Was am Ende bleibt, ist Hass

Film-Rezension

In «Out of the Furnace» zeigt Scott Cooper ein Amerika abseits des Hollywood-Hochglanzes. Mit einem herausragenden Christian Bale, der sich wie ein wundes Tier durch den Film schleppt.

Düstere Aussichten: Russell Baze (Christian Bale) wird aus dem Gefängnis entlassen und sinnt auf Rache.

Düstere Aussichten: Russell Baze (Christian Bale) wird aus dem Gefängnis entlassen und sinnt auf Rache.

(Bild: Kerry Hayes/zvg)

«Auge um Auge» – der deutsche Verleihtitel von Scott Coopers («Crazy Heart») zweitem Spielfilm lässt eigentlich keine Fragen offen. «Auge um Auge», das klingt nach klassischem Rachethriller: alttestamentarisch, ebenso markig wie simpel. Mit Coopers unterschwellig brodelndem Neo-noir-Streifen «Out of the Furnace» (wörtlich übersetzt in etwa: «Jenseits des Glutofens») hat das allerdings nur wenig zu tun.

Die fragile Familie des von Christian Bale feinnervig verkörperten Blue-Collar-Arbeiters Russell Baze steht in «Out of the Furnace» beispielhaft für den Zerfall der traditionellen US-Stahlindustrie, die der chinesischen Konkurrenz nicht mehr gewachsen ist. Der Vater ist bettlägerig. Russells jüngerer Bruder Rodney (Casey Affleck), ein Irak-Veteran, hat nach dem Krieg nie mehr in die soziale Spur zurückgefunden.

Die Bilder vom maroden Stahlwerk und von der heruntergekommenen Arbeitersiedlung, in der die Baze-Brüder hausen, sind meilenweit entfernt von Hollywood-Hochglanz. Das Einzige, was hier schimmert, sind die strähnigen Haare und die ständig von einem leichten Schweissfilm überzogene Haut der Protagonisten.

Hochkarätiges Starensemble

Der 44-jährige US-Regisseur Cooper, der mit seinem Erstling «Crazy Heart» Jeff Bridges zum überfälligen Darsteller-Oscar verhalf, lässt auch diesmal sein bis in die Nebenrollen hochkarätiges Starensemble gross aufspielen. Wie ein waidwundes Tier schleppt sich Christian Bale durch den Film: hager, verstockt, innerlich blutend. Es tut weh, ihm dabei zuzusehen, aber man kann die Augen doch nicht von ihm lassen.

Auch Casey Affleck überzeugt in der Rolle des auf die schiefe Bahn geratenen rebellisch-verzweifelten Bruders. Dazu Willem Dafoe als schmieriger Buchmacher John Petty, Woody Harrelson als psychopathischer Provinzgangster Harlan DeGroat und Forest Whitaker als selbstgerechter Sheriff: Schauspielerisch bleiben da kaum Wünsche offen.

Was freilich auffällt: Das sind alles nur Männer. Russells Freundin Lena (Zoe Saldana) spielt nur deshalb eine (Neben-)Rolle, weil sie Russell verlässt, als dieser im Knast landet, nachdem er betrunken in einen tödlichen Autounfall verwickelt war. Während Russell im Gefängnis sitzt, stirbt sein Vater. Und kurz nachdem Russell entlassen wurde, verschwindet Bruder Rodney, den Petty für illegale Boxkämpfe in den Appalachen an DeGroat vermittelt hat. Die Polizei unternimmt nichts. Und alles, was Russell jetzt noch bleibt, ist sein Hass und sein Jagdgewehr.

Meisterhaft intensiv

Aber nur scheinbar mündet das melancholische und bewusst träge montierte Sozialdrama dann doch noch in die traditionelle Westerndramaturgie des einsamen Rächers. Tatsächlich nämlich verknüpft Cooper die beiden so unterschiedlichen Genres im Wechsel von wabernden Handkameraaufnahmen und bildgewaltigen Panoramen zu einem poetischen, manchmal allzu pathetischen, am Ende fragwürdigen, zugleich aber meisterhaft intensiv inszenierten Abgesang auf Amerika.

«Out of the Furnace» läuft ab Donnerstag, 3. Juli 2014 im Kino.

Berner Zeitung

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