Franz Marc zu Gast bei einem Freund

Die beiden Künstler Franz Marc und Paul Klee kannten sich gerade einmal vier Jahre. Dann riss der Krieg sie auseinander. Eine Ausstellung im Zentrum Paul Klee beweist, dass die Freundschaft trotz ihrer kurzen Dauer für beide von grosser Wichtigkeit war.

Biblischer Klee: Mit Zeichnungen wie «Skizze zu den Psalmen» von 1915 setzte sich Klee mit dem Bibeltext auseinander.

Biblischer Klee: Mit Zeichnungen wie «Skizze zu den Psalmen» von 1915 setzte sich Klee mit dem Bibeltext auseinander. Bild: zvg

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Es ist ein apokalyptisches Bild: In den durch wilde Linien voneinander getrennten Fragmenten erkennt man flüchtende Tiere. Das berühmte Bild «Tierschicksale» von Franz Marc (1880– 1916) zeigt in Tat und Wahrheit aber ein menschliches Schicksal, denn es handelt sich um eine Vorwegnahme der kommenden Kriegsschrecken. Gemalt hat Franz Marc das Bild im Jahr 1913, an seine Frau Maria Marc schrieb er dazu: «Es ist von einer künstlerischen Logik, solche Bilder vor dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem Kriege.»

Ein Freundschaftsdienst

Franz Marc ahnte nichts Gutes, doch dies hinderte ihn nicht daran, das Kommende zu romantisieren. Er sah den Krieg als notwendigen Teil einer Heilsgeschichte, die das materialistisch verdorbene Europa reinigen sollte, um schliesslich eine neue geistige Schöpfung hervorzubringen. Nur drei Jahre später fiel Marc an der Front. Und auch die «Tierschicksale» holte das Schicksal ein: Ein Brand zerstörte das Bild 1917 bis zu einem Drittel.

1919 restaurierte Paul Klee (1879– 1940) das Gemälde als Freundschaftsdienst für den gefallenen Weggefährten, dessen Kriegsbegeisterung er nie geteilt hatte. Das Gemälde, das sich heute in Basel befindet, darf nicht mehr ausgeliehen werden. Kurator Michael Baumgartner, der die in Kooperation mit dem Franz-Marc-Museum in Kochel am See und der Stiftung Moritzburg in Halle nun die Ausstellung «Paul Klee – Franz Marc. Dialog in Bildern» konzipierte, gibt dem Bild mit einer gross angelegten Dokumentation trotzdem viel Raum. Schliesslich ist es das einzige Werk, an dem beide Künstler Hand anlegten.

Dialog in Bildern

Der «Dialog in Bildern» ist in dieser Schau auch ein Dialog in Worten. Die beiden schrieben sich gemalte Postkarten und tauschten so vor allem Alltägliches aus oder vereinbarten neue Treffen. Nicht selten schrieben auch die Ehefrauen Maria Marc und Lilly Keller anstelle der Männer eine Grussbotschaft auf die Rückseite. Franz Marcs Postkarten sind detailliert ausgearbeitete Kompositionen, in denen seine Leitmotive – die roten und blauen Pferde und die verletzten oder schlafenden Rehe – vorkommen. Klee antwortet mit «Kritzeleien», unfertigen Skizzen wie etwa einem aus geometrischen Elementen geformten Stier oder einer wilden Verfolgungsjagd, auf der man kaum noch etwas erkennen kann. Dass Marc Klee ganz konkret förderte, wird bei den «Candide-Zeichnungen» deutlich – einer Serie von Illustrationen, für deren Veröffentlichung Marc sich engagierte.

Fazit: In gelungenen Gegenüberstellungen wird deutlich, wie die Freunde sich mit ähnlichen Themen beschäftigten, dabei aber ganz unterschiedlich vorgingen. Religiöse Themen faszinierten Marc wie Klee. Franz Marc – wie nicht anders zu erwarten – interessierte vor allem die Entstehung der Tiere. In bereits stark abstrahierten Kompositionen stellte er die Geburt der Pferde oder die Geburt der Wölfe dar. Ganz anders Klee, der verschiedene Psalme in eine Zeichnung übersetzte. So kann man etwa in «Psalm 142» mit etwas gutem Willen den wehklagenden David erkennen. Bibelkenntnisse und der Wille, sich auf Details einzulassen, sind dabei von Nöten. Wer sich aber näher mit den Psalmen beschäftigt, taucht schliesslich in einen Kosmos voller narrativer Details ein, die ähnlich Existenzielles erzählen wie Marcs Tierschicksale. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.01.2011, 18:58 Uhr

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