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Grossartiges Comeback am US OpenAndy Murray, Ikone der Hüftpatienten

Mit eiserner Entschlossenheit kämpft sich der Schotte nach 0:2-Sätzen zu seinem Grand-Slam-Premierensieg mit Metallhüfte. Damit macht er auch anderen Mut.

Urschrei der Erleichterung: Andy Murray feiert seinen Fünfsatzsieg in Flushing Meadows.
Urschrei der Erleichterung: Andy Murray feiert seinen Fünfsatzsieg in Flushing Meadows.
Foto: Keystone

Andy Murray erzählte kürzlich, wer ihn am meisten motiviert hatte, es nach seiner Hüftoperation nochmals auf der Tour zu versuchen. Nicht seine Frau Kim oder seine Mutter Judy, die lange seine Trainerin gewesen war. Auch nicht seine sportlichen Rivalen, mit denen er lange in einem Atemzug genannt wurde. Nein, es war ein Chirurg, dessen Name er nicht verraten wollte: «Nach Wimbledon 2017 sagte er zu mir, mir würde nicht mehr viel Zeit bleiben. Ich könnte zwar meine Hüfte operieren lassen, aber ich würde danach nie mehr Profisport betreiben.»

Im Januar 2019, nachdem er am Australian Open voreilig von der Tour verabschiedet worden war, begab sich der Schotte dann unters Messer. Dabei entschied sich nicht für einen Totalersatz, sondern liess den Hüftkopf abschleifen und von einer Metallkappe überziehen eine Methode, die in der Schweiz nicht verbreitet ist. Der Zufall wollte es, dass Murray am Morgen nach der Operation, als er seine ersten Schritte mit Krücken wagte, jenen Chirurgen im Korridor traf. «Er lächelte mich an und sagte zu meiner Frau: Ich habe ihm gesagt, dass er das machen müsse

Jene Begegnung habe ihn geprägt, erzählte Murray. «Ich hatte gerade eine schwierige Zeit durchgemacht, war operiert worden, seine Selbstgefälligkeit traf mich. Das war das, was mich am meisten motivierte.» Die frühere Nummer 1 kämpfte sich also zurück auf die Profitour und feierte im Oktober jenes Jahres sogar den ersten Titel mit künstlicher Hüfte: in Rotterdam mit einem Finalsieg über Stan Wawrinka.

Doch Murray musste auch immer wieder Rückschläge einstecken, musste wegen einer Knochenprellung das diesjährige Australian Open auslassen und litt unter Verknöcherungen als Folge seiner Hüft-OP. Doch Murray kämpfte weiter, feierte vergangene Woche am Masters-1000-Turnier gegen Alexander Zverev seinen ersten Sieg über einen Top-10-Spieler in seiner zweiten Karriere und nun gegen den Japaner Yoshihito Nishioka (ATP 49) den ersten Erfolg an einem Grand Slam. Und dies erst noch nach einem 0:2-Satzrückstand und einem abgewehrten Matchball im vierten Durchgang.

Es war lange kein grossartiger Auftritt Murrays, doch sein Kampfgeist war imposant. «Nach dem Spiel war es ziemlich emotional», gestand er. «Als ich zurück in die Kabine kam, schaute ich auf mein Handy und sah all die Nachrichten von Familie und Freunden. Das sind die Leute, die erlebt haben, was ich alles durchgemacht habe. Ich weiss nicht, wie viele von uns geglaubt haben, dass ich nochmals solche Matches gewinnen würde. Deshalb bedeutet mir dieser Sieg viel.»

«Ich liebe es zu sehen, wie das Potenzial dieser Implantate ausgereizt wird. Und Andy geht definitiv ans Limit.»

Edwin Su, Hüftchirurge

Murray ist der Erste, der mit einer künstlichen Hüfte auf ein Topniveau im Einzel zurückgekehrt ist. Der Amerikaner Bob Bryan, der soeben zurückgetreten hat, hatte es ihm Doppel geschafft. Aber da ist Belastung auf die Hüfte viel geringer. Ein interessierter Beobachter von Murrays Auftritten ist der New Yorker Chirurge Edwin Su, der den Schotten operiert hat. «Ich bin froh, dass ich Recht hatte», sagte dieser gegenüber dem New-York-Times-Journalisten Chris Clarey. «Ich liebe es zu sehen, wie das Potenzial der Implantate, die ich verwende, ausgereizt wird. Und Andy geht definitiv ans Limit.»

Dem «normalen» Hüftpatienten kann Murrays Beispiel Mut machen. Es zeigt, was noch alles möglich ist. Auch wenn es langfristig nicht zu empfehlen sein dürfte, das Implantat konstant solchen Belastungstests zu unterziehen. Was den britischen Chirurgen angeht, den Murray eingangs erwähnte: «Ich wollte ihm eigentlich eine Flasche Wein schicken, um mich dafür zu bedanken, dass er mich so motiviert hat. Aber ich konnte mich noch nicht dazu durchringen.» Es muss ja nicht unbedingt ein guter Bordeaux sein. Ein britischer Wein würde es auch tun.