Der Starruhm und Woody Allen

Liebe, Begierde und Celebrity-Fantasien: In seinem Film «To Rome with Love» befasst sich Woody Allen mit Vor- und Nachteilen des Berühmtseins. Und weiss damit erstaunlich wenig anzufangen.

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Unterschiedliche An- und Aussichten: Judy Davis und Woody Allen in «To Rome with Love».

(Bild: zvg)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Der Mann funktioniert wie ein Uhrwerk: Jedes Jahr bringt Woody Allen ein neues Werk in die Kinos – und das seit 1969. Um diesen hohen Rhythmus auch im fortgeschrittenen Alter zu halten, reist der 76-jährige Autorenfilmer seit 10 Jahren quer durch Europa. Damit erschliesst sich der eingefleischte Manhattan-Experte nicht nur neue Schauplätze, sondern auch neue Finanzquellen.

London, Barcelona, Paris, Rom

Nach London («Match Point»), Barcelona («Vicky Cristina Barcelona») und Paris («Midnight in Paris») heisst es nun also «To Rome with Love». Herausgekommen ist eine Episodenkomödie, die überall spielen könnte, von Allen jedoch auf Verlangen des Produktionshauses (es ist die italienische Medusa-Film, die zu Silvio Berlusconis Mediasetimperium gehört) speziell auf die Ewige Stadt zugeschnitten wurde.

Mit touristischem Schauwert

Um Roms flirrende Intensität einzufangen, entschied sich Allen ausnahmsweise, gleich vier Geschichten mit grösstmöglichem touristischem Schauwert zu erzählen. Zwischen Kolosseum, Fontana di Trevi und Jazzversionen von «Nel Blu Dipinto di Blu (Volare)» begegnet man dabei auch Allen selbst – erstmals seit 7 Jahren. Er gibt einen abgehalfterten Operndirigenten, der mit seiner Gattin (Judy Davis) den künftigen italienischen Schwiegersohn (Flavio Parenti) inspiziert, aber nur an dessen sangesfreudigem Papa Gefallen findet. Doch dieser will von öffentlichen Auftritten nichts wissen. Es ist – obwohl mit dem echten Operntenor Fabio Armiliato unter der Dusche nicht viel Überraschendes gelingt – die lebendigste Episode.

Ansonsten treten auf: ein glückliches Provinzpaar, das sich in der Grossstadt allerlei Verlockungen erwehrt (mit Penélope Cruz als Escortgirl und Antonio Albanese als Filmstar). Zwei US-Studenten (Jesse Eisenberg, Greta Gerwig), die ebenfalls die Harmonie geniessen, bis die beste Freundin (Ellen Page) auf den Plan tritt. Und ein durchschnittlicher römischer Bürogummi (Roberto Benigni), der über Nacht zum Medienstar avanciert, ohne dass er wüsste, warum.

Satire auf den Celebrity-Kult

Fragen bleiben leider auch bezüglich «To Rome with Love» offen. Warum will gerade die Satire auf den Celebrity-Kult – mit Berühmtheiten, die nur fürs Berühmtsein berühmt sind – nicht funktionieren? Als regelmässiger Oscarshowabstinent und ebenso regelmässiger Filmfestivalbesucher müsste Woody Allen doch um die entsprechenden Mechanismen wissen. Und warum wirkt Alec Baldwin, der sich als fleischgewordenes Gewissen eines nerdigen Architekturstudenten materialisiert, wie eine fehlplatzierte römische Statue?

Bis zum nächsten Film

Woody Allen, man weiss es, ist oft der schärfste Kritiker seiner selbst. Erstaunlicherweise findet er nicht mal seine Klassiker gut. Hier, bei «To Rome with Love», scheint jedoch klar, dass Drehbuchautor Allen seine Ideen nicht zu Ende dachte und Regisseur Allen mit den Schauspielern wenig anzufangen wusste. Schade. Doch der nächste grosse Allen-Film kommt bestimmt. Vielleicht schon nächstes Jahr.

Berner Zeitung

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