Interview mit Bildhauerin Claudia Comte«Am Anfang war die Kettensäge»
Ein Gespräch mit der in Bennwil BL wohnenden Claudia Comte über Kakteen in der Kunst und ihr Public-Art-Projekt an der Fassade des Globus in Basel.

Wir treffen Claudia Comte vor ihrem Atelier und Wohnhaus in den Hügeln des Baselbieter Juras in Bennwil. Sie wohnt und arbeitet in dem ehemaligen Bauernhaus mit ihrem Partner, dem Kurator Samuel Leuenberger, und ihren zwei Kindern, die ein und drei Jahre alt sind. Wir gehen mit ihr einen kurzen Weg hinauf zum Atelierhaus, wo einige Assistentinnen und Assistenten eine grosse Marmorskulptur mithilfe einer Seilwinde zum Transport bereitmachen. Claudia Comte sagt lachend: «Ich stelle vor: Toby, der Kaktus.»
Haben alle Ihre Kakteen Namen?
Ja, die meisten von ihnen.

Was sind das für Namen?
Sie gehören der Person, die bei der Produktion einer Skulptur eine zentrale Rolle einnahm.
Wer ist Toby?
Er war vor einigen Jahren einer meiner Assistenten. Ein wirklich grosser und starker Mann.
In der Ecke des Ateliers befindet sich ein baumartiger Kaktus, der etwas Tänzerisches hat. Wie heisst der?
Er ist eine sie und heisst Marianne. Das ist der Name meiner Mutter.
Produzieren Sie alle Skulpturen in dieser zum Atelier umgebauten Scheune, wo wir jetzt stehen?
Nur die aus Holz. Die Marmorskulpturen werden in Carrara in Italien produziert.

Wie entstehen Ihre Skulpturen?
Alles beginnt mit der Kettensäge. Ich schneide die Skulpturen aus Baumstämmen und verfeinere sie dann zusammen mit meinem Team.
Benutzen Sie dazu Maschinen?
Ja, wir haben zahlreiche Schubladen voller Schleifmaschinen und Unmengen von Schleifpapieren unterschiedlichster Härtegrade.
Wo arbeiten Sie mit der Kettensäge?
Das geschieht meistens im Wald in der Nähe von Grancy im Kanton Waadt, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe dort ein gutes Netzwerk von Förstern, die mir geeignete Baumstämme verkaufen, die ich dann in einem Unterstand lagere, bis sich das Holz etwas beruhigt hat.
Werden die Bäume für Sie gefällt?
Ich lasse keine Bäume für mich fällen. Die Förster bringen mir Stämme von Bäumen, die gefällt werden mussten, um den Wald gesund zu erhalten. Ich schäle oft die Rinde ab und spalte dicke Baumstämme auf, damit sie gut trocknen.
Arbeiten nur Sie mit der Kettensäge oder auch Ihre Assistentinnen und Assistenten?
Die ersten Schnitte, also die grobe Gestaltung der Skulptur, mache immer ich. Das Team bearbeitet danach die Oberfläche, was hier im Atelier in Bennwil geschieht. Für mich als Bildhauerin ist die Kettensäge etwas Ähnliches wie ein Zeichenstift für eine Malerin.
Und wenn die Skulptur fertig bearbeitet und poliert ist, dann verfügt sie über eine erstaunlich glatte Oberfläche, die alle Jahrringe des Baumes sichtbar macht?
Ja. Dies hier ist ein wunderschönes Exemplar aus einem Mammutbaum, dessen Holz leicht rötlich ist.

Stammt der aus den USA oder auch aus der Schweiz?
Aus dem Kanton Freiburg. Früher war es für viele Schweizerinnen und Schweizer ein Zeichen des Wohlstands und der Weltläufigkeit, sich einen Mammutbaum in den eigenen Garten oder in den Park zu pflanzen. Inzwischen sind manche dieser Bäume hundert und mehr Jahre alt und haben Stämme von mehr als drei Metern Durchmesser. Für viele Besitzerinnen und Besitzer sind sie inzwischen einfach zu gross, sodass sie sie fällen lassen.
Ergibt ein Mammutbaum Holz für mehrere Kakteen?
Ja, ich konnte daraus eine Gruppe von sechs grossen Skulpturen in der Form von Korallen, Blättern oder Kakteen und eine Serie von kleineren gewinnen, die ich 2023 als Gruppe im Lehmbruck-Museum in Duisburg ausgestellt habe.
Sie haben mir am Anfang den Kaktus namens Toby gezeigt, der aber nicht aus Holz, sondern aus Marmor ist. Wie entstehen die Marmorskulpturen?
Die Form entsteht zuerst aus Holz. Toby stammt aus derselben Skulpturenfamilie wie Marianne. Aus der Holzskulptur entsteht ein digitaler 3-D-Scan. Die Bildhauer in Carrara übergeben diesen Scan an Roboter, die den Marmor relativ grob zuschneiden. Anschliessend wird die Skulptur in langwieriger Handarbeit geschliffen und poliert, bis sie eine so schön glänzende Oberfläche hat wie die Exemplare aus Holz.

Müssen Sie dazu nicht nach Carrara reisen?
Doch, ich wähle vor Ort den Marmorblock aus, aus dem die Skulptur gefertigt werden soll. Aber dann geschieht die Arbeit am Steinblock von Maschinen und muss von den Spezialisten des Bildhauerbetriebs überwacht werden. Im Prozess des Schleifens bin ich immer wieder in Kontakt mit den Bildhauern oder auch vor Ort, da in diesem Zustand Anpassungen in der Form vorgenommen werden können.
Das ist der Prozess. Woher aber rührt Ihr Interesse an Kakteen?
Meine allererste Kettensägenskulptur im Jahr 2005 war ein Kaktus. Damals war ich noch im Studium an der Ecal, der École cantonale d’art de Lausanne. Ich lag damals meinen Lehrerinnen und Lehrern schon ungefähr zwei Jahr in den Ohren mit meinem Wunsch, Kettensägenskulpturen zu machen. Sie waren nicht so begeistert, weil sie die Kettensäge als ein Werkzeug für Männer betrachteten.
Aber Sie haben sich durchgesetzt und weiter Kettensägenskulpturen produziert?
Es hat mit meiner Kindheit zu tun. Ich war mit meinen Geschwistern oft im Wald und in der Natur. Gleichzeitig spielte ich in meiner Kindheit auch viele Videospiele und war begeistert von amerikanischen Blockbustermovies. Aus diesem Mix von Natur, Videospielen und Science-Fiction entstand meine Leidenschaft für Kakteen, die ja immer auch etwas Dystopisches in sich tragen. Kakteen sind für mich so etwas wie ästhetische Ausrufezeichen in einer unwirtlichen Umwelt, die zu heiss geworden ist für Menschen.
Welche Bedeutung haben Bäume für Sie?
Ich wollte immer herausfinden, was im Innern der Bäume steckt. Sie wachsen, sie kommunizieren miteinander, sie kommunizieren mit und über Pilze, die sich im Boden ausbreiten. Sie kreieren ein Netzwerk und produzieren Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen ja, dass die Hälfte des Sauerstoffs, den wir einatmen, von den Bäumen kommt und die andere Hälfte aus dem Meer, wo die Algen mittels Fotosynthese aus CO₂ Sauerstoff herstellen.
Sie haben auch Kakteenskulpturen im Meer ausgestellt?
Ja, vor der Küste von Jamaika habe ich drei aus einem speziellen Beton gefertigte Kakteen im Meer installiert. Die Skulpturen stehen in einem Schutzgebiet für Korallen, auf ihnen wachsen nun Korallen an.

Und nun öffnen Sie in Ihrem Public-Art-Projekt an der Fassade des Warenhauses Globus in Basel, das total saniert wird, den Blick in eine Wüste mit Kakteen, über der die Sonne untergeht.
Es war für mich ein grossartiges Erlebnis, als meine Eltern mit uns Kindern die Nationalparks im Westen der USA besucht haben. Die Offenheit und Weite dieser Wüstenlandschaften ist atemberaubend. Die Bilder, die ich für das Projekt auf dem Marktplatz gemacht habe, sind eine Rekreation dieser Landschaften. Der Szenerie auf dem Bild ist etwas Doppeldeutiges eigen, da dort trotz aller Schönheit die Landschaft zu trocken und zu heiss ist, als dass darauf ausser Kakteen etwas wachsen könnte.
Wie ist dieses Bild an der Globus-Fassade entstanden?
Es ist meine erste vollständig digital entwickelte Installation. Es handelt sich um eine ideale, total künstliche, im Computer generierte Landschaft. Ich wünsche mir, dass die Landschaft, überhaupt die künstlerische Bildwelt, mit der wir riesige Blachen bedrucken konnten, den Passantinnen und Passanten gefällt. Die Installation soll dazu anregen, darüber zu reflektieren, was auf unserer Welt gerade geschieht.
Ein Menetekel unserer Zeit?
Es ist eine riesige Katastrophe, was mit unserem Klima passiert. Das ist das grösste Problem unserer Zeit. Ich bin erstaunt, dass Menschen nicht viel mehr darüber reden. Wir können den Kurs noch ändern, aber wir müssen uns bei allem, was wir tun, bewusst sein, welche Auswirkungen wir auf den Planeten haben. Ich mache mir grosse Sorgen um die Zukunft unserer natürlichen Umwelt, und ich denke, das ist besonders beunruhigend, wenn man Kinder hat. Ich hoffe, dass wir unsere Verbindung zur Natur wiederfinden können, aus der wir stammen. Man trägt nur Sorge zu etwas, das man liebt.
Claudia Comte, «Waves, Cacti and Sunsets», 10. Juni–8. Oktober 2023, Marktplatz, Basel
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