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Interview mit Filmemacher Kapadia«All das hätte wohl niemand anders als Maradona überlebt»

Oscarpreisträger Asif Kapadia hat für einen Dokumentarfilm mit Diego Maradona gesprochen – über seine Familie, Drogen und die Gangster von Neapel. Wie ist der Star heute?

Mister Kapadia, wann sind Sie Diego Maradona verfallen?

Nicht sofort. 1982 galt Maradona als der vielversprechendste Spieler der Welt. Wir alle waren gespannt auf die WM in Spanien, doch er spielte nicht gut. Er wurde viel getreten. Er sah die rote Karte gegen Brasilien, das Team, in das wir uns damals alle verliebten, mit Zico und Socrates. Diese WM war für Maradona die Geschichte eines Scheiterns.

Er ging zum FC Barcelona. Und da deutete sich bereits an, dass Maradona abstürzen könnte. Es gab Gerüchte über Kokain und Unbeherrschbarkeit.

Viele erinnern sich nicht mehr, wie Fussball damals war: rüde Grätschen, Tumulte, unfassliche Brutalität auf dem Rasen. Um das zu verkraften, musste man mental unheimlich stark sein. Man unterschätzt, was Maradona mitgemacht hat. All das hätte wohl niemand anders überlebt.

Nach der Zeit in Barcelona wollte ihn angeblich niemand haben. Also ging er 1984 zum mittelmässigen SSC Neapel.

Nicht mal ich, der fussballinteressiert war, wusste, was damals in Neapel passierte. Bis mir als Student in den 1990ern das Buch von Jimmy Burns in die Hände fiel: «Hand Gottes». Erst danach dachte ich: Was für ein Leben! Und ich begann, mit Maradona zu sympathisieren und mir vorzustellen, eines Tages einen Film über ihn zu drehen.

Ihr Dokfilm beginnt mit dem Tag von Maradonas Präsentation in Neapel. Aus dem Auto, das hinter Maradonas Fiat fährt, hält jemand die Kamera drauf, bis er im vollbesetzten San-Paolo-Stadion ankommt. Woher haben Sie diese spektakulären Aufnahmen?

Diegos erster Manager, Jorge Cyterszpiler, war derjenige, der Diego entdeckte, sein Freund wurde, ihm und seiner Familie die erste Wohnung besorgte. Erst bringt er ihn von Argentinos Juniors zu Boca Juniors, dann bricht er den Transferweltrekord, als er ihn nach Barcelona vermittelt, dann wieder, als er ihn bei Neapel unterbringt. Er hatte nur einen Klienten: Diego. Als der 17, 18 Jahre alt war, sagte Jorge: Das wird der beste Spieler der Welt. Und er sagte sich: Ich verpflichte zwei Kameramänner, wir machen einen Film, verkaufen ihn teuer – und ich werde reich sein.

«Mein Job als Filmemacher ist es, Künstler, Politiker, Erzähler, Journalist und Therapeut zu sein. Und mein grosser Vorteil ist: Ich bin sehr geduldig, und ich habe Zeit.»

Asif Kapadia

Aber diesen Film gab es nie.

Nein. Typisch Maradona: Er feuerte Cyterszpiler, der Film wurde nie gemacht. Die Kameraleute wurden nie bezahlt und rannten mit den Tapes weg. Ich habe die Aufnahmen über ein Vierteljahrhundert später in einem Appartement vor den Toren Neapels gefunden. Ich habe gewissermassen 2019 jenen Film beendet, den Jorge 1979 begonnen hatte. Ich wollte Cyterszpiler unbedingt interviewen, wir hatten einen Termin. Doch er beging vorher Suizid, stürzte sich von einem Gebäude.

Weltmeister 1986: Maradona mit der argentinischen Nationalmannschaft.
Weltmeister 1986: Maradona mit der argentinischen Nationalmannschaft.
Foto: Altitude Film Distribution

Sie haben mit Maradona gesprochen. Es ist bekannt, dass er oder sein Umfeld Geld für Interviews verlangen. Wie schwer war es, an ihn heranzukommen?

Es war nicht einfach (lacht). Mein Job als Filmemacher ist es, Künstler, Politiker, Erzähler, Journalist und Therapeut zu sein. Und mein grosser Vorteil ist: Ich bin sehr geduldig, und ich habe Zeit. Aber wissen Sie, was mir wirklich geholfen hat? Maradona liebt «Senna».

Ihren Film?

Er ist erst mal ein grosser Senna-Fan. Maradona war sogar bei Ayrton Sennas Beerdigung, obwohl sie sich nie begegnet sind. Und, was wirklich kurios ist: Sie waren oft hinter den gleichen Frauen her. Dass Maradona auch den Senna-Film liebt, erfuhr ich erst später.

So einfach war das, an ihn heranzukommen?

Moment, nicht so schnell! Wir waren im Besitz von vielen gut erhaltenen Videobändern aus der Zeit in Neapel. Claudia Villafañe, Diegos erste Ehefrau, hatte ebenfalls Filmmaterial. Ich sagte zu ihr: «Egal, ob der Film zustande kommt, lass es mich digitalisieren und für die Nachwelt retten. Ich gebe es zurück.» Tja, und dann mussten meine Produzenten einen Deal mit Diego machen. Nichts passiert gratis. Am Ende stand ein Deal: die Digitalisierung des Filmmaterials und neun Stunden für Interviews.

Wie war das erste Treffen mit Maradona?

Klischeehaft. Es war 2016, sein Team nannte einen Termin, wir buchten Flüge nach Dubai, fragten, ob 11 Uhr in Ordnung wäre, weil wir nicht zu früh anfangen wollten, hörten: Perfekt! Und dann wurde es am verabredeten Tag elf, zwölf, dreizehn, vierzehn Uhr. Nichts passierte. Nada. Bis jemand sagte: «Mañana. Wir machen es morgen.» Doch dann passierte dasselbe. Ich dachte: Das wird ein Desaster. Dann rief ich sein Team an.

«Maradona wollte wissen: Wie heiss bist du darauf, mich zu sehen?»

Asif Kapadia

Und dann?

Maradonas Leute gestanden, dass er um elf Uhr nie wach war. Weil auf der anderen Seite des Planeten Boca Juniors spielte – durch die Zeitverschiebung also mitten in der Nacht. Ich sagte: Wenn ihr das Interview lieber um ein Uhr morgens führen wollt, okay – aber sagt es mir! Da sass ich dann in Dubai, war fünf Tage dort, traf ihn für fünfzehn Minuten. Und ich sagte seinen Leuten: Ich gehe nach Hause.

Sie haben aber nicht aufgegeben.

Nein. Sechs Monate vergingen bis zum zweiten Versuch. Und dann bin ich nicht mehr mit einem kompletten Team und einer Kamera hingefahren, sondern nur mit einer Dolmetscherin. Den Ton nahm ich auf. Und sofort war der Druck raus. Im Nachhinein glaube ich, dass es ein Test von ihm war. Maradona wollte wissen: Wie heiss bist du darauf, mich zu sehen?

Aber dann trafen Sie sich tatsächlich zu längeren Gesprächen.

Beim ersten langen Termin in Dubai hatte ich nur ein kleines Diktiergerät dabei. Während wir redeten, schaute er Fussball, Boca Juniors. Als er mal auf die Toilette musste, drehte ich den Ton weg. Danach schaute er stumm weiter. Das Diktiergerät stand auf dem Tisch, ich sass auf der einen Seite von ihm, die Übersetzerin auf der anderen. Wenn ich eine Frage stellte, schaute er erst nach links, dann nach rechts, und ich dachte nur: Das ist vielleicht der einzige Termin, den ich mit ihm habe, deshalb muss ich es schaffen, dass er direkt ins Mikro spricht. Also stand ich vom Sofa auf und setzte mich auf den Boden, zwischen ihn und den Fernseher, damit er über meinen Kopf weiter Fussball schauen und ins Mikrofon sprechen konnte.

In Ihrem Film taucht Fernando Signorini auf, sein Fitnesstrainer. Er unterscheidet zwischen «Diego» und «Maradona», der Kunstfigur, die Diego erschaffen musste, um den Druck auszuhalten. Mit Diego würde Signorini bis ans Ende der Welt gehen, mit Maradona nicht mal an die nächste Ecke. Haben Sie «Diego» kennen gelernt?

Ich habe viele Leute interviewt, die sich wünschten, Maradona würde wieder der werden, der er mal war. Als ich Fernando Signorini hörte, verstand ich: Was für ein Satz! Für mich war er wichtig, um zu verstehen, dass der Typ, den ich interviewe, nicht derjenige ist, über den ich einen Film drehe. Ich traf den Maradona von 2016 und drehte einen Film über den Maradona von 1984.

«Zum Reden bringt man ihn nur, wenn man seine Familie anspricht, seine vier Schwestern, seinen Vater und natürlich seine Mutter, Doña Tota»: Diego Maradona reagierte im Interview auf gewisse Themen gereizt.
«Zum Reden bringt man ihn nur, wenn man seine Familie anspricht, seine vier Schwestern, seinen Vater und natürlich seine Mutter, Doña Tota»: Diego Maradona reagierte im Interview auf gewisse Themen gereizt.
Foto: Screenshot Youtube Trailer

Nun ist niemand von uns der Gleiche, der er mit Mitte 20 war.

Aber es gilt noch viel mehr, wenn du deinen Körper und dein Hirn so vielen Dingen ausgesetzt hast. Manchmal schimmerte der junge, charmante, liebenswerte Diego durch, doch dann kehrte er wieder hinter die Fassade zurück, die Stars gern aufbauen, um sich zu schützen.

Wie ist es Ihnen gelungen, heikle Fragen über Maradonas erste Ehe mit Claudia Villafañe oder seine Kokainprobleme zu stellen?

Das war kurios. Schon beim ersten Meeting. Ehe ich Claudia ansprach, hatte ich versucht, ihn mit ein paar sanften Fragen zu locken, doch er ging sofort an die Decke und brüllte: «Ich will nix von ihr hören. Ich sage nix.» Und genauso war es mit Cyterszpiler, denn obwohl sein früherer Freund gerade umgekommen war, schäumte Maradona: «Sprich ihn nicht an! Er hat mich beklaut!» Zum Reden bringt man ihn nur, wenn man seine Familie anspricht, seine vier Schwestern, seinen Vater und natürlich seine Mutter, Doña Tota.

Die Familiengeschichten erweichen ihn noch immer?

Und wie! Bald war alles möglich: Es ging um Drogen, das uneheliche Kind Diego junior, seine Beziehung zu den Gangstern in Neapel. Er hat mir Dinge erzählt, von denen ich glaube, dass er sie niemandem gesagt hat.

In manchen Szenen Ihres Films ähnelt Maradona einer Figur aus Gangsterfilmen, so zum Beispiel bei der Weihnachtsfeier 1990. Das erinnert an Martin Scorseses Mafiafilm «Good Fellas».

Scorsese ist einer meiner Helden. Es war so, als würden wir Scorseses «Hexenkessel» (1973) neu drehen: Es geht um Strassenkerle, die für sich genommen ganz nett sind, aber wenn sie auf der Strasse sind, tun sie alles, um zu überleben. Und ja, Maradona ist wie eine Scorsese-Figur. Wenn man diese Pelze und Hüte sieht, die sie tragen, inmitten von grosser Armut – das ist wie aus einem Scorsese-Film. Scorsese habe ich den Film vorher gezeigt, und er sagte mir: «Ich mag Fussball nicht, ich kenne diesen Typen nicht, aber das ist ja wie Robert De Niro.» Er fing an, Maradona mit Personen aus seinen Filmen zu vergleichen, auch mit Al Pacino.

«Wenn man diese Pelze und Hüte sieht, die sie tragen, inmitten von grosser Armut – das ist wie aus einem Scorsese-Film»: Diego Maradona in Japan in den 80er-Jahren.
«Wenn man diese Pelze und Hüte sieht, die sie tragen, inmitten von grosser Armut – das ist wie aus einem Scorsese-Film»: Diego Maradona in Japan in den 80er-Jahren.
Foto: Altitude Film Distribution

In Ihrem Film ist das WM-Turnier 1990 nach dem Halbfinal zwischen Argentinien und Gastgeber Italien vorbei. Warum?

Als Filmemacher muss man die Dinge zuspitzen. Und das Elfmeterschiessen gegen Italien in Diegos zweiter Heimat Neapel war so etwas wie der Showdown in einem Sergio-Leone-Western. Maradona brachte Argentinien erstmals in Führung, es war aber nicht nur der letzte verwandelte Versuch in diesem Elfmeterschiessen, sondern auch der letzte wichtige Treffer seiner Karriere. Alles, was danach geschah, kam da nicht heran – auch nicht der verlorene Final gegen Deutschland.

Was glauben Sie: Ist Maradona sich seiner historischen Bedeutung bewusst?

Ja, sehr. Vor allem, seitdem er wieder in Argentinien ist. In Dubai war er schon sehr traurig. Gleichzeitig war es für seine Gesundheit sehr gut, weil er eben nicht in Paris, Rom oder Neapel, Buenos Aires oder Mexiko war. Maradona hat sich über die Jahre so viel Schaden zugefügt, dass es einem Wunder gleichkommt, dass er noch lebt. Ich bin mir bloss nicht sicher, an wie viel er sich tatsächlich noch erinnert.

«Maradona» läuft am 7. August ab 21 Uhr im Dolder-Wellenkino in Zürich.