Im Schatten Dürrenmatts

Friedrich Dürrenmatt war der grosse Weltenschlosser, doch als Familienvater eher lausig. Im Dokumentarfilm «Dürrenmatt – eine Liebesgeschichte» nähert sich Sabine Gisiger seiner langjährigen Liebe zur Schauspielerin Lotti Geissler – und bleibt auf halbem Weg stehen.

Aus guten Zeiten: Dürrenmatt und seine Frau Lotti Mitte der Sechzigerjahre in Neuenburg auf der Balustrade der «Arche», einer Eisenplastik des Freundes Peter Siebold.

Aus guten Zeiten: Dürrenmatt und seine Frau Lotti Mitte der Sechzigerjahre in Neuenburg auf der Balustrade der «Arche», einer Eisenplastik des Freundes Peter Siebold.

(Bild: Pierre A.Lachat/DCM Filmdistribution/zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Der Tod verändert alles. Und sei er auch nur – ein böser Streich. Am 14. Januar 1983 sucht Friedrich Dürrenmatt seine Frau in ihrem Zimmer auf, im Glauben, dass sie schlafe. Er will die Kerze löschen, die sie brennen liess. «Ich fand meine Frau halb auf dem Bett sitzend, zur Seite gesunken», wird er später schreiben.

Der Autor lebt im Vallon de l’Ermitage, oberhalb von Neuenburg. Sein Berner Arzt berät ihn telefonisch, rät zur Massage. Dürrenmatt ist «nicht sonderlich beunruhigt». Als der herbeigerufene Arzt aus Neuenburg ihren Tod feststellt, glaubt er es nicht, er fragt in Bern mehrmals nach, ob sie nicht scheintot sei.

«Bei aller Trauer war es mir, als hätte mich meine Frau ärgern wollen, als hätte sie mir einen Streich gespielt, der gegen ihre Absicht zu weit gegangen war.»

Groteske Akrobatik

Lotti Dürrenmatt-Geissler stirbt mit 63 Jahren an einem Herzstillstand. Dürrenmatts Text darüber erscheint in seinem monumentalen Spätwerk «Stoffe». Er handelt von der tiefen Verwirrung, dem «lichtschnellen Fall», den dieser Tod bei ihm auslöst.

Und er handelt von den Mitarbeitern des Beerdigungsinstituts, «ein grosser Dicker und ein kleiner Magerer», die in grotesker Akrobatik den Sarg das Treppenhaus hinunterzuschaffen versuchen. «Ich musste an ‹Dick und Doof› denken.»

Es ist ein Text, der einem den Boden wegzieht. Beim Lesen. Und beim Hören, in Sabine Gisigers Dokumentarfilm. Dürrenmatts jüngste Tochter trägt ihn vor – Ruth (64), mit ihrem unverkennbaren Dürrenmatt-Gesicht.

Offen und direkt, auch mal amüsiert, ohne Scheu vor den Schmerzzonen gibt sie Auskunft in diesem Film, ebenso wie ihr Bruder Peter (68) und Dürrenmatts Schwester Verena (91), die in einer Alterswohnung in Bern lebt.

Das Schweigen der Familie

Dass sie die Angehörigen vor die Kamera brachte, ist der Filmemacherin hoch anzurechnen. Nicht einmal Peter Rüedi, Schöpfer der 2011 erschienenen Mammutbiografie Dürrenmatts, konnte das Schweigen der Familie brechen.

Mit «Dürrenmatt im Labyrinth» legte Gisiger zuletzt einen verspielten Fernsehfilm vor, gestaltet als fiktive Autobiografie. Nun nähert sie sich der Familie, den dunklen Seiten des Privatlebens auch, das Dürrenmatt schriftstellerisch als Tabuzone verstand.

Notorische Distanznahme

Dass der Berner Weltautor ein «fast feierliches Verhältnis» zur Ehe hatte, zugleich ein eher lausiger Familienvater war: man weiss es spätestens seit Rüedis biografischem Kraftakt, der auch das Porträt eines psychisch wie physisch Versehrten war.

Im Film nun, in den anekdotisch angereicherten Schilderungen der Angehörigen wirkt das noch einmal viel stärker. Dürrenmatts Humor griff auch im Privaten, als notorische Distanznahme, die für die Kinder schmerzhaft sein konnte. «Er wusste nicht, wie man persönlich redet», sagt Sohn Peter im Film.

War Dürrenmatt an der Arbeit, und das war er fast immer, mussten sich die Kinder still verhalten. Platzte er mit einem Textentwurf zuhanden der Gattin herein, zählte nichts anderes mehr. «Oft», sagen die Kinder, habe man die Eltern «lange nicht gesehen».

Tochter Ruth, die unter Legasthenie litt, wurde von ihrem Vater geohrfeigt, weil sie in der vierten Klasse die Monate noch nicht in der richtigen Reihenfolge aufsagen konnte. Dass gerade sie nun Vaters Requiem auf die Mutter vorliest, gehört zu den subtilen Pointen des Films.

Die Ehe als Sackgasse

«Dürrenmatt – eine Liebesgeschichte»: Im Werktitel klingt die Begeisterung der Filmemacherin für das Schaffen des Schriftstellers an. Vor allem aber die langjährige Beziehung zwischen dem Autor und der Berner Schauspielerin Lotti Geissler, die symbiotische Züge trug.

«Meine Mutter musste sterben, damit ich begriff, dass ich eine Mutter und einen Vater hatte, die beiden waren immer zusammen», sagt Peter Dürrenmatt.

Leider bleibt Gisiger bei ihrer Annäherung auf halbem Weg stehen. Es mangelt ihr an Material für ein fokussiertes, filmisch überzeugendes Porträt. Immer wieder treibt der Film weg von Lotti Dürrenmatt und zerfällt.

Was Gisiger dazwischen bietet, ist eine konventionelle Dürrenmatt-Collage mit altbekannten Ausschnitten. Ein beträchtlicher Teil davon stammt aus dem Film «Porträt eines Planeten» von Dürrenmatts zweiter Ehefrau Charlotte Kerr – auch das eine subtile, wenn auch zweifelhafte Pointe des Werks.

Das Bild von Lotti Dürrenmatt bleibt diffus, ja fast schon geheimnisvoll umwölkt – was sie spätestens seit Rüedis Biografie gewiss nicht mehr ist. Rüedi erzählt von einer jungen Schauspielerin, die auch eine begabte Musikerin war.

Die überstürzte Heirat 1946 in Ligerz markierte für Dürrenmatt zugleich den «Sturz» in die Schriftstellerei. Für Lotti Geissler indes bedeutete die Ehe künstlerisch eine Sackgasse. Sie wurde zu seiner Lektorin, opferte dem Mann ihre Selbstverwirklichung. Jedenfalls habe sie das so empfunden, schreibt Rüedi.

Depression und Hilflosigkeit

Gisigers Film vertieft dieses Thema nicht, umkreist es höchstens. Dabei nimmt das Leiden in den Schilderungen der Angehörigen beträchtlichen Raum ein. Vom «irrsinnigen Druck», der auf der Mutter gelastet habe, ist die Rede, «von dunklen Wolken» über dem Familienleben, von ihren Depressionen – und von seiner Hilflosigkeit.

«Nun ist in unserem Schweigen oft Traurigkeit», heisst es in Dürrenmatts Gedicht, das Kuno Lauener für den Film vertont hat («Lied für Lotti»).

Für Lotti gibt es kein Grab. Als sie 1983 stirbt, vergräbt Dürrenmatt die Urne unter einer Trauerbuche im Garten seines Anwesens. Es ist derselbe Baum, den Dürrenmatts zweite «Lotti» Charlotte Kerr 1990 nichts ahnend zur letzten Ruhestätte für den Dichter kürt.

Auch Kerr selbst, in der Literaturszene beargwöhnt, lässt sich 2011 dort begraben. Die Trauerbuche steht bis heute beim Centre Dürrenmatt. Mit drei Urnen und zwei Lottis, die wohl lieber nicht beieinander liegen würden. Es ist, als hätte Dürrenmatt selbst diese Groteske geschrieben. Als bösen Streich vielleicht.

Vorpremiere in Anwesenheit der Filmcrew: Dienstag, 18.30 Uhr, Cine Movie Bern. Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

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