Keine Nashörner für die Schweiz

«Kosovo for Dummies» im Schlachthaus-Theater erzählt die Geschichte einer Migrantin. Ein vergnügliches Schauspiel wie ein durchgeknalltes Update zum Film «Schweizermacher».

Surreales Theater über die Aufenthaltsbewilligung: «Kosovo for Dummies» ist brandaktuell.

Surreales Theater über die Aufenthaltsbewilligung: «Kosovo for Dummies» ist brandaktuell.

(Bild: Yoshiko Kusano)

Michael Feller@mikefelloni

«Herr Schmidt!» – «Salal!» – «Herr Schmidt. Sie essen schon den vierten Döner!» Herr Schmidt, der beste Gast in Salals Kebabladen, hat angeblich einen guten Grund, sich behelfs der besten Kebabs der Stadt einen Schmerbauch anzufuttern. Er will nach Kosovo reisen, um ein Buch über das Land zu schreiben. Als plötzlich Antigona (Albana Agaj) im Laden von Salal (Nadim Jarrar) steht, bildschön – und Kosovarin! – taumelt Herr Schmidt (Gunther Kaindl) vor Freude in eine Ohnmacht. Im Hintergrund scheint der Mond.

Die erste Szene umreisst schon einmal, was einen in den 100 Minuten «Kosovo for Dummies» erwartet: grosse Gesten bis zur surrealen Überhöhung, Liebe, Leid und Witz. Die weiteren Protagonisten: eine rätselhafte Frau mit Hund (Ursula Stäubli) und Herr Hartmann (Robert Baranowski), der Beamte. Er kann sie riechen, die illegalen Migranten.

Beweise, kein Nashorn zu sein!

Mit ihm kriegt es Antigona zu tun, weil sie ihre Aufenthaltsbewilligung erneuern will. Sie hat alle dafür benötigten Formulare dabei – abgesehen vom Schein, der bestätigt, dass sie kein Nashorn ist. 10 Tage hat sie Zeit, das Dokument in ihrer Heimat zu beschaffen. Herr Schmidt, sowieso unterwegs nach Kosovo und angetan vom Lockenkopf, opfert sich und macht sich auf, die Nichtnashornbescheinigung aufzutreiben.

Schafft ers? Wie tickt Bürokrat Hartmann wirklich? Ist er gar kein echter «von hier», der über jene «von dort» befindet? Und wo ist der Hund? Aus der Satire über den Umgang mit Flüchtlingen wird ein traumhaftes Wirrspiel, das gegen Ende zwar etwas lang gerät, aber stets wunderlich weiterkurvt und poetische Kraft versprüht. Nur selten wirkt der blumige Text gar pathetisch: «Die Nächte sind lang, und die Tage gehen so schnell vorbei, weil sie gezählt sind.»

Auf den Leib geschneidert

«Kosovo for Dummies» ist das zweite Stück des kosovarischen Autors Jeton Nezirai, das im Schlachthaus läuft. Letztes Jahr zeigte das Theater «Einer flog über das Kosovotheater». Das neue Stück hat er der Berner Theatergruppe Forever Productions um Hauptdarstellerin Alba Agaj auf den Leib geschneidert. Agaj, die heute 33-jährige Abgängerin der Hochschule der Künste Bern, verliess als 11-jähriges Mädchen Pristina mit ihrer Familie. Mit ihrer Gruppe will sie Theater über kulturelle Konflikte zeigen.

Mit «Kosovo for Dummies» bringt die junge Formation brandaktuellen Stoff auf die Bühne: Kosovo erlebt zwei Jahrzehnte nach den Balkankriegen seinen zweiten Exodus. Und das Flüchtlingsthema ist eh in aller Munde – nicht nur im Kopf von Herrn Hartmann und im Herzen von Antigona.

Weitere Vorstellungen: bis 18.9. www.schlachthaus.ch

Berner Zeitung

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