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YB ist Schweizer MeisterAls Verteidigungsmeister den Titel verteidigt

Die Young Boys gewinnen in Sion 1:0 und werden zum 14. Mal Meister. Ihr Auftritt ist typisch für die letzten Wochen.

Foto: Keystone

Die Young Boys, die zu den Titelgewinnen 2018 und 2019 regelrecht gestürmt sind, verteidigen jetzt nur noch. Es läuft die Schlussphase im Tourbillon. Der FC Sion drückt auf den Ausgleich, er braucht im Fernduell mit dem FC Thun zwecks Veremeidung des Barrageplatzes Punkte. Lange ist dem Heimteam von YB nicht viel zugestanden worden, der Titelverteidiger hat sich im Schlussspurt der Saison zum Verteidigungsmeister gemausert. 1:0 in Neuenburg, 1:0 gegen Luzern – die Chancen der Gegner liessen sich an einer Hand abzählen.

Doch nun ist es kein souveräner Auftritt der Young Boys mehr. Die Last der Aufgabe, der Druck, den Titel unbedingt vor dem letzten Spiel gegen St. Gallen zu holen, sie machen sich bemerkbar. Wie auch ihre Körper: Es ist das 12. Spiel in 6 Wochen, just am heissesten Tag des Jahres, an dem das Thermometer auch nach Sonnenuntergang in Sion über 30 Grad anzeigt.

Nach YB-Drehbuch

Der Hitzetag beginnt für YB in einem Hotel in Saillon. Das Team ist am Vortag angereist, wie üblich bei längeren Auswärtsfahrten. Der Zeitplan: Aufstehen zwischen 7.30 und 9.30 Uhr, individuelles Frühstück, gefolgt von einem Spaziergang und einem gemeinsamen Mittagessen, am Nachmittag Teamsitzung. Trainer Gerardo Seoane sagt vor der Partie, er habe die spezielle Ausgangslage nicht angesprochen. «Jeder weiss, worum es geht.»

Als das Spiel dann beginnt, zeigt sich zumindest Sions italienischer Trainer Paolo Tramezzani von den hohen Temperaturen unbeeindruckt. Er tigert im stylischen, schwarzen Longsleeve der Linie entlang. Und seine Aufstellung mutet an, als würde es die grosse Hitze und das intensive Programm nicht geben. Er nominiert genau dieselben 11 Spieler wie am Dienstag beim 2:0 in Zürich.

Doch von Müdigkeit beim Heimteam keine Spur: Es ist von Beginn an ebenbürtig, daher entwickelt sich ein Hin und Her. Anto Grgic prüft YB-Goalie David von Ballmoos aus grosser Distanz, dann flirten Jean-Pierre Nsame und Mohamed Camara nach Eckbällen mit dem YB-Führungstreffer. Die Young Boys nähern sich dem so wichtigen 1:0 an. Es fällt schliesslich noch vor Ablauf der ersten Viertelstunde, Elia dribbelt auf der rechten, Nicolas Ngamaleu auf der linken Seite. Und Christopher Martins bezwingt Kevin Fickentscher aus spitzem Winkel, weil Sions Torhüter auf eine Hereingabe spekuliert: Das 1:0 bedeutet ein Start nach YB-Drehbuch.

Zeichen aus St. Gallen

Die Young Boys legen vor und ziehen im Meisterrennen doch nur nach: St. Gallen führt zu diesem Zeitpunkt gegen Xamax schon 2:0, bald erhöht Cedric Itten mit seinem dritten Tor in 31 Minuten auf 3:0, zur Pause steht es schon 4:0. Der erwartbare hohe Sieg der Ostschweizer zeichnet sich früh in aller Deutlichkeit ab.

Das muss YB nicht beunruhigen, der Vorsprung in der Livetabelle beträgt stabile 5 Punkte, der Auftritt des Titelverteidigers ist ebenso solid. Zugestehen muss er Sion wenig, viel Torgefahr kann YB selber allerdings auch nicht kreieren. Die beste Chance in der ersten Halbzeit vergibt Topskorer Nsame, als er völlig atypisch aus ein paar Metern eine Flanke Elias nichts in Tor lenken kann.

Das Fazit zur Pause fällt dennoch positiv aus, das 1:0 habe sehr gut getan, sagt Michel Aebischer. Der Mittelfeldspieler will eine insgesamt gute Leistung gesehen haben, weil die Young Boys dem Gegner wenig zugestanden hätten.

Seoanes Prioritäten

Es ist insofern ein typischer Auftritt des Leaders, der auf der Zielgeraden der Meisterschaft selten berauschend, aber fast immer abgeklärt gespielt hat. So ist er seit der Niederlage in Basel zu seinen vier Siegen gekommen – mal abgesehen vom 5:0 bei einem desolaten FCZ.

Die Young Boys bleiben sich nach der Pause treu, Feuerwerke werden – von der Tribüne aus gut sichtbar – nur in den nahen Bergdörfern gezündet. Derweil erhöht St. Gallen rasch auf 6:0, das Torverhältnis der Young Boys ist nun um 12 Treffer besser. Das heisst: Bei einem Ausgleich der Walliser müssten die St. Galler am Montag in Bern immer noch 6:0 gewinnen, um Meister zu werden. Es wäre eine Finalissima light, wenn nicht zero.

Die Young Boys suchen das 2:0 nur zaghaft, ihr Spiel in der Angriffszone ist bestenfalls zögerlich. Trainer Seoane sendet nach einer Stunde ein deutliches Zeichen aus, wo die Prioritäten liegen. Er bringt Mittelfeldspieler Vincent Sierro für Stürmer Meschack Elia – das Signal: bloss keinen Treffer erhalten.

Symbolische Jubelszenen

Und so steht es immer noch 1:0, als die Schlussphase anbricht, längst hält es Seoane kaum mehr auf der Bank. Nsame legt an der Strafraumgrenze für Aebischer auf, doch dessen Abschluss kann Goalie Fickentscher nicht fordern. Und die Nerven der Young Boys nicht beruhigen.

Und jetzt drückt Sion auf den Ausgleich, die Young Boys zittern, Patrick Luan kommt im Strafraum zum Abschluss, von Ballmoos pariert den abgefälschten Schuss. Dann landet der Abschluss von Jared Khasa auf dem Tornetz. Für die Berner geht es längst nur noch darum, den Vorsprung über die Zeit zu bringen. Jean-Pierre Nsame wird für die allerletzten Minuten ausgewechselt, er bleibt bei 30 Treffern und ist in Sachen Toren (noch) nicht alleiniger Rekordhalter.

Dafür gelingt Nsame der Titel-Hattrick, kurz darauf ist das Spiel aus, auf den Schlusspfiff folgen die Freudenschreie der Young Boys. Elia springt auf einem Bein auf und ab, den einen Fuss gelb einbandagiert.

Die Jubelszenen zeigen, wie YB zum Titel gekommen ist: als Einheit. Über Goalie David von Ballmoos bildet sich eine Jubeltraube, mittendrin sein Konkurrent und geschätzter Kollege Marco Wölfli. Und als der verletzte Stürmer Guillaume Hoarau den Weg von der Tribüne auf den Platz hinunter gefunden hat, steuert er als Erstes auf Nsame zu. Der alte Torschützenkönig umarmt den neuen.

Ein symbolisches Bild. Für den Teamgeist, aber auch für die Vorherrschaft der Young Boys, die mit dem dritten Titel in Folge ein weiteres Kapitel erhalten hat.