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Gletscherwanderung zu SAC-HütteAlles der Zunge nach

Seit letztem Jahr gelangt man über einen neuen Panoramaweg zur Monte-Rosa-Hütte. Der Abstieg nach Zermatt folgt der Zunge des Gornergletschers, vorbei an eisigen Badewannen.

Der Zunge des Gornergletschers nach, in der Bildmitte, halb hinter Wolken versteckt, das allgegenwärtige Matterhorn.
Der Zunge des Gornergletschers nach, in der Bildmitte, halb hinter Wolken versteckt, das allgegenwärtige Matterhorn.
Foto: Severin Karrer

Die Reise in die Zermatter Gletscherwelt beginnt bequem in der Zahnradbahn Richtung Gornergrat. Bei der Bergbahnstation Rotenboden steigen wir aus und bestaunen zuerst einmal das Matterhorn, man kommt gar nicht darum herum. Es ist allgegenwärtig, kaum ein Blickwinkel, aus dem man den majestätischen Gipfel nicht erhascht. Unser Weg führt jedoch in die andere Richtung. Zumindest vorläufig drehen wir dem «Horu» den Rücken zu.

Dank der bereits gewonnenen Höhe geht es nicht sonderlich anstrengend los: Rund eine Stunde folgt man mehr oder weniger horizontal dem rotweiss markierten Wanderweg. Unser Blick fällt auf den Gornergletscher mit seinen eisigblauen Seen und mäandrierenden Bachläufen, die sich durchs Eis winden. Genau dort unten werden wir morgen selber sein. Unser Plan sieht vor, entlang der Gletscherzunge bis zur Station Furi abzusteigen, von wo wir wieder mit der Seilbahn nach Zermatt gelangen.

In der Ferne glitzert bereits die silberne Monte-Rosa-Hütte, rundherum erheben sich die Viertausender: Breithorn, Castor, Pollux, Liskamm und noch etwas weiter entfernt die Dufourspitze. Wie riesige Teppiche ziehen sich die Gletscher von den Bergflanken talwärts und vereinen sich im Talboden zur Zunge des Gornergletschers – allerdings immer öfter mit Unterbrüchen. So besteht etwa die Verbindung des Schwärzegletschers unterhalb des Breithorns mit dem Gornergletscher nicht mehr, und auch dieser ist nicht mehr durchgehend.

Loses Geröll auf der alten Route

Das erkennt man, als man an einen Wegweiser zur Monte-Rosa-Hütte gelangt. Hier beginnt der neue Panoramaweg. Der alte existiert zwar noch, wird aber nicht mehr empfohlen. Eine Massnahme, die direkt dem Gletscherrückgang geschuldet ist. So führte der Weg bis vor einem Jahr über die Zone, wo sich der Grenz- und der Gornergletscher vereinigten. Heute gibt es dort nur noch Toteisreste zwischen glatt geschliffenen Platten und losem Geröll – zwar kann man immer noch diese Route wählen, doch praktisch ist sie nicht. Vor allem nicht für die Hüttenbetreiber, die einen zuverlässigen Weg zur Hütte garantieren möchten, der nicht ständig im Wandel begriffen ist.

Mit einem vertrauenserweckenden Geräusch bohren sich die Steigeisenzacken ins graue Gletschereis, das so robust wirkt und doch so verletzlich ist.

Der neue Panoramaweg quert den Gornergletscher etwas höher und führt dann in einer grossen Schlaufe nach Süden dem Hang entlang zur Hütte. Kurz bevor man das Eis betritt, wechselt die Wegmarkierung auf blauweiss, hier also beginnt ein alpiner Wanderweg. Mit Steigeisen und Seil sollte man vertraut sein, um die Traverse über den Gletscher sicher zu meistern, auch wenn Stangen den idealen Weg über den Gletscher weisen.

Die Steigeisenzacken bohren sich in einem vertrauenserweckenden Geräusch ins graue Gletschereis, das so robust wirkt und doch so verletzlich ist. Man wünscht sich, der Wandel möge innehalten, als es weit weg vom Gegenhang auch schon bedrohlich rumpelt: Mitten aus einer grauen Flanke rutscht eine Geröllpartie ab und hinterlässt eine helle Fläche im Hang – auftauender Permafrost ist die Ursache.

Ein letzter Abstieg über das Gletschereis bringt uns an die südliche Begrenzung des Gornergletschers, schon von weitem erkennt man den neuen Weg. Erst letzten Sommer wurde er von Zivilschützern angelegt und gut mit Steinmännern und Wegzeichen markiert. Die Monte-Rosa-Hütte versteckt sich kurzzeitig, bald hat man sie wieder im Blick, doch der silberne Bergkristall ist weiter weg, als man meinen möchte.

«Berghütte der Zukunft»

Durch Blockgelände geht es auf und ab, mal über eine Holzbrücke, die den Winter nicht ganz unbeschadet überstanden hat, dann über feingeschliffene Steinplatten vorbei an rauschenden Bergbächen. Dreimal überquert man Moränen, die vom einstigen Vorstoss der Gletscher zeugen. Beim dritten Mal steht sie dann endlich da, die glänzende Hütte. Vergangenen Herbst hatte sie ihren zehnten Geburtstag, doch gross gefeiert wurde nicht. Fast unbemerkt ging das Jubiläum über die Bühne. Es wirkte ein bisschen, als möchte keine Feierstimmung aufkommen hier oben mitten im Eis, das alles andere als ewig ist.

Die Monte-Rosa-Hütte trägt den Spitznamen «Bergkristall» und ist energetisch zu 80 Prozent selbstversorgend.
Die Monte-Rosa-Hütte trägt den Spitznamen «Bergkristall» und ist energetisch zu 80 Prozent selbstversorgend.
Foto: Severin Karrer

Die Monte-Rosa-Hütte gilt als die «Berghütte der Zukunft»: Fast der ganze Energiebedarf wird durch Sonnenlicht gewonnen, der einzigen Energiequelle, die auf rund 2900 Metern über Meer im Überfluss vorhanden ist. Schmelzwasser wird in einer Kaverne gesammelt, das Abwasser bakteriell gesäubert – das futuristische Gebäude mit dem Spitznamen «Bergkristall» ist zu 80 Prozent energetisch selbstversorgend.

Ein Vorzeigebauwerk im Sinne der Nachhaltigkeit, als sollte den sterbenden Gletschern rundherum bedeutet werden, dass Rettung naht. Während sie von aussen in ihrem Kleid aus Blech und Photovoltaik futuristisch wie ein Raumschiff anmutet, ist es drinnen im dezent dekorierten Holzbau heimelig. Das Essen schmeckt, die Zimmer sind geräumig, und es kann sogar geduscht werden.

Tags darauf steht der lange Abstieg nach Zermatt bevor. Es gibt drei Varianten: Entweder man geht den gleichen Weg zurück oder man wählt den alten Hüttenweg nach Rotenboden. Dieser ist nach wie vor begehbar und bietet eine interessante Wanderung durch die quasi jüngste Landschaft, die man in den Alpen findet: ein frisches Gletschervorfeld. Über ein luftiges Felsband, das mit Fixseilen versehen ist, und zu guter Letzt über eine steile Leiter erreicht man wieder den Wanderweg nach Rotenboden. Wir entscheiden uns aber für die dritte Variante: Alles der Zunge nach, bis der Gornergletscher unweit des Skigebiets von Zermatt endet.

Eisige Badewannen

Auf diesem Weg erlebt man das glaziologische Naturschauspiel in seiner ganzen Bandbreite. Immer wieder begegnet man grossen Gletschertischen, sie sehen aus, als hätte jemand einen Eiskegel gebildet und obendrauf einen grossen Stein platziert. Tatsächlich entstehen sie, weil grosse Steine das darunterliegende Eis vor der direkten Sonnenstrahlung schützen, ohne sich wesentlich zu erwärmen. Rundherum schmilzt das Eis schneller als unter dem Stein.

Steine, die ins Eis einschmolzen, bilden eine eisige Badewanne, sodass es sich geradezu anbietet, die Trinkflasche mit glasklarem Gletscherwasser zu füllen.
Steine, die ins Eis einschmolzen, bilden eine eisige Badewanne, sodass es sich geradezu anbietet, die Trinkflasche mit glasklarem Gletscherwasser zu füllen.
Foto: Severin Karrer

Doch auch das Gegenteil gibt es: kleine Steine, die sich erhitzen und dann tief ins Eis hinabschmelzen, als hätte jemand mit der Schrotflinte auf den Gletscher geschossen. Zuweilen findet man Vertiefungen so gross wie Badewannen, die mit glasklarem Gletscherwasser gefüllt sind und dazu einladen, die Wasserflasche zu füllen.

Ungefähr in der Hälfte des Abstiegs quert ein mäandrierender Schmelzwasserbach den Gletscher, er zieht geschwungene Kurven und verschwindet dann irgendwo unter dem Eis. Es sieht bizarr aus, und doch hat das Wasser nichts anderes getan, als präzise den Gesetzen der Physik zu folgen, die sich uns staunenden Wanderern nicht sogleich erschliessen.

Ein wild mäandrierender Schmelzwasserbach quert den Gletscher.
Ein wild mäandrierender Schmelzwasserbach quert den Gletscher.
Foto: Severin Karrer

Unser Weg geht weniger geschwungen bergab, vorbei an Gletscherseen in sämtlichen Blautönen und über die letzten von Geröll bedeckten Eismeter. Und wer steht wohl wie ein gigantischer Wegweiser am Horizont? Richtig, das Matterhorn. Irgendwo da unten wird Zermatt sein.