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Wandertipp im Berner OberlandAn der kontinentalen Wasserscheide

Bernerland ist Aareland. Doch an der Grimsel fliesst Berner Wasser beinahe in die Rhone und damit ins Mittelmeer. Die Bergwanderung zum Nägelisgrätli führt jedenfalls in eine urtümliche Welt von kargem Fels mit Gletschersicht.

Karge Schönheit beim Nägelisgrätli.
Karge Schönheit beim Nägelisgrätli.
Foto: Andreas Staeger

Als Wasserschloss der Schweiz wird das Grimselgebiet bezeichnet. Enorme Mengen an Regen- und Schmelzwasser fallen hier an. In mehreren Stauseen auf der Berner Seite wird das kostbare Nass gesammelt und für die Produktion von elektrischer Energie genutzt. Ganz anders sieht es auf der Walliser Seite des Grimselpasses aus: Dort fliesst das Wasser ungenutzt in die Rhone.

Die Passhöhe liegt direkt an einer kontinentalen Wasserscheide: Was an Rinnsalen, Wildbächen und Bergflüssen nördlich abfliesst, strömt früher oder später in den Rhein und damit in die Nordsee. Die Gebiete südlich dieser Grenze werden hingegen zur Rhone und damit ins Mittelmeer entwässert.

Grandiose Wildnis

Gibt es nicht irgendwo ein Berner Wässerchen, das allenfalls gegen den milden Süden statt den eisigen Norden strebt? Ein oberflächlicher Blick auf die Landeskarte zeigt: Doch, das dürfte es geben, und zwar am ehesten nordöstlich der Grimsel, wo die Kantonsgrenze zwischen Bern und Wallis in den gewaltigen Kessel am Fusse des Dammastocks vorstösst, den der Rhonegletscher zumindest teilweise ausfüllt.

Die Landschaft dieser Gegend ist eine grandiose Wildnis. Ein Bergwanderweg führt zumindest ein Stück weit hinein in diese karge Welt. Er ist gut ausgebaut, sodass Wanderer, die einigermassen berggewohnt sind, die Strecke mühelos bewältigen können.

Abseits des Verkehrslärms

Wie andere mit Strassen erschlossene Alpenpässe ist die Grimsel ein Paradies für Motorradfahrer. Laut heulen die Motoren an sonnigen Sommer- und Herbsttagen – ein bizarrer und etwas verstörender Kontrast zur spröden Weite dieser Landschaft. Wohltuend nimmt sich dagegen die Stille aus, die einen auf dem Bergwanderweg schon kurz nach dem Start umfängt.

Der Grätlisee liegt in beinahe unberührter Natur.
Der Grätlisee liegt in beinahe unberührter Natur.
Foto: Andreas Staeger

An der Kapelle auf der Passhöhe und an der mit Steinen begrenzten Aussichtskanzel vorüber geht es in leichtem, doch stetigem Anstieg über steinige Bergweiden zum Nägelisgrätli und diesen entlang weiter hinauf zum Grätlisee. Den Weg säumen bizarre Formationen aus spitzen Granitsteinen – die nadelartigen Felsnägel haben dem Gebiet zu seinem Namen verholfen.

Richtung Süden verändert sich die Szenerie zusehends: Der Eisstrom des Rhonegletschers rückt allmählich ins Blickfeld. Vom Grätlisee aus lohnt sich der Abstecher zum Aussichtspunkt Rhonegletscher / Bim grosse Stei. Er kann ohne nennenswerte Höhendifferenzen auf teilweise wegloser Route erreicht werden. Unterwegs werden Felder aus Geröll und mächtigen, mit Flechten bunt getupften Steinblöcken gequert, unter denen Bergbäche unsichtbar, aber deutlich hörbar talwärts fliessen.

Es geht nordwärts

Die Rückkehr über den Grätlisee zur Grimsel erfolgt auf gleicher Strecke wie beim Hinweg. Erneut hat man Gelegenheit, sich die Bächlein und Bäche eingehend anzuschauen und die Richtung, in der sie abfliessen, zu studieren. Spätestens jetzt erkennt man: Die Kantonsgrenze verläuft durchwegs nördlich der Wasserscheide – jeder Berner Wassertropfen des Gebiets gelangt früher oder später in den Rhein.

Es sei jedoch erwähnt, dass es durchaus Wasser gibt, das aus dem Kanton Bern in die Rhone fliesst. Es stammt vom östlichen Teil des Plaine-Morte-Gletschers und sammelt sich in einem namenlosen Walliser Bergbach, der zwischen dem Faverges-Grat und dem Schneejoch talwärts sprudelt. Doch die Gegend zwischen der Lenk und Crans-Montana ist eine felsige Wüste, die sich kaum zum Wandern eignet und deshalb auch von keinem Wanderweg erschlossen ist.

Prächtige Alpenflora im Grimselgebiet.
Prächtige Alpenflora im Grimselgebiet.
Foto: Andreas Staeger