Alte Helden für die neue Identität

Im Kino sitzen und einfach nur zuhören – das kann man am Berner Festival Sonohr. Zu hören gibt es ab heute 24 Hörstücke aus der ganzen Schweiz, darunter ein eindrückliches Radiofeature.

Helden müssen her: Im Rahmen des Projekts «Skopje 2014» wurde in der Hauptstadt Mazedoniens auch die Statue Alexanders des Grossen im Stadtzentrum  prominent platziert. Imago

Helden müssen her: Im Rahmen des Projekts «Skopje 2014» wurde in der Hauptstadt Mazedoniens auch die Statue Alexanders des Grossen im Stadtzentrum prominent platziert. Imago

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Grössenwahnsinn. Es ist das erste Wort, das einem einfällt, steht man das erste Mal vor den neuen Bauten im Zentrum von Skopje. Riesige Gebäude in klassizistischem Stil und hohe Statuen, unter ihnen Alexander der Grosse, 22 Meter hoch, reitend auf dem Pferd.

All das ist in den letzten Jahren entstanden – «Skopje 2014» heisst das Projekt, das der mazedonischen Hauptstadt ein neues Gesicht verleihen soll. Grössenwahnsinn – oder doch nur die Suche nach Identität?

Neue Helden

Die beiden Journalistinnen Lucia Vasella und Marina Bolzli, Mitarbeiterin dieser Zeitung, haben Skopje zum Ausgangspunkt ihres neuen Radiofeatures gemacht. Es nimmt die Hörerinnen und Hörer mit auf eine Reise voller Skurrilitäten und offener Fragen. «Helden bauen im Balkan» zeigt auf, wie die Staaten des ehemaligen Jugoslawien 25 Jahre nach dem Zusammenbruch an ihrer Geschichte basteln.

Skopje zelebriert Alexander den Grossen und die Architektur der Antike; im Osten Bosniens widmen serbische Nationalisten dem Schriftsteller Ivo Andrić einen eigenen Stadtteil; und im kroatischen Split erregt eine Statue von Franjo Tudjman, dem umstrittenen Staatsgründer, die Gemüter.

«Minderheiten oder Zugewanderte bleiben bei solchen Prozessen oft auf der Strecke», sagt Lucia Vasella. Im bosnischen Andrićgrad etwa hat es keinen Platz für osmanische oder islamische Einflüsse. Die Statue in Split ist einem Präsidenten gewidmet, der wiederholt zum Kampf gegen Muslime und Serben aufgerufen hat.

Und Skopje sei wohl der extremste Fall architektonischer Geschichtsklitterung, so Marina Bolzli: «Mazedonien bekommt heute sehr wenig Anerkennung als Nation. Die neuen Gebäude sollen deshalb die Stärke des Staates demonstrieren, der sich in der Antike verwurzelt sieht.» Die albanische Minderheit hingegen, rund 25 Prozent der Bevölkerung, hat damit wenig am Hut.

Dass die beiden Journalistinnen nach ihrem preisgekrönten Stück «Verschobene Leben in Bosnien» aus dem Jahr 2011 erneut im Balkan unterwegs waren, zeigt ihre Verbundenheit zur Region. Beide bereisen regelmässig die Länder des Balkans – Marina Bolzli, die für das Drehbuch zuständig ist, hat Politologie und Russisch studiert, Lucia Vasella, verantwortlich für die Produktion, hat mehrere Monate in Sarajevo gelebt.

«Helden bauen im Balkan» ist keine klassische Reportage. So kommen nicht nur Kritiker und Befürworter der Bauwerke zu Wort, es kommen auch Hörspielelemente vor: Während rund 50 Minuten wechseln sich echte Szenen aus dem Balkan mit fiktiven Gesprächen in der Schweiz ab. Da ärgert sich erst eine junge Frau in Skopje darüber, dass in der Hauptstadt Statuen unzähliger Verwandter Alexanders des Grossen stehen.

Kurz darauf folgt das Schweizer Pendant: Ein Vater ist mit seiner Tochter im Zug nach Genf unterwegs. Beim Zwischenhalt in Bern sprechen sie über die neuen Statuen auf dem Werner-Stauffacher-Platz, ehemals Hirschengraben. Nicht nur Wilhelm Tell steht hier, sondern auch Hedwig, seine Frau, und übergross: Walter mit Apfel auf dem Kopf. «Mit den fiktiven Szenen wollen wir aufzeigen, dass die Geschehnisse im Balkan gar nicht so weit von uns entfernt sind», sagt Marina Bolzli. Auch hier würden sich politische Exponenten darum bemühen, die Geschichte umzuschreiben. Oder sie zumindest so zu deuten, wie man sie gerne hätte.

Wenig Interesse

Ob der Plan der Eliten in Mazedonien, Kroatien und Bosnien aufgeht, wird sich zeigen. Ein erstes Fazit in Skopje fällt allerdings verheerend aus. Umfragen zeigen, dass ein Grossteil der mehrheitlich armen Bevölkerung die Millionen lieber für Sinnvolleres ausgegeben hätte. Es scheint sich kaum jemand für die antike Vergangenheit zu interessieren.

Etwas Wichtiges hätten die Politiker eben vergessen, schliesst die Erzählstimme im Radiobeitrag: die eigene Bevölkerung zu fragen.

Das 5. Sonohr-Festival (13.2.– 15.2.) durchbricht erstmals Sprachgrenzen. Im Rennen um die vier Sonohr-Preise sind neben 17 Hörstücken aus der Deutschschweiz auch 7 aus der Romandie und dem Tessin. Auf dem Programm im Kino Kunstmuseum und im Progr stehen etwa «Helden bauen im Balkan» (14.2., 18.30; s. Haupttext), «Lost in Navigation» von Lisa-Marie Dickreiter/Andreas Goetz und «Schmetterlinge» von Annette Lory/Nigel Hilbourne. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2015, 11:24 Uhr

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