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Spitzensport-RSAbtreten mit Wehmut

Die Snowboardcrosserinnen Muriel Jost und Sina Siegenthaler beenden nächste Woche die Spitzensport-RS. Trotz Problemen haben die Bernerinnen in Magglingen profitiert.

Geniessen die Zeit in der Armee: Sina Siegenthaler (links) und Muriel Jost.
Geniessen die Zeit in der Armee: Sina Siegenthaler (links) und Muriel Jost.
Foto: Raphael Moser

Die Spitzensport-RS verlief nicht wie erhofft. Wegen der Corona-Krise konnten Muriel Jost und Sina Siegenthaler erst am 11. Mai, mit einem Monat Verspätung, einrücken, dann machten den beiden Bernerinnen eigene Probleme zu schaffen. Die 22-jährige Jost aus Münchenbuchsee litt an einer Verletzung, und die 19-jährige Siegenthaler aus Schangnau bremste eine Krankheit. Und dennoch schwärmen die Snowboardcrosserinnen von der Zeit im Militär.

Das Pfeiffer-Drüsenfieber

Die Bedingungen in Magglingen sind professionell, Infrastruktur und Betreuung für die Profis ideal. Die 33 Wintersportler nützen die RS deshalb dazu, unter besten Voraussetzungen ein Sommertraining zu absolvieren. Aber das Berner Duo konnte das Potenzial nicht voll ausschöpfen. «Leider ist bei mir vor fünf Wochen das Pfeiffer-Drüsenfieber diagnostiziert worden», erzählt Siegenthaler. Die Krankheit war bei ihr schon im Januar während einer Grippe am Weltcup in Kanada ausgebrochen, aber unentdeckt geblieben. Statt unter Höchstleistungen zu schwitzen, war für die Emmentalerin im Seeland plötzlich Ruhe angesagt. «Zuerst habe ich gehadert», gibt sie zu, «dann begann ich, mein Mentaltraining zu intensivieren. Das wollte ich schon lange tun, hatte aber jeweils nie richtig Zeit dafür.» Deshalb spricht Siegenthaler trotz verpassten physischen Einheiten von einer sehr wertvollen Phase.

Das Sprunggelenk

Auch Muriel Jost musste Anpassungen vornehmen. Nach ihrer Operation am Sprunggelenk fand ein anderer Arzt vor RS-Beginn eine weitere Verletzung am lädierten Fuss. «Ich konnte deshalb nicht wie ursprünglich gewünscht trainieren.» Ihr Fokus galt nun dem Muskelaufbau. Bei den zwei Einheiten pro Tag arbeitete sie vor allem mit dem Oberkörper und den Beinen. «Aber auch mit dem Fuss geht es immer besser. Für dessen Behandlung fand ich hier die perfekten Rehabilitationsmöglichkeiten vor. Ich bin überzeugt, dass die Genesung doppelt so schnell ging, als wenn ich allein zu Hause trainiert hätte.»

Corona als Spassbremse

Das Frauenduo, das zur ersten Gruppe mit 33 Teilnehmern gehört (25 Männer, 8 Frauen), musste sich wie die später eingerückte zweite Einheit um NHL-Star Nico Hischier (total 31 Rekruten) an die Corona-Regeln halten. Statt im Zweier- bis Viererzimmer logierten alle in Einzelzimmern. Ob am Esstisch oder im Kraftraum, überall galt es, Abstand zu halten. Die verschiedenen Trainingsgruppen durften sich nicht mischen. Jost vermisste deshalb am Abend einen Jass, Siegenthaler Gesellschaftsspiele mit den anderen Athleten.

Die Bernerinnen hätten gerne auch etwas mehr militärische Ausbildung genossen. Nach der absolvierten fünfwöchigen Grundausbildung im vergangenen Jahr musste nun im zweiten Teil darauf verzichtet werden. Dabei haben sich Jost und Siegenthaler bewusst für die Rekrutenschule entschieden. «Wir wollen mitreden können, wenn die Jungs vom Militär erzählen. Wir Frauen fordern in anderen Bereichen auch Gleichberechtigung, deshalb hätte ich gerne mehr Zugschule gehabt», sagt Jost. Und Siegenthaler ergänzt: «Ordnung zu halten, tut jedem Sportler gut. Ich finde die RS eine gute Lebensschule, man lernt, dem Schwächeren zu helfen, Rücksicht zu nehmen, und funktioniert nur als Einheit.» Jost bestätigt das und fügt an: «Das gilt auch für uns Snowboardcrosser. Wir fahren zwar gegeneinander, sind aber stärker, wenn wir uns im Team gegenseitig unterstützen.»

Von Ragettli inspiriert

Obwohl die jungen Athleten heuer wegen Corona mehr Einschränkungen hatten als in anderen Jahren, haben die beiden Bernerinnen den Austausch mit den anderen Sportlern genossen. «Gespräche fanden ja trotz Abstand statt. Egal, ob jemand Eishockey spielt oder rodelt, die Diskussionen sind mit allen interessant und bringen einen weiter», sagt Jost. Beeindruckt zeigt sich das Duo speziell von Andri Ragettli. Der Freestyle-Star lasse nicht locker, bis er eine Übung könne, sei im Kraftraum stets der Erste und gehe als Letzter, so Jost. «Es sind viele starke Persönlichkeiten hier, von allen kann man etwas lernen», fasst Siegenthaler zusammen, die sogar an Wochenenden geblieben ist und freiwillig auf den Urlaub verzichtet hat. Das Abtreten am nächsten Freitag ist für die beiden Soldatinnen somit auch mit Wehmut verbunden. Auch deshalb hat sich Jost bereits entschieden, nach einer Woche Wanderferien nochmals für einen vierwöchigen Trainingsblock nach Magglingen zu kommen.

Abtreten heisst es am 10. Juli für Muriel Jost (links) und Sina Siegenthaler.
Abtreten heisst es am 10. Juli für Muriel Jost (links) und Sina Siegenthaler.
Foto: Raphael Moser