Die Leere nach dem Freitod

Die in Bern aufgewachsene Annina Furrer verarbeitet in ihrem intimen Kinofilm «Dem Himmel zu nah» den Umstand, dass sich gleich zwei ihrer Geschwister das Leben nahmen.

Blick auf unbeschwerte Kindertage: Filmerin Annina Furrer (r.) tollt mit Schwester und Bruder im Schnee. Bild: zvg

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Auf dem Plakat zu «Dem Himmel zu nah» stecken drei Kinder ihre Köpfe aus einem Sandhaufen am Strand und lachen in die Kamera. Ein vergnügtes Ferienfoto. Heute lebt von diesen Kindern nur noch eines: die Dokumentarfilmerin Annina Furrer. Furrers leibliche Schwester erhängte sich im Alter von 19 Jahren. Fast zwanzig Jahre später sprang auch ihr Adoptivbruder – ein gebürtiger Koreaner – von der Berner Kornhausbrücke. Beide Geschwister waren psychiatrisch betreut worden.

Über das Verstehenwollen

Furrer selbst beschreibt sich als eine lebensbejahende Frau: Sie erzieht ihre Kinder und inszeniert Dokumentarfilme fürs Fernsehen, seltener auch für die Leinwand («Züri West – Am Blues vorus»). Den Freitod ihres Adoptivbruders nahm sie zum Anlass, ein privates Filmprojekt anzugehen, das sie über Jahre ­beschäftigen sollte. Ihr nun ab­geschlossener Dokumentarfilm geht in erster Linie der Frage nach, wie es passieren konnte, dass gleich zwei Menschen aus einer behüteten und begüterten Familie keinen Ausweg mehr sahen. Die Mutter der verstorbenen Kinder spricht darüber; der Vater hingegen lehnt die Teilnahme am Filmprojekt aus einleuchtenden und bewegenden Gründen ab.

Einfache Antworten sind keine zu haben: Wenn eine Person an einer klinischen Depression oder an Schizophrenie erkrankt, ist das nicht zwingend auf Ursachen in ihrer Biografie zurückzuführen. Auch dann nicht, wenn sich potenzielle Auslöser auf dem Lebensweg als Erklärungsversuche anbieten. «Dem Himmel zu nah» ist dementsprechend auch weniger ein Film über das Verstehen als über das Verstehenwollen: Man möchte die entstandene Lücke sinnstiftend füllen und wirft sich vor, dass man das Vorgefallene nicht hat verhindern können.

Film als Mittel der Andacht

In dieser Hinsicht handelt es sich beim Film um ein schonungslos autobiografisches Projekt, mit dessen Umsetzung die Regisseurin – das sagt sie offen – auch therapeutische Ziele verfolgte. Ergreifend wird «Dem Himmel zu nah» dann, wenn Furrer auf sich selbst und die anderen Überlebenden blickt. Und in denjenigen Passagen, in denen sie ihre Schwester und ihren Adoptivbruder quasi zu einem neuen Leben erweckt: die Schwester mit ihren Zeichnungen, den Bruder mit Tonbandaufnahmen.

Diese Stellen machen deutlich: Auch wenn sich mit der cineastischen Form nicht Erklärungen für das Unerklärliche finden lassen, ist das Kino als Mittel einer Andacht doch von unschätzbarem Wert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.03.2016, 09:12 Uhr

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