«Mit beiden Beinen fest in der Luft»

Sie war mit Leib und Seele Journalistin und ist mit Herzblut Buchhändlerin. Nun träumt Elisabeth Zäch von einer neuen Aufgabe: Sie will Stadtpräsidentin von Burgdorf werden. Und hat nicht vor, sich vom Amt verbiegen zu lassen.

Johannes Hofstetter

Statt an die Kaffeemaschine geht Elisabeth Zäch nach dem Aufstehen in den Keller. Dort schlüpft sie in bunte Gummistiefel, geht durch ihren üppig bepflanzten Garten und stattet der quartiereigenen «Hühner-WG» einen Besuch ab. Sechs Federviecher leben neben dem Einfamilienhaus, das die SP-Politikerin mit ihrem Mann, dem Radio-Redaktor Daniel Schmidt, an der Burgdorfer Jungfraustrasse besitzt und bewohnt, wie im Paradies. Zwei der Eierlieferantinnen gehören dem Paar.

Kaum hat Elisabeth Zäch das Türchen zum Stall geöffnet, trippeln die Vögel ins Freie und freuen sich über die Trauben, welche ihnen die blonde Frau in Jeans und Holzfällerhemd hinwirft. Dann machen sie sich gackernd über die Körner her. «Für mich ist das wie meditieren», sagt Zäch, während sie den Hühnern beim friedlichen Zmorgepicken zuschaut.

Minuten später sieht Elisabeth Zäch aus, wie «man» Elisabeth Zäch kennt: keck frisiert, dezent geschminkt, in engen weissen Hosen und einer purpurfarbenen Seidenbluse erscheint sie auf dem Sitzplatz. In der Ferne ragt die Silhouette von Schloss Burgdorf in den Himmel. Die Hausherrin ist von dieser Aussicht immer noch hingerissen, als ob sie sie zum ersten Mal geniessen würde.

Glänzende Augen

Burgdorf und Elisabeth Zäch sind im Lauf der Jahre zusammengewachsen. Das eine ist ohne die andere nicht denkbar; und umgekehrt. Wenn die Ostschweizerin, die seit 2001 im Burgdorfer Gemeinderat sitzt, über Burgdorf spricht – und sie spricht sehr oft über Burgdorf – bekommen ihre Augen einen eigenartigen Glanz. Burgdorf ist für Elisabeth Zäch nicht die Stadt, in der sie lebt und arbeitet. Burgdorf ist für Elisabeth Zäch die Stadt, für die sie lebt und arbeitet.

«Ich finde es einfach schön, wie man in dieser Stadt unkompliziert Kontakte zu Menschen knüpfen kann», sagt sie. Der Begriff «Nachbarschaft» sei in Burgdorf noch etwas wert. «Sympathisch» sei Burgdorf und «charmant». Burgdorf, sagt Zäch, sei eine Stadt mit einer idealen Grösse. Ein Ort, in dem Eigeninitiative auf fruchtbaren Boden falle. Ein Lebensraum, in dem der direkte Kontakt und die kurzen Wege dazu beitragen, dass engagierte Menschen ihre Ideen und Projekte umsetzen können.

Unmögliches ermöglichen

Als Beispiele dafür nennt sie die Krimitage, für die sie jeweils das Programm zusammenstellt. Dieser Mehrtages-Marathon des Morbiden wurde 1993 «als Stammtischidee» geboren und avancierte zu einer Institution, die regelmässig 10'000 Krimifans in die Emmestadt lockt.

Ohne grosse bürokratische Hindernisse konnte Zäch im Jahr 2000 aus dem Nichts die Burgdorfer Millenniumsfeier auf die Beine stellen: Sie bat Anfang 1999 Stadtpräsident Franz Haldimann, die Oberstadt für ein Fest zu sperren, «das damals erst in meinem Kopf und in meinem Herzen als Vision existierte». Haldimann liess sich überzeugen und sperrte die Altstadt. Zäch stellte ein Organisationskomitee auf die Beine – und 8000 Burgdorferinnen und Burgdorfer rutschten am Ende gemeinsam ins neue Jahrtausend.

Das Realisieren von Plänen, Zielen und Träumen: Darum dreht sich ein grosser Teil von Elisabeth Zächs Leben. «Mein Mann sagt oft, ich stehe mit beiden Beinen fest in der Luft», sagt die Gemeinderätin. Zäch nimmt diese Einschätzung als Kompliment: «Es bedeutet, Unmögliches möglich zu machen.» Sie ziehe gerne am Karren und sei «immer stark, wenn ich merke, dass ich mit anderen Leuten zusammen etwas erreichen kann».

Nahe bei den Menschen

Ruhe im Sinne von Nichtstun kennt Elisabeth Zäch nicht. Die Journalistin, die erst jahrelang für Radio DRS und später für die Berner Tagwacht sowie die Berner Zeitung BZ arbeitete – «am liebsten waren mir die Geschichten, die nahe bei den Menschen waren» – , hängte ihren Job 1989 an den Nagel, um sich einen Herzenswunsch aus ihrer Teenagerzeit zu erfüllen: Buchhändlerin zu werden.

Sprung ins kalte Wasser

In der Burgdorfer Oberstadt stand die Buchhandlung Langlois zum Verkauf. Mit einer Freundin, die mit dem Metier vertraut war, packte Zäch die Chance beim Schopf und übernahm das Geschäft. Ihren Abschied von der sendenden und schreibenden Zunft bereute sie nie: «Es gab noch keinen einzigen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gegangen wäre.» Die Buchhandlung gehört heute Elisabeth Zäch und Daniel Schmidt. Als «gute, liebenswürdige und loyale Seele» des Ladens wirkt seit 15 Jahren Trix Niederhauser mit. Sie führt den Betrieb weiter, falls die Chefin am 30. November Burgdorfer Stadtpräsidentin wird.

Elisabeth Zäch und Daniel Schmidt sind seit einem Vierteljahrhundert zusammen. Kinder haben sie keine. «Dafür war in unseren ausgefüllten Leben kein Platz mehr», sagt Zäch. Dafür sei sie «eine begeisterte Gotte». Sie selber wuchs als zweitältestes von vier Kindern im St.Gallischen Häggenschwil auf. Ihr Vater war Jurist, die Mutter Kindergärtnerin. Ihre Eltern lehrten sie, «alle Menschen und Aufgaben mit Respekt zu behandeln». Und, ebenso wichtig, «Verantwortung zu übernehmen».

«Auch dem Amt der Stadtpräsidentin bringe ich viel Respekt entgegen», sagt sie. Und ergänzt, sie werde sich von der Last der Aufgabe nicht verbiegen lassen. «Ich bleibe Elisabeth Zäch. Ich will empfindsam und berührbar bleiben.» Sie werde weiterhin ganze Sonntage mit dem Lesen von Romanen und dem Hören von Bluesrock- und Klassik-CDs verbringen. Und auf dem Akkordeon üben, das ihr ihr Mann geschenkt hat. Als Stapi will Zäch darauf achten, «dass ich an Leib und Seele gesund bleibe». Sie werde sich von ein paar Menschen kritisch begleiten lassen. Diese sollen ihr privates Verhalten beobachten. «Bist du noch dieselbe? Hörst du noch zu? Nimmst du dir Zeit? Pflegst du deine Freundschaften?»: Das seien Fragen, die sie sich immer wieder stellen und stellen lassen wolle.

Wenn die Zeit der Politik und des Bücherverkaufens vorbei ist, ziehen Zäch und ihr Gatte nach Südfrankreich. Bevor sie in Strassencafés Pastis schlürfen, haben sie noch viel zu erledigen. Er für das Radio. Und sie für die Stadt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt