Freispruch trotz 164 Toten

Dürfen Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden? Die Gerichtsshow «Terror» hatte Premiere im Effinger-Theater. Das Publikum befand: «Unschuldig!».

Szene aus der Gerichtsshow «Terror».

Szene aus der Gerichtsshow «Terror». Bild: zvg

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Zwei Stunden Theater über einen erfundenen Gerichtsfall – das kann eigentlich nur langweilig werden. «Terror» im Theater an der Effingerstrasse beweist das Gegenteil. Das erste Schauspiel von Strafverteidiger und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach hat es in sich. Es verhandelt über Schuld oder Unschuld des Militärpiloten Lars Koch. Er schoss ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug ab.

Dabei kamen 164 Menschen ums Leben, doch er verhinderte, dass das Flugzeug in das voll besetzte Münchner Stadion raste und 70'000 Leben auslöschte. Eine knifflige und aktuelle Sache. Nicht von ungefähr war es in Deutschland das meistgespielte neue Stück der letzten Saison. Auch bei der Schweizer Erstaufführung in Bern fieberten die Zuschauer gebannt mit.

Terror und Dilemma

Es geht um das Dauerthema Terror – dennoch: Wie lässt sich das spannend erzählen? Mit zwei Kniffs entkommt von Schirach der Langeweile: Er involviert das Publikum – die Zuschauer sind Laienrichter und gezwungen, sich während des Stücks eine Meinung zu bilden. Und: Das rechtsphilosophische Dilemma des Falls erzählt er so anschaulich, dass sich die innere Zerrissenheit nicht vermeiden lässt.

Darf ein Leben gegen ein anderes Leben aufgewogen werden – und wenn ja, gegen wie viele? ­Gedankenspiele erschweren die Antwort. Zum Beispiel jenes: Ein Mann kommt mit einem Armbruch ins Spital. Auf der Intensivstation warten fünf Menschen auf Spenderorgane. Ist es zulässig, den gesunden Mann mit dem gebrochenen Arm zu töten, um dadurch fünf Leben zu retten? Natürlich nicht! Wieso soll aber im anderen Fall aufgewogen werden?

Die «Geschworenen» lauschen den Argumenten der Staats­anwältin (Sinikka Schubert) und des Verteidigers (Johannes-Paul Kindler) gebannt. Zeugenaussagen machen alles noch komplizierter, Details zum Fall kommen ans Licht.

Der Gerichtsvorsitzende (stark: Benjamin Morik) führt immer emotionaler durch die Verhandlung, der Angeklagte (Jeroen Engelsman) wird unsicher: «Hätten Sie auch die 70 000 im Stadion gerettet, wenn Ihre Frau im Flugzeug gesessen hätte?», haut ihm die Staatsanwältin um die Ohren. Dann muss das Publikum entscheiden.

73 Prozent stimmen per Knopfdruck für «unschuldig». Der Pilot bleibt ein Held, obwohl bei seiner Tat 164 Unschuldige starben. Ein deutliches Urteil, doch draussen vor dem Theater wird noch lange diskutiert.

«Terror»: Bis 16. 9. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.08.2016, 09:17 Uhr

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