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Ewige SportmomenteAls innert zwei Sekunden die Welt unterging

Olympia-Abfahrt 1994, Lillehammer: Franz Heinzer verliert schon im Starthaus einen Ski. Der Weltmeister wittert eine Verschwörung – und ist heute dankbar dafür, was passiert ist.

Franz Heinzers Zwei-Sekunden-Abfahrt in Lillehammer.
Video: Eurosport

Er steht da und schaut nach oben. Die Augen gross, der Mund aufgerissen. Mucksmäuschenstill ist es. Und Franz Heinzer redet sich ein: «Sicher, ich kann nochmals starten.»

Kann er nicht.

Und so kommt es, dass eine zweisekündige Fahrt um die Sportwelt gehen wird. 1994 in Lillehammer, Olympia-Abfahrt, der einstige Weltmeister Franz Heinzer zwar nicht mehr auf dem Niveau seiner besten Tage, aber noch immer Mitfavorit.

Um 11.30 Uhr startet er, um 11.30 Uhr und zweimal Husten später, wie es der Schwyzer beschreibt, ist er: entgeistert, fassungslos, perplex. Wuchtig hat er sich aus dem Starthaus geworfen. Das Törchen geht auf, Heinzer steckt die Stöcke in den Schnee. Doch die Wirkung verpufft, weil er keine zwei Latten mehr an den Füssen hat. Der rechte Ski ist oben geblieben. Die Bindung weggebrochen. Einen Moment lang tut Heinzer nichts. Dann schlägt er dreimal mit dem Stock um sich.

Aus, Schluss und vorbei.

Das Bild, das um die Welt ging: Franz Heinzer nach zwei Sekunden Fahrt.
Das Bild, das um die Welt ging: Franz Heinzer nach zwei Sekunden Fahrt.
Foto: Keystone

Es ist kalt in Lillehammer, minus 25 Grad. Heikle Bedingungen fürs Material. Aber Sorgen macht sich keiner, weil das Risiko eines Bindungsbruchs bei 1:100’000 liegt. Bei Heinzer ist es ein Gussteilchen aus Aluminium, welches an der Bindungsferse wegbricht.

Die Bindung ist ein Produkt der Firma Tyrolia. Für Heinzer zuständig ist Hanspeter «Hampi» Schläpfer, der danach als Servicemann auch Hermann Maier und Bode Miller betreuen wird. Der Aargauer steht im Starthaus, er sackt in sich zusammen, als er sieht, wie Heinzers rechter Ski vor ihm liegt. Und liegen bleibt.

Geistesgegenwärtig packt Schläpfer die Bindung in seinen Rucksack, obwohl er im Gegensatz zu Heinzer im ersten Moment nicht an Sabotage denkt. Wenig später sitzt er in einer Hütte unweit des Startbereichs. Neben ihm Heinzer, der die paar Meter hoch getrottet ist. Geredet wird nicht.

«Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen»

Josef Zenhäusern, damaliger Präsident des Schweizer Skiverbands

Heinzer verspürt eine tiefe innere Leere, er möchte im Schnee versinken. Manch bitteren Augenblick hat er erlebt, 14-mal ist er Vierter geworden im Weltcup, bei seinen ersten drei Weltmeisterschaften landete er auf Rang 4. Aber so etwas? In den nächsten Stunden muss er häufiger Auskunft geben als der amerikanische Sensationssieger Tommy Moe. In Anlehnung an den knallgelben Emmentaler-Skidress titeln deutsche Zeitungen: «Schweizer Star fährt Käse zusammen».

Im Zielraum steht Josef Zenhäusern. Der Präsident des Schweizer Skiverbandes fleht die Medienvertreter an, den wütenden Heinzer aufzubauen. Die Journalisten stürzen sich auch auf Hampi Schläpfer, einige halten ihn für den Schuldigen, alle wollen eine Erklärung. «Ich stand mit abgesägten Hosen da», sagt der heute 73-Jährige. Falsch hat er nichts gemacht, auch Dritte haben nicht an der Bindung Hand angelegt – das beweist später eine eingehende Materialanalyse.

Die Verantwortlichen von Tyrolia brauchen einen Tag lang Zeit, bis sie sich bei Heinzer zu entschuldigen wagen. Sie kriechen zu Kreuze, spendieren ihm und seiner Frau zwei Wochen Ferien in Dubai. Marketingexperten bezeichnen den Vorfall für Tyrolia gar als Glücksfall, weil die Firma weltweit im Gespräch ist. Schläpfer seinerseits gilt fortan im Skizirkus als jener, der falsch an der Bindung rumgedoktert hat. «Wenn danach irgendwo irgendetwas passiert ist, hiess es scherzeshalber immer, der Hampi sei es gewesen.»

Für Zenhäusern wiederum sind es die ersten Spiele als Verbandschef. Ans riesige Mitleid der Leute erinnert er sich, einige sollen nach Heinzers Ausfall auf der Tribüne geweint haben. Für die Schweizer Männer bleibt es bei Riesenslalom-Silber von Urs Kälin, die Abfahrt wird mit den Plätzen 14, 16 und 23 zum Jahrhundertdebakel.

«Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen», sagt Zenhäusern, alles sei schiefgelaufen. «Im Team gab es Stunk, die Stimmung war schlecht. Wir machten Fehler.» In Lillehammer wohnen die Schweizer nicht im olympischen Dorf, sie isolieren sich – und ziehen sich gegenseitig runter.

Servicemann Hanspeter «Hampi» Schläpfer (hier im Gespräch mit Bernhard Russi) wird lange für den Schuldigen gehalten.
Servicemann Hanspeter «Hampi» Schläpfer (hier im Gespräch mit Bernhard Russi) wird lange für den Schuldigen gehalten.
Foto: Keystone

Heinzer ist nach den Trainings verunsichert. Nur die Olympiamedaille fehlt im Palmarès, und so ist er bereit, alles zu riskieren. Sieg oder Spital, so lautet überspitzt formuliert die Devise. «Ich hätte es wohl übertrieben», sagt der Sieger von 17 Weltcuprennen heute, diese Einsicht hat ihm geholfen, das Geschehene hinter sich zu lassen. «Was wäre passiert, wenn die Bindung nach einem Sprung bei Tempo 130 aufgegangen wäre? Vielleicht habe ich im grossen Pech sogar riesiges Glück gehabt. Vielleicht muss ich dankbar dafür sein, was passiert ist.»

Keine 48 Stunden nach dem Debakel ist Heinzer bereits wieder gefordert. Gegen Paul Accola, Franco Cavegn und Steve Locher sticht er um den vierten Schweizer Startplatz im Super-G. Servicemann Schläpfer ist hypernervös, er hat Angst, dass etwas schiefgeht. «Ich habe mir fast in die Hose gemacht.»

Nun hält die Bindung, aber auf den Schnellsten Accola büsst Heinzer fast anderthalb Sekunden ein. Lillehammer wird zu «Lillejammer». Dabei hatte er nur wegen der Winterspiele die Karriere verlängert. Es ist das Einzige, was ihn 26 Jahre nach dem Malheur stört: Dass es heisst, er habe aus dem Frust heraus aufgehört. «Der Rücktritt war längst beschlossene Sache gewesen», sagt Heinzer.

Die intensiven Träume, Nacht für Nacht

Nach der Olympia-Enttäuschung will sich Heinzer am liebsten verkriechen. Aber da sind Frau und Schwiegereltern, die extra für gemeinsame Ferien angereist sind. Zwei Wochen bleiben sie im hohen Norden; Heinzer wird zum Langläufer, in den verschneiten Wäldern findet er zu sich, beginnt mit dem Verarbeiten.

Doch das Missgeschick verfolgt ihn, Nacht für Nacht. Im Traum verliert er nicht den Ski, aber immer geht es um den Start eines Rennens. Mal vergisst er die Skischuhe, mal findet er den Weg nicht, mal ist er zu spät dran. «Das Ganze hat mich lange verfolgt», sagt Heinzer.

Mittlerweile 58, wird er nach wie vor regelmässig auf Lillehammer angesprochen, häufiger jedenfalls als auf den WM-Titel. Und meistens erzählt er dann, wie sehr er sich eine zweite Startgelegenheit gewünscht hätte. Die Juroren im Eiskunstlauf etwa lassen an den Spielen 1994 Gnade vor Recht ergehen. Nur eine Woche nach der Herrenabfahrt darf die Amerikanerin Tonya Harding ihr Kurzprogramm nochmals beginnen, nachdem ihr beim ersten Versuch ein Schnürsenkel abgebrochen und sie vor lauter Weinen fast zusammengebrochen ist.

Nun ist Heinzer Trainer des Schweizer Europacupteams. Vor drei Monaten kehrte er wegen eines Rennens an den Olympiaberg zurück. Das Starthäuschen ist noch immer das gleiche wie vor 26 Jahren. Heinzer sass auf dem Sessellift, schaute nach oben. Mucksmäuschenstill.