Bern

Orpheus in der Partyhölle

BernKonzert Theater Bern zeigt Claudio Monteverdis Uroper «L’Orfeo» als schillernde Zeitreise zwischen Sagenwelt, Barock und Moderne. Die Regie plündert den Kostümfundus des Theaters, und die Camerata Bern begeistert mit inniger Fantasie.

Die Roaring Twenties treffen auf Barock: Lydia Steiers Inszenierung von Claudio Monteverdis  «L’Orfeo».

Die Roaring Twenties treffen auf Barock: Lydia Steiers Inszenierung von Claudio Monteverdis «L’Orfeo». Bild: Annette Boutellier/zvg

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Schon seltsam, dieser Orpheus. Endlich darf er seine geliebte Eurydike aus dem Totenreich holen. Nur ansehen darf er sie noch nicht. Und was tut der junge Mann? Man weiss es. Und hat es oft genug beklagt. Eurydike jedenfalls muss zurück in die Unterwelt – und Orpheus bleibt als verzweifelter Versager zurück. Strafe muss sein. Von «übergrosser Liebe» singt Eurydike. Der Chor der Geister aber rügt den Schwächling, der «von seinen Gefühlen besiegt» worden ist.

Harsche Cembaloakkorde markieren in Monteverdis «L’Orfeo» die Schlüsselszene des antiken Sagenstoffs. Dann taucht ein liegender Orgelton auf – ein raunender Gruss aus dem Reich der Toten. Auf Berns Bühne aber spielt sich Verwunderliches ab. Orpheus (Uwe Stickert) steht da, als ziemlich grosser Gatsby aus den Zwanzigerjahren, hält seine Geliebte (Camille Butcher), vergeblich. Geister mit Spitzhüten legen Eurydike in Ketten, ziehen sie in die Tiefe – zu Plutone und Proserpina, den Herrschern der Unterwelt. Regisseurin Lydia Steier zeigt sie als Renaissancegestalten, gefangen in stilisierten Bewegungsmustern, singend, essend, ohne ihre Porzellanmaskenmünder zu öffnen. Was für ein Anblick.

Aus dem Staub der Geschichte

Lydia Steier? Die Amerikanerin hat in Bern bisher vor allem mit verkrampften Metainszenierungen von sich reden gemacht. Trotz harscher Kritik hat Opernchef Xavier Zuber an ihr festgehalten. Und ihr die Uroper schlechthin in die Hände gelegt: Monteverdis «L’Orfeo», 1607 in Mantua uraufgeführt, steht für einen historischen Aufbruch. Es ist ein Werk, das musikdramatische Massstäbe setzte. Oft ist es auf der Bühne nicht zu erleben, entsprechend klein ist die Gefahr, lieb gewonnene Vorurteile des Publikums zu enttäuschen.

Was Steier daraus macht, hat es allerdings in sich. Es ist, als ob sie den Theaterfundus geplündert hätte, um den Bernern zu demonstrieren: Seht her, ich kann auch Ausstattungsoper machen. Die Register des Barocktheaters werden gezogen. Am effektvollsten und elegantesten im dritten Akt, als Orpheus den Fährmann Charon (Kai Wegner) mit ermüdenden Koloraturen ins Reich der Träume befördert. Es ist ein vielfach gebrochenes Spiel, das historische Zeiten überblendet.

Die Rahmengeschichte siedelt Steier in den Roaring Twenties an, in einem verkommenen Landhaus, belebt von feierfreudigen Freunden: Orpheus in der Partyhölle, die Künstlergemeinde spielt Barock, Übermut macht sich breit, bis die Nachricht vom Tod Eurydikes alle erschlägt. Hier wirkt die Inszenierung besonders dicht, strahlt eine berückende Intensität aus, die sie in den beiden letzten Akten wieder verliert.

Ausserordentliche Besetzung

Monteverdis Oper ist getragen vom Ideal der Schlichtheit: Von den (weltlichen) Sängern verlangte er einfache, unverzierte Gesanglinien. Nicht alle kommen mit den stilistischen Vorgaben gleich gut zurecht. Hervorzuheben sind neben den Protagonisten Uwe Stickert und Camille Butcher auch Andries Cloete (Hirte, Geist), Claude Eichenberger (Proserpina) und der gewichtige Chor, einstudiert von Zsolt Czetner.

Dass diese Produktion immer wieder abhebt, ist aber vor allem der Camerata Bern geschuldet, die unter der Leitung des Monteverdi-Spezialisten Attilio Cremonesi zauberhaft aufspielt. So wie die historischen Zeiten auf der Bühne überblendet werden, fliessen Text und Musik ineinander. Die Camerata Bern wartet mit einer Besetzung auf, die selbst für eine Alte-Musik-Produktion ausserordentlich ist: Drei Cembali sind dabei und drei Theorben. Hinzu kommen Trombonen, zwei Viole da Gamba, ein Zink, eine Lirone und ein Regal – eine tragbare Kleinorgel, die schnarrende Töne von sich gibt. Instrumente des Todes stehen Instrumenten des Lebens gegenüber. Raffiniert sind die Raumeffekte, reich die Rezitative. Und Cremonesi lässt die Partitur ganz und gar italienisch spielen, so warm und weich, so innig auch, wie man es sich nur wünschen kann für eine Oper, die von der Macht der Musik handelt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2015, 06:57 Uhr

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