Erwachsene, bitte draussen bleiben

Wer könnte Jugendliche besser über Sexting und Cybermobbing aufklären als andere Jugendliche? In Basel werden neue Methoden zur Vermittlung von Medienkompetenz erprobt.

Was ist harmlos? Was ist zu intim? Da sind sich Jugendliche, die an «Peer Tutoring»-Kursen teilnehmen, auch nicht immer einig. Foto: Christian Flierl

Was ist harmlos? Was ist zu intim? Da sind sich Jugendliche, die an «Peer Tutoring»-Kursen teilnehmen, auch nicht immer einig. Foto: Christian Flierl

Mirjam Fuchs@tagesanzeiger

«Wie findet ihr es, wenn man solche Bilder von sich verschickt?», fragt Jann Steiner die Jugendlichen, die an der Präventionsveranstaltung für Medienkompetenz teilnehmen, und zeigt ihnen ein Bild von Miley Cyrus. Auf dem Selfie zieht die junge Sängerin eine Schnute und entblösst durch das Hochziehen ihres violetten T-Shirts Bauch und Beine. Das Urteil der Gruppe fällt klar aus. Alle setzen sich auf diejenige Seite im Halbkreis, die mit einem «Schlecht» markiert ist. Der 20-jährige Jann muss die Gruppe nicht lange um eine Erklärung bitten: «Sie schaut voll pervers!» oder «Sie trägt keinen BH und zeigt zu viel nackte Haut», rufen die Mädchen und Jungen laut und unbeschwert in die Runde.

Jann ist einer von 16 Jugendlichen im Alter von 16 bis 21 Jahren, die bei Inteam in Basel zurzeit ein Motivationssemester absolvieren. Das sind Programme für stellenlose Jugendliche ohne abgeschlossene berufliche Grundbildung – mit anderen Worten: Schulversager, Lehrstellenabbrecherinnen oder Gymi-Gescheiterte. Dank des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und finanziert von der Arbeitslosenversicherung werden solche Jugendliche seit 1994 durch Motivationsprogramme bei der Integration in die Arbeitswelt unterstützt. Insgesamt 80 Programme laufen in der Schweiz, eines davon ist Inteam.

Bei Inteam erhalten die stellenlosen Jugendlichen von Sozialarbeitern Hilfe bei Berufswahl und Bewerbung. Die Spezialität sind Präventionsveranstaltungen, welche die stellenlosen Jugendlichen für Schulklassen und Jugendgruppen im Alter von 12 bis 18 Jahren abhalten. «Peer Tutoring» nennt sich die Vermittlungsmethode in der Fachwelt, in der Basler Praxis ist auch von «Peer Education» die Rede. Seit 1996 informieren die stellenlosen Jugendlichen in den bunt eingerichteten Räumlichkeiten von Inteam im Basler Gundeldinger-Quartier andere Jugendliche, wie sie sich vor HIV oder Schulden schützen können. Und zeigen, dass sich nicht nur Klassenbeste für die Präventionsarbeit eignen.

In der aktuellen Präventionsveranstaltung, die im Rahmen von «Jugend und Medien» stattfindet, geht es um das Vermitteln von Medienkompetenz: Sexting, Cybermobbing, soziale Netzwerke, Computerspiele, Datenschutz und Privatsphäre sind Themen. Die Reihe stösst auf Interesse. Ursprünglich geplant waren 10 Veranstaltungen, das Interesse der Schulen in der Region ist aber so gross, dass bis zum Sommer 35 durchgeführt werden.

Die eigene Schmerzgrenze

Jann ist verantwortlich für das Modul zum Thema Sexting. Souverän steht er vor der Gruppe, präsentiert seine Folien, erklärt den Jugendlichen, die auf ihren Sitzwürfeln hängen, was darunter zu verstehen ist: Die Wortneuschöpfung aus Sex und Texting (englisch für SMS schicken) bezeichnet den Austausch von erotischen Selfies (Selbstaufnahmen) per Handy oder Internet. Die Erwachsenen im Raum staunen, die Teenager sind mit dem Phänomen vertraut, sie alle kennen solche Aufnahmen. Miley Cyrus, Justin Bieber und der Bekanntenkreis machens vor.

Gemeinsam mit den Jugendlichen diskutiert Jann Gründe, warum Teenager erotische Bilder von sich verschicken oder ins Netz stellen. Sie tun es, um Aufmerksamkeit zu erlangen, den Schwarm zu beeindrucken oder um auf sozialen Netzwerken möglichst viele «Likes», sprich positive Bewertungen, zu erhalten. Manchmal tun sie es unfreiwillig. Jann erzählt von Fällen, in denen Jugendliche von anderen Sexting-Bilder erpressen («Wenn du mich liebst, schick mir ein Nacktfoto von dir!»).

Jann zeigt weitere erotische Selfies, nicht immer ist sich die Gruppe so einig wie bei Miley Cyrus: Was ist mit dem jungen Mann, der vor dem Spiegel mit seinem nackten, durchtrainierten Oberkörper posiert? Wer so hart für sein Aussehen arbeitet, findet ein sportlich aussehender Jugendlicher, dürfe das auch zeigen. Und was ist mit dem Mädchen im blütenweissen Bikini, das im Schneidersitz vor dem Bett mit Teddybär sitzt? Einigen ist der Blick ins Schlafzimmer zu intim, andere finden die Pose harmlos («Man sieht ja gar nichts!»).

Schliesslich schaltet sich Jann in die Diskussion ein: «Jeder muss selbst entscheiden, wo die Schmerzgrenze liegt.» Und erklärt die Risiken von Sexting: «Wenn die freizügigen Fotos ins Internet gelangen, können sie sich dort schnell verbreiten und kaum mehr gelöscht werden. Wir empfehlen, am besten gar keine Sexting-Fotos zu versenden.» Wer es nicht lassen könne, solle weniger Haut zeigen: «Ich finde, das wirkt viel selbstbewusster und attraktiver», sagt er. Einige Jugendliche machen nun grosse Augen, andere nicken zustimmend.

Ein klares Votum aus dem Mund eines Gleichaltrigen – das kommt an bei den Jugendlichen. Und genau darauf baut «Peer Tutoring» auf. Vereinfacht gesagt gehören bei der Vermittlungsmethode Sender und Empfänger zur gleichen Zielgruppe («Peer Group»). Sie teilen ein Merkmal, bei Inteam ist es etwa das Alter. Dass sich die Methode perfekt für die Präventionsarbeit eignet, leuchtet ein. Gleichaltrige können sich besser in die Lage ihrer Zuhörer hineinversetzen als Eltern oder Lehrer. Intime Themen lassen sich so – vorausgesetzt, die «Peer Educators» besitzen das nötige Fachwissen – leichter vermitteln. Nicht zuletzt: Wenn Jugendliche unter sich sind, trauen sie sich eher, Fragen zu stellen.

70 Prozent finden eine Lehrstelle

Dass wir Jann und seinem Team bei der Arbeit über die Schulter schauen dürfen, ist eine Ausnahme. Einer der wichtigsten Grundsätze des «Peer Tutoring» lautet: «Erwachsene müssen draussen bleiben.» Das gilt auch für die Sozialarbeiter bei Inteam. Zwar betreuen sie die Jugendlichen täglich und haben sie beim Erarbeiten der Module unterstützt. Doch während der zwei bis drei Stunden, in denen ihre Schützlinge in kleinen Teams Schulklassen unterrichten, sind diese auf sich gestellt.

«Die Jugendlichen müssen während der Veranstaltungen die Verantwortung selbst tragen, damit das «Peer Tutoring» funktioniert», sagt Romina Miani. Sie ist Sozialarbeiterin bei Inteam und erklärt, dass die fehlenden Kontrollmechanismen bei pädagogischen Fachleuten oder Politikern auch für Skepsis sorgen. Miani plädiert aber für mehr Vertrauen in die Ressourcen der Jugendlichen. Sie beobachtet regelmässig, wie diese dank der Arbeit in den Präventionsveranstaltungen aufblühen: «Als ‹Peers› sind sie Fachpersonen und Leadertypen, erhalten Anerkennung von der Gruppe. Das steigert ihr Selbstwertgefühl.»

In Basel hat man mit «Peer Tutoring» gute Erfahrungen gemacht: Über 70 Prozent der Inteam-Teilnehmer finden während des Jahres eine Lehrstelle. Die Sozialarbeiter, aber auch die Jugendlichen sind überzeugt, dass sie von ihrer Arbeit als «Peers» bei der Stellensuche profitieren. «Ich konnte mich im Vorstellungsgespräch besser präsentieren», sagt Jann. Nach 20 Bewerbungen hat es bei ihm geklappt. Im August beginnt er die Ausbildung zum Parkettleger.

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