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Bilder von WeltklasseAls Schweizer die besten Fotos machten

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten hiesige Fotografen wieder ins Ausland reisen. Sie zeigten das zerstörte Europa, fanden Schönheit in Fernost und blickten hinter die Fassade von Amerika.

Werner Bischof: Kinder spielen 1945 in einer zerstörten Kirche in Friedrichshafen, Deutschland.
Werner Bischof: Kinder spielen 1945 in einer zerstörten Kirche in Friedrichshafen, Deutschland.
Foto: © Werner Bischof/Magnum Photos

Mit seinem berühmt gewordenen Buch «The Americans» hielt der Fotograf Robert Frank (1924–2019) den USA einen Spiegel vor, der nichts, aber auch gar nichts mit dem amerikanischen Traum zu tun hatte. Dank einem Guggenheim-Stipendium konnte der Schweizer, der 1947 nach Amerika ausgewandert war, in den Fünfzigerjahren drei Reisen durch das riesige Land machen, von denen er 500 belichtete Filmrollen mitbrachte. Daraus wählte er 83 Bilder aus, die er erstmals 1958 – sorgfältig komponiert – in einem bahnbrechenden Fotoband zusammenstellte.

Angesichts der aktuellen Krise in den USA haben die Bilder Franks nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. Frank bannte nicht die bekannte Propaganda aus Fortschritt, Wohlstand und Glück aufs Bild, sondern zeigte leere Tankstellen, überfüllte Restaurants, unendliche Strassen, volle Busse, immer wieder Autos, erstarrte Gesichter, der Mensch in der Masse und die amerikanische Flagge.

Das erste Bild des Fotobands war ein Schnappschuss aus Hoboken, New Jersey, wo 1955 am Nationalfeiertag eine Parade stattfand. Nicht die Parade ist freilich im Bild, sondern zwei Frauen, die ihr durch abgedunkelte Fenster zuschauen. Das Gesicht der Frau im rechten Fenster verschwindet ganz hinter der im Wind wehenden amerikanischen Flagge. Es ist, wie wenn uns der Fotograf darauf hinweisen wollte, dass der Nationalismus das Sehen beschränke.

Suche nach Schönheit im Elend

Robert Frank gehörte zu jenen Fotografen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die vom Krieg weitgehend verschonte Schweiz hinter sich liessen. Setzte sich Frank ganz nach Amerika ab, so bereisten Werner Bischof, Paul Senn und Gotthard Schuh unmittelbar nach der Grenzöffnung, etwas später auch René Burri, als Fotoreporter Europa und die Welt. Werner Bischof und Paul Senn dokumentierten mit ihren Kameras ein Europa, das als desolat zu bezeichnen geradezu euphemistisch ist. Zerstörter als Berlin oder Freiburg am Kriegsende ging eigentlich nicht mehr.

Robert Frank: Parade – Hoboken, New Jersey, 1955.
Robert Frank: Parade – Hoboken, New Jersey, 1955.
Foto: Fotostiftung Schweiz, Winterthur © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery

Betrachtet man die Fotos, die Paul Senn (1901–1953) nach dem Krieg in diversen Schweizer Illustrierten veröffentlichen konnte, fallen einem die endlosen Trümmerlandschaften auf, aber auch die Menschen, die ihre zerstörten Städte betrachten oder sich bei der Wiederaufbauarbeit beteiligen. Bei Senn möchte man von einer beinahe als objektiv zu bezeichnenden, jedenfalls schnörkellos realistischen Dokumentarfotografie sprechen, in deren Bildern sich höchstens dadurch Hoffnung ausdrückt, als immer wieder tatkräftige Menschen bei der Arbeit ins Bild gerückt werden.

Sind bei Senn die Kinder ein Motiv von vielen, kommt ihnen bei Werner Bischof (1916–1954) eine zentrale Bedeutung zu. In deren konsternierten, oft erschrockenen, manchmal weinenden Gesichtern spiegelt sich das Grauen der Umwelt manchmal auf geradezu malerische Weise. Der Schriftsteller Hugo Lötscher wies am Beispiel der «gut belichteten Träne des ungarischen Flüchtlingskindes» darauf hin, dass trotz allen Engagements bei Bischof die Suche nach dem Schönen auf solchen Bildern deutlich spürbar werde: Deutlicher noch als bei den Erwachsenen, auf deren zerfurchten Gesichtern das Leid und die Härte des Krieges ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen haben, stehen die Kleinen in einem bedauernswerten, immer auch Mitleid erheischende Kontrast zu einer Umwelt, der jede Menschlichkeit abhandengekommen war.

Werner Bischof: Ein Zug des Roten Kreuzes transportiert Kinder, die in der Schweiz Ferien machen können. Budapest, 1947.
Werner Bischof: Ein Zug des Roten Kreuzes transportiert Kinder, die in der Schweiz Ferien machen können. Budapest, 1947.



Foto: © Werner Bischof/Magnum Photos

Trotzdem, es gibt sie auch hier, jene Momente des Humanismus, an die sich auch ein Wassili Grossmann geklammert hat, jener jüdische Schriftsteller, der über die Schlacht von Stalingrad den Jahrhundertroman «Leben und Schicksal» verfasste. Jene feinen Gesten der Mitmenschlichkeit, etwa wenn eine polnische Mutter ihr Kind an sich drückt. Oder wenn zwei Frauen sich im Bahnhof vor einem Zug zum Abschied eng umarmen, während dahinter ein paar uniformierte Soldaten als bedrohliche Kulisse auftauchen. Dennoch sind es Trümmerhaufen, leere Räume, die Einsamkeit der Menschen inmitten einer unbewohnbar gewordenen Welt, die der Fotograf von seinen ersten Auslandsreisen mitbrachte. Sie führten ihn in den Jahren 1945 bis 1947 nach Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien und Polen.

Grau in grau im Wirtschaftswunder

Auch bei René Burri (1933–2014) finden wir die feine mitmenschliche Geste, die einem wie ein Widerstandsnest des Humanismus inmitten einer unwirtlichen Welt erscheint. Im Alter von 23 Jahren begann er mit seinen Reisen als Fotoreporter, die ihn in die Länder Europas und nach Übersee brachten. Aus Italien, Spanien und Frankreich brachte er Bilder mit, die einen geradezu frösteln lassen. Winzige, an den Rand gedrängte Menschen vor bildfüllenden Hausmauern und leeren Strassen kontrastieren mit Zeitungskiosken, die halb nackte Schönheiten unmittelbar neben einem Mussolini-Porträt zeigen. Auf seine Fotoreportagen der Fünfzigerjahre folgte der grossartige Fotoband mit dem Titel «Die Deutschen».

Das Buch, das sich Franks «The Americans» zum Vorbild nahm, erschien 1962. Darin findet sich unter anderem das Bild eines gut gelaunten Mannes aus Rheinland-Pfalz, der auf einer Dorfstrasse laufend ein vielleicht zweijähriges Kind auf dem Arm trägt. Im Hintergrund verliert sich die Szene in einem diesigen Nebel, der die Kälte in dieser Nachkriegstristesse spürbar macht, die in Deutschland auch dann noch alles überschattete, als man nur noch vom Wirtschaftswunder sprechen wollte.

René Burri: Eine Stadt in Rheinland-Pfalz, 1959.
René Burri: Eine Stadt in Rheinland-Pfalz, 1959.
Foto: © René Burri/Magnum Photos

Aber wo sind sie sonst, die Kinder, in diesem erstaunlichen Fotoband, der mit herausragenden Texten über das typisch Deutsche gespickt ist, die von Alfred Andersch über Golo Mann und Jean-Rudolf von Salis bis zu Carl Zuckmayer stammen? Von Max Frisch stammt der Satz, der dem Buch als Motto voraus gesetzt wird: «Was suche ich in Deutschland: Die Weite im Verwandten!» Burri, der wie Bischof an der Kunstgewerbeschule in Zürich bei Hans Finsler seine Ausbildung absolviert hatte, zeigt zumindest in seinem Deutschlandbuch eine Welt, die fast ausschliesslich von Erwachsenen bevölkert ist. Seine Bilder beschönigten nichts und öffneten, darin sind sie mit Franks Amerikanern durchaus vergleichbar, mit ihrem sozialen Realismus den Betrachtern die Augen.

Während einem in Bischofs 2016 erschienenem Fotoband «Standpunkte» die grossen Panoramen der Trümmerstädte ins Auge fallen, in denen die Menschen oft nur als kleine Figürchen und Schemen vorkommen, rückt Burri den Deutschen für sein Deutschlandbuch auf die Pelle und blickt in die harten, leidgeprüften Gesichter der Älteren, denen die Entbehrungen von Weltkrieg und Wiederaufbau noch in den Knochen stecken. Alles wäre hier buchstäblich grau in grau, wenn es Burri nicht meisterhaft beherrscht hätte, auf seinen Fotografien weisse und schwarze Akzente zu setzen – oft sind die Menschen blosse schwarze Schemen wie schon bei Bischof – und die Tiefenschärfe so zu steuern, dass der Blick auf das Wesentliche gelenkt wird.

Tänzerin und Liftgirl als Lichtblick

René Burri: Tanzcafé in Weimar, 1957.
René Burri: Tanzcafé in Weimar, 1957.
Foto: © René Burri/Magnum Photos

Und dazwischen montiert er in seinem meisterhaft komponierten Buch über die Deutschen Aufnahmen aus Cafés, Bars und Tanzhallen, wo sich die Jugend vergnügt, gleichviel, ob das in Heidelberg, Köln oder im ostdeutschen Weimar ist. Das Vergnügen ist hier aber immer so etwas wie der Echoraum der Trauer. Einmal, es begab sich in Weimar, entdeckt er aber eine junge Frau beim Tanzen, die ihren Kopf nach hinten wirft und mit ihren dunklen Augen dem Fotografen direkt in die Kamera schaut.

Ein Blick ist das, der einen an Robert Franks «Americans» erinnert, dessen «einsames Liftgirl, das in seinem Aufzug voller Schemen seufzend nach oben blickt», es dem Beatnik-Autor Jack Kerouac in seinem Vorwort besonders angetan hatte. In Franks niederschmetterndem dokumentarischem Streifzug durch die USA, bei dem man, wie Kerouac sich ausdrückt, «nicht mehr weiss, ob eine Jukebox trauriger ist als ein Sarg», ist der Blick der jungen Frau vielleicht der einzige Lichtblick unter stur in die Ferne schauenden Weissen, nachdenklichen Schwarzen, lauten Siegern und unendlichen Strassen. Von Frank stammt der Satz: «Man fotografiert, weil man Augen hat und etwas sagen möchte.»

Werner Bischof. Standpunkt. 312 Seiten, 135 farbige und 150 Duplex-Abbildungen. Scheidegger und Spiess, Zürich 2016. ca. 79 Fr.

René Burri. Explosion des Sehens. 240 Seiten, 106 farbige und 148 Schwarzweissabbildungen. Scheidegger und Spiess, Zürich 2020. ca. 49 Fr.

Robert Frank. The Americans. Introduction by Jack Kerouac. 180 Seiten, 83 Schwarzweissabbildungen. Steidl-Verlag, 2020. ca. 45 Fr.