemand etwas zu tun haben will. Diese systemimmanente Angst kann eskalieren.

Und im Moment eskaliert sie?

Sie ist bereits eskaliert. Das Fatale daran ist, dass es sehr schwierig ist, verängstigte Menschen wieder zu beruhigen.

Vor allem hängen verängstigte Menschen gern Verschwörungstheorien an.

Wenn Leute an Verschwörungstheorien glauben, dann handelt es sich dabei in der Regel um eine Bewältigungsstrategie. Es ist einfacher, mit einer Bedrohung umzugehen, wenn man glauben kann, dass dahinter ein übergeordneter Plan steckt. Ich finde es allerdings keine gute Idee, Kritiker des bisherigen Umgangs mit der Corona-Problematik als Verschwörungstheoretiker abzukanzeln.

Was wäre denn besser?

Dass man aufhört, den Leuten Angst zu machen, nur weil man erreichen will, dass sie sich an die Vorgaben halten.

Wer genau macht denn den Leuten Angst?

Ich unterstelle niemandem eine böse Absicht. Das Grundproblem liegt in der Art und Weise, wie wir unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben seit einigen Jahrzehnten gestalten. Einen grossen Teil der Verantwortung sehe ich bei den Medien, die sich finanzieren müssen über Abonnenten oder Quoten. Sie stehen deshalb ständig in der Versuchung, grosse Sensationsmeldungen zu bringen.

Die Bilder aus dem italienischen Bergamo von den zahlreichen Corona-Toten waren echt. Das war keine Sensationsmeldung.

Der Kontext fehlte! Die italienischen Gesundheitsbehörden hatten die üblichen Bestattungsregeln aufgehoben. Jeder Tote sollte in Tüten eingeschweisst werden, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Doch dann fehlten in den ersten vierzehn Tagen Tüten und Schweissgeräte. Deshalb musste man die Toten gekühlt zwischenlagern, bis die Säcke da waren. Die so gesammelten Särge wurden dann alle auf einmal nachts mit LKW abtransportiert. Fotos davon schockierten die ganze Welt. So wird Angst geschürt. Aus reinem Geschäftsinteresse.

Nicht nur die Medien, auch Politiker haben ohne finanzielle Interessen vor dem Coronavirus gewarnt.

Die Politikerinnen und Politiker haben ein Interesse daran, zu zeigen, wie gut sie eine schwierige Situation managen können. Und die Gesundheitsexperten möchten zeigen, wie wichtig sie sind.

Trotzdem: Die Situation ist tatsächlich potenziell gefährlich.

Das Leben ist immer gefährlich. Man kann den Leuten nicht sagen, wenn sie das und das machen, dann kommt alles gut. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen. Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei.

Wie handhaben Sie es denn? Schützen Sie sich?

Ich trage nur dann eine Maske, wenn ich dazu gezwungen werde. In Deutschland ist das der Fall im Zug und beim Einkaufen in Läden. Ich rebelliere nicht dagegen, weil das in der aufgeheizten Stimmung keinen Sinn hat.

Was empfehlen Sie, damit sich alle etwas entspannen?

Es braucht eine emanzipierte, sich selbst bewusste Bevölkerung. Ich rede ja hier in Bern für die Bewegung Neue Kultur, die jetzt formell gegründet wird. Sie will sich für eine Veränderung der Gesellschaft weltweit einsetzen. Statt der Interessen Einzelner soll das Wohl aller im Vordergrund stehen.

Vielleicht wollen gar nicht alle eine grundlegende Veränderung?

Es gibt sicher solche, die nur darauf hoffen, dass alles wieder in der alten Spur läuft. Doch der Lockdown hat einige Denkmuster aufgebrochen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass für die Aufbewahrung der Kinder immer die Schule und der Kindergarten bereitstehen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um grundlegende Veränderungen anzupacken.

Eine Veränderung durch Corona zeichnet sich bereits deutlich ab: Wir können nicht mehr längerfristig planen. Was macht das mit unserem Gehirn?

Unser Gehirn mag am liebsten einen Zustand, in dem alles zusammenpasst. Deshalb sitzen wir so gern daheim auf dem Sofa und gucken fern. Bei Schwierigkeiten will unser Gehirn schnelle Lösungen, damit es wieder zurück in den Energiesparmodus kann. Doch die kurzfristigen Lösungen sind langfristig oft schlecht. Zum Beispiel ist es nicht sinnvoll, jedes Mal Alkohol zu trinken, wenn man ein Problem mit seiner Frau hat. Diesen Hang zum Kurzfristigen kann man nur überwinden, indem man ein längerfristiges Anliegen verfolgt, an das man glaubt. Genau das erhoffe ich mir für unsere Gesellschaft.

Vortrag von Gerald Hüther: «Wie wollen wir zusammen leben?», 29.8., 17 Uhr, Kursaal Bern.

26 Kommentare
    Roman S.

    Vielen Dank an Gerald Hüther! Das Buch verbreitet Besonnenheit.