Manche Tiere sind gleicher

Der Jugendclub U22 von Konzert Theater Bern zeigt in den Vidmarhallen George Orwells «Farm der Tiere». Die Theateradaption besticht mit Spiellust und Livemusik.

Lustvoll und überzeugend: Der Jugendclub U22 zeigt George Orwells «Farm der Tiere».<p class='credit'>(Bild: Annette Boutellier)</p>

Lustvoll und überzeugend: Der Jugendclub U22 zeigt George Orwells «Farm der Tiere».

(Bild: Annette Boutellier)

Aus verschiedenen Türen schreiten die Jugendlichen im Gleichschritt auf die Bühne. Sie tragen Kisten, deren Hin-und-her-Stapeln während der nächsten 90 Minuten das Bühnenbild bestimmen wird. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler sind hell gekleidet. Nur einige Accessoires lassen die einzelnen Tiergruppen erkennen, die sie darstellen. Die Hühner etwa tragen rote Mützen, die Schafe haben etwas Wollenes an ihrem Kostüm.

Der Jugendclub von Konzert Theater Bern hat sich an George Orwells Roman «Farm der Tiere» gewagt. Dabei wird aussergewöhnlich gross aufgetischt: Gleich fünf Vorstellungen in der Vidmar 1 stehen auf dem Programm. Drei Abende sind bereits ausverkauft. Und es lohnt sich für das Publikum: Unter der Leitung von Regisseur Jens Daryousch Ravaris und Theaterpädagogin Gabriele Michel-Frei präsentieren die 26 Jugendlichen eine schnelle und körperbetonte Inszenierung. Mit sichtbarer Freue am Schauspiel, Livemusik und vielen überraschenden Details verpasst der Jugendclub dem berühmten Werk von 1945 seine eigene Handschrift.

Einstürzende Prinzipien

In Orwells vor dem Hintergrund des stalinistischen Regimes in der Sowjetunion geschriebenen Romans wollen die Tiere nicht länger von den Menschen ausgebeutet werden. Sie planen eine Revolution. Kaum ist aber der Bauer verjagt und die Hoffnung auf Freiheit und Gleichheit aufgekeimt, erhebt eine neue Gruppe Machtanspruch: Die Schweine übernehmen die Herrschaft. Eber Napoleon (Sam von Dach), dem die Machtgier förmlich ins Gesicht geschrieben steht, verbreitet Angst und Schrecken, und erneut bestimmt endlose Arbeit den Alltag der hungernden Tiere. Und so stürzen die Kisten auf der Bühne ein, auf denen die Prinzipien der Revolution geschrieben stehen, und gleichzeitig beginnen die Grundsätze der Tiere zu bröckeln. Denn alle Tiere sind zwar gleich – «aber manche sind gleicher».

Die Jugendlichen stellen die Tiere, die Personengruppen aus der ehemaligen Sowjetunion beschreiben, lustvoll und überzeugend dar. Überzeugend ist beispielsweise das Pferd Boxer (Vera Flück), das zu gutmütig ist, um sich gegen die Ausbeuter zu wehren, und sich zu Tode arbeitet. Oder Nora Gerber als selbstverliebte Stute Mollie, für die Aussehen und Luxus wichtiger als politische Ideen sind. Die Livemusik der für die Produktion gebildeten Band verleiht der Inszenierung eine besondere Dynamik. So werden die Arbeitsszenen und Debattiersituationen auf der Farm immer wieder mit Musik von Pink Floyd über Roxette bis zu Edith Piaf unterbrochen. Und wenn in der Schlussszene die Tiere wieder wie am Anfang im Gleichschritt mit ihren Kisten reinschreiten, verdeutlicht das schön, dass trotz Revolution alles beim Alten geblieben ist.

Vorstellungen: Bis Mittwoch, 11. Dezember, Vidmarhallen. Tickets: www.bernbillett.ch.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...