Ein geschenktes Königreich aus Abfall

Nah am Original, mit hintersinnigem Sprachwitz und überzeugenden Regieeinfällen: Das Stadttheater zeigt den Versroman «Parzival» von Lukas Bärfuss.

Andri Schenardi und Henriette Cejpek in der Schweizer Erstaufführung von Lukas Bärfuss’ «Parzival».

Andri Schenardi und Henriette Cejpek in der Schweizer Erstaufführung von Lukas Bärfuss’ «Parzival».

(Bild: zvg/Annette Boutellier)

«Ritter erschlagen Ritter, das wäre ja, als würden meine Hirsche im Wald Hirsche töten», wundert sich Parzival, als er in die Welt hinauszieht. In Ausrufen wie diesen benennt er in töricht anmutender Unbedarftheit des Aussenseiters, wie absurd die Wertvorstellungen sind, die die Gesellschaft regieren. Parzival ist in der Einöde aufgewachsen: naiv, unbekümmert, ohne Gefühl und ohne Scham. Wie einen mittelalterlichen Kaspar Hauser hat seine Mutter ihn aufgezogen, um ihn vor der Welt der Ritter zu bewahren, die ihr schon den Mann geraubt hat. Doch als zwei Ritter auftauchen, ist Parzival fasziniert von deren Glanz: «Was sind Ritter? Wer ist Artus? Was ist ein König?» Er will auch Ritter werden. Nur ist er alles andere als gewappnet für diese Welt. Doch er wird in die Runde der auserlesenen Ritter um König Artus aufgenommen werden und den Heiligen Gral finden. Im Versepos von Wolfram von Eschenbach aus dem frühen 13.Jahrhundert ebenso wie in der Neufassung von Lukas Bärfuss, der den Stoff im Auftrag des Schauspielhauses Hannover für die heutige Zeit umgeschrieben hat.

Parzival in der Strampelhose

Als schlammige Abfallgrube zeigt sich die Welt auf der Bühne der Vidmarhalle in der Inszenierung von Matthias Kaschig: Eine braune Brühe zieht sich über den wie mit einem riesigen schwarzen Plastiksack bedeckten Boden. Mit vollem Körpereinsatz rollen die Schauspieler durch den Sumpf, und es spritzt in alle Richtungen. Parzival ist in eine übergrosse Strampelhose gepackt, trägt eine Kinderdecke um die Schultern und eine Mütze mit Schellen auf dem Kopf (Kostüme: Sandra Klaus). Wie schon in der Uraufführung Anfang Jahr in Hannover, steckt eine Frau im Kostüm des Titelhelden. Ein geschickter Regieeinfall, der dem in der stark männlich konnotierten Ritterwelt angesiedelten Stück universelle Gültigkeit verleiht. Grandios lässt Milva Stark ihren Parzival wechselweise rührend tölpelhaft, unwissend und unbedarft oder als kraftstrotzendes Energiebündel erscheinen.

Dusseliger König Artus

Bärfuss’ Stück folgt weitgehend den Stationen des mittelalterlichen Originals. Mit Ratschlägen seiner Mutter und weiterer Lehrmeister, deren Worte Parzival nicht versteht und deren Sinn er schon gar nicht begreifen kann, stolpert er von einem Fettnäpfchen ins nächste, immer jedoch mit dem besten Willen, das Richtige zu tun und zu verstehen. «Wachsen musst du, dich prüfen, in die Welt fahren, Abenteuer bestehen. Dann ereilt dich vielleicht die Gnade», lässt ihn ein dusseliger König Artus an einer verkommenen Tafelrunde wissen. «Ist das schlimm?», fragt der Parzival zurück. Und als ihm der siechende König Anfortas in der Gralsburg erscheint, verpasst er seine Chance. Mit einer einzigen Frage könnte er sich selbst und damit die ganze Gesellschaft in ihrem Sumpf erlösen und zugleich bedeutendster Ritter seiner Zeit werden. Doch Parzival schweigt – eben gerade hat er noch gelernt: «Ritter stellen keine Fragen.»

Wann darf ein Ritter einen anderen erschlagen? Wann einer Frau einen Ring abnehmen, wann nicht? Und wann darf, ja, muss er Mitgefühl zeigen? Bärfuss’ Parzival bleibt ein tumber Aussenseiter, der eigentlich nur zu seinen Hirschen zurück will. Die Welt versteht er nicht, doch er hat gelernt, sich in ihr zu bewegen. Als ihm die Gralsburg ein zweites Mal erscheint, weiss er die richtige Frage zu stellen. Doch bleibt mehr als zweifelhaft, ob er das im Gegenzug «geschenkte Königreich aus Abfall» erlösen wird. Wie auch. Denn anders als bei Wolfram von Eschenbach hat Bärfuss’ Parzival keine göttlich geadelte Gralswürde erlangt.

Berner Zeitung

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