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Prävention von PolizeigewaltAm Boden droht der Erstickungstod

Festnahmen können rasch eskalieren, so wie bei George Floyd in den USA. Schweizer Polizisten lernen jedoch, wie sie Personen «neutralisieren» können, ohne jemanden in Erstickungsgefahr zu bringen. Zu Dramen kommt es dennoch.


Kriegt man so noch Luft? Beamte der Stadtpolizei Zürich bei einer Übung im Jahr 2008.

Kriegt man so noch Luft? Beamte der Stadtpolizei Zürich bei einer Übung im Jahr 2008.
Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Jeder Griff muss sitzen. Die Hand des Polizisten geht auf den stabilen Schultergürtel. Nicht an den Hals. «Neutralisieren» nennen es Polizisten, wenn sie auf der Strasse jemanden physisch ausser Gefecht setzen. Festnahmetechniken werden Schweizer Polizeiaspiranten in ihrer zweijährigen Ausbildung noch und noch eingebläut. Und auch, wo Gefahren lauern. Gewarnt wird vor dem «lagebedingten Erstickungstod», also wenn die festgenommene Person bäuchlings auf dem Boden liegt und im Verhaftungsstress nach Luft ringt. «I can’t breathe.» Das widerfuhr dem Afroamerikaner George Floyd, als er am 25. Mai bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz in Minneapolis getötet wurde. Die Videosequenz der brutalen Verhaftung dürfte an Schweizer Polizeischulen künftig zu Schulungszwecken dienen. Bei vielen Polizistinnen und Polizisten in der Schweiz lösten die Bilder des umstrittenen Einsatzes Unverständnis oder gar Entsetzen aus. Viele sagen, sie hätten es nicht ertragen, einem Menschen beim Sterben unter Polizeigewalt zuzusehen. Sie sahen, wovor die Instruktoren permanent warnen: vor dem lagebedingten Erstickungstod.

«Destabilisierungstechniken kommen erst bei aktivem Widerstand oder einem Angriff der Gegenseite zum Zug.»

Reto Habermachenr, Ex-Kommandant der Urner Kantonspolizei

«Persönliche Sicherheit» heisst das Schweizer Polizeilehrmittel, das definiert, was bei Festnahmen gilt. «Es wird in der ganzen Schweiz von allen Polizeischulen und Polizeikorps bei Schulungen und Weiterbildungen angewendet», sagt Reto Habermacher, Ex-Kommandant der Urner Kantonspolizei und Direktor des Schweizerischen Polizei-Instituts in Neuenburg. Vor der Anwendung von Zwangsmitteln suchten Polizisten das Gespräch. «Ablenkungs-, Behinderungs- und Destabilisierungstechniken kommen erst bei aktivem Widerstand oder einem Angriff der Gegenseite zum Zug», sagt Habermacher.

Was im Polizeilehrmittel zu den Festhaltemassnahmen geschrieben steht, stammt zu grossen Teilen von Ulrich Zollinger. Der mittlerweile emeritierte Professor für Rechtsmedizin an der Universität Bern lehrte ab 2002 an den Polizeischulen von Bern, Solothurn und Aargau sowie an Kursen für Ausschaffungsbegleiter in Kloten. Später dann an der neu gegründeten Interkantonalen Polizeischule Hitzkirch (IPH). Ihr gehören elf Konkordatskantone an.

Im schlimmsten Fall sind die Fixierten tot

Der Rechtsmediziner verbrachte etliche Tage in Turnhallen, wo er Nahkampf-Instruktoren in Festnahmetechniken unterrichtete. Diese geben Zollingers Informationen bis heute angehenden Polizistinnen und Polizisten weiter. «Dabei habe ich gelernt, welche Probleme die Beamten zu lösen haben», sagt Zollinger. «Mein Ziel war es, dass sie weiterarbeiten können, aber niemanden dabei in Gefahr bringen, auch nicht sich selbst.» Gemeinsam mit den Nahkampf-Instruktoren und der IPH hat Ulrich Zollinger ein Video entwickelt, das in der Deutschschweiz bis heute in der Aus- und Weiterbildung verwendet wird.

Das Dilemma sei, dass Polizisten durch Fixation eine Person ruhigstellen wollten oder oft auch müssten. «Erreichen sie plötzlich ihr Ziel, kann dies gleichzeitig der Beginn einer möglichen grossen Gefahr sein», sagt Ulrich Zollinger. «Die überwältigten Personen sind nicht ruhig, weil sie gehorchen, sondern weil sie keine Luft mehr bekommen oder im schlimmsten Fall bereits bewusstlos oder tot sind.» Ein lagebedingter Erstickungstod könne durch eine Obduktion allein nur selten bewiesen werden. Zeugenaussagen oder ein Video wie das im Fall Floyd seien hingegen für die Beurteilung äusserst wichtig.

«Der Fall Floyd verstösst gegen alle Regeln der Schweizer Polizei-Ausbildung.»

Ulrich Zollinger, Rechtsmediziner

Wichtig sind laut dem Facharzt für Rechtsmedizin auch Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte, die den agierenden Kollegen etwas Distanz zu ihrem Körpereinsatz verschaffen könnten: «Sie sollten sie vor möglichen Gefahren warnen.» In der Ausbildung vermittle man künftigen Polizisten, ihr Handeln ständig zu überdenken, sagt Alex Birrer, Direktor der IPH. Ob Debriefings stattfinden, hänge aber von der Kultur des einzelnen Polizeikorps ab.

Was im Fall Floyd geschah, verstösst für Zollinger «gegen alle Regeln der Polizeiausbildung». Dies umso mehr, als George Floyd bereits in Handschellen gewesen sei und sich nicht sonderlich gewehrt habe. Sei es tatsächlich nötig, jemandem am Boden zu fixieren, um ihm Handschellen anzulegen, müsse die Person «schonend» in Bauchlage gebracht werden. «Dies geschieht oft durch einen von hinten lehrbuchmässig ausgeführten Hals-Kontrollgriff, der von vorn und mit geradem Unterarm auf den Hals drückt und die Blutgefässe seitlich am Hals nicht wie ein Würgegrifftangiert», sagt Zollinger. «Diese Technik muss man vor der ersten Anwendung zwingend üben.»

Der Rechtsmediziner Ulrich Zollinger.
Der Rechtsmediziner Ulrich Zollinger.
Foto: PD

Am Boden dann müsse es rasch gehen, weil erregte Personen in Bauchlage innert kurzer Zeit in Atemnot gerieten. In Stresssituationen benötige der Mensch bis zu sechzehnmal mehr Sauerstoff. «Idealerweise drückt man am Boden auf den Schultergürtel, da dieser nicht komprimierbar ist, und den jeweils freien Arm. Sind die Handschellen fixiert, sollte die Person rasch in Seitenlage gebracht werden oder aufstehen», sagt Zollinger.George Floyd hingegen wurde während mehr als acht Minuten in Bauchlage fixiert, und zwar durch Kniedruck auf den Nacken sowie durch zwei weitere Polizisten, die auf den Rumpf einwirkten. Ulrich Zollinger vermutet nach mehrmaligem Sichten der «entsetzlich anzuschauenden Videos», dass der mehrere Minuten anhaltende Druck der drei Beamten auf den bäuchlings am Boden liegenden George Floyd zu einem lagebedingten Erstickungstod geführt hat. «Die drei Polizisten haben ihn zu lange in Bauchlage fixiert und so in der Atmung behindert. Und der vierte Polizist stand völlig inaktiv daneben und hat es unterlassen, seine Kollegen auf die Gefahr aufmerksam zu machen.»

Der gefährliche Ellenbogen-Halsgriff

Die insgesamt vier am Einsatz beteiligten Polizisten sind mittlerweile entlassen und wegen Mordes und Beihilfe zum Mord angeklagt worden. Die Stadt Minneapolis will den sogenannten Würgegriff verbieten. Andere amerikanische Städte wollen ihr folgen. In der Schweiz spricht man vom Ellenbogen-Halsgriff, weil der Hals in der Ellenbeuge liegt und vorn seitlich zusammengedrückt wird. «Er ist sehr gefährlich und in der Schweiz schon seit rund fünfzehn Jahren nicht mehr erlaubt», sagt Zollinger.

So sehr Schweizer Polizisten die Gefahren bei Festnahmen kennen, kommt es zu Zwischenfällen, die dramatisch enden. Lausanner Polizisten etwa setzten am 28. Februar 2018 Mike Ben Peter fest, der einen Herzstillstand erlitt und starb.

Gemäss der Strafuntersuchung der Staatsanwaltschaft wollte ein Polizist Peter in Handschellen legen, weil er ihn verdächtigte, mit Drogen zu handeln. Der Nigerianer wollte keine Handschellen tragen und wehrte sich. Der Polizist betätigte seinen Pfefferspray und umschlang Peters Hals mit der Armbeuge. Drückte zu. Weitere Polizisten kamen ihm zu Hilfe, neutralisierten den 40-Jährigen in der Bauchlage auf dem Boden und zogen seine Beine an. Fünf Polizisten sollen während mindestens zweieinhalb Minuten Druck auf den Rücken ausgeübt haben, heisst es in Akten der Strafuntersuchung.

Gebrochene Rippen, verletzte Genitalien

Gemäss dem Obduktionsbericht, dessen Inhalt dieser Redaktion bekannt ist, hatte der Mann mehrere gebrochene Rippen und wies an den Genitalien Hämatome auf. «Viele Faktoren» hätten zum Tod geführt, stellten Ärzte des Rechtsmedizinischen Instituts der Westschweiz fest: die Fixierung am Boden, Stress, eine Herzkrankheit und das Körpergewicht des Mannes bei einer Körpergrösse von 1,78 Metern wog er 138 Kilogramm. Die Rechtsmediziner schreiben: «Es ist möglich, dass die Bauchlage zu einem erhöhten Stress führt», die Stresssituation sei jedoch «der einzige Risikofaktor, den die Polizei beeinflussen kann». Bei einer anderen Person könne dieser Faktor «irrelevant sein». Dass ein Sauerstoffmangel zum Tod führte, schliessen die Rechtsmediziner aus. Simon Ntah, der Anwalt der Opferfamilie, sagt: «Die Experten haben keine Erfahrung mit Polizeigewalt und verstecken sich hinter Prinzipien an der Grenze zur Böswilligkeit.» Er wirft den Rechtsmedizinern vor, voreilige Schlüsse zu ziehen und Beweise zu leugnen. Für Anwalt Ntah ist klar: «Ohne Polizeieinsatz wäre Mike Ben Peter am Leben.»

Der emeritierte Rechtsmediziner Zollinger sagt, er kenne die Aktenlage nur aus den Medien, ein Video wie im Fall Floyd existiere nicht. «Bei aller Vorsicht und Zurückhaltung: Diese rechtsmedizinische Beurteilung kann ich schwer nachvollziehen. Die Falldarstellung enthält mehrere Elemente, die für eine länger dauernde Behinderung der Atmung sprechen. Ein lagebedingter Erstickungstod wäre aus meiner Sicht zumindest in Betracht zu ziehen.»

Vor zwei Wochen – kurz nach dem Beginn der Proteste wegen George Floyds Tod – fand dazu eine Anhörung statt. Der Zeitpunkt ist allerdings Zufall. Eine erneute Anhörung steht im Sommer an.