Freundschaft, Verrat und alltäglicher Rassismus

Krimi der Woche: «Krumme Type, krumme Type» von Tom Franklin ist ein grossartiger Südstaatenroman, der tief in die amerikanische Seele leuchtet.

Tom Franklin nicht nur Autor, sondern auch Professor. Belehrend ist sein Krimi aber nicht. Bild: American Academy Berlin/YouTube

Tom Franklin nicht nur Autor, sondern auch Professor. Belehrend ist sein Krimi aber nicht. Bild: American Academy Berlin/YouTube

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Der erste Satz
Die kleine Rutherford wurde seit acht Tagen vermisst, als Larry Ott bei seiner Rückkehr nach Hause feststellte, dass ihn dort ein Monster erwartete.

Das Buch
Als in einem tristen Kaff in Mississippi ein Teenager-Mädchen verschwindet, die Tochter der reichen Besitzer des Sägewerks im Ort, ist schnell ein Verdächtiger gefunden. Larry Ott ist vor 25 Jahren als 16-Jähriger mit dem Nachbarsmädchen ins Autokino gefahren, und es wurde danach nie mehr gesehen. Allen war klar, dass Larry das Mädchen auf dem Gewissen hat, doch nachweisen konnte man ihm nichts. Geächtet führt er im Haus, in dem er aufgewachsen ist, ein einsames Leben zwischen einer Autowerkstatt ohne Kunden und seiner Sammlung von Horrorromanen.

In seinem virtuos aufgebauten und atmosphärisch dichten Roman «Krumme Type, krumme Type» blendet Tom Franklin zurück in Larrys Teenagerjahre. Der Aussenseiter, der lieber Bücher las als Sport trieb, sehnte sich nach einem Freund. Und fand ihn in Silas Jones, dem Sohn einer alleinerziehenden armen Schwarzen aus der Nachbarschaft. Bis die Freundschaft am alltäglichen Rassismus zerbrach. Silas Jones wurde erfolgreich im Sport und zog weg aus der Gegend. Inzwischen ist er, den alle mögen und «32» nennen, zurück und arbeitet als Ortspolizist. Larry ist er zunächst aus dem Weg gegangen, doch jetzt führen sie die aktuellen Ereignisse wieder zusammen. Und nach und nach zeigt sich, dass die beiden viel mehr verbindet, als sie selbst zuvor wissen.

Das Verschwinden der beiden Mädchen ist zwar so etwas wie der Treiber der Geschichte, doch darum geht es nicht. Franklin erzählt eine, abgesehen von einigen brutalen Gewaltausbrüchen, vordergründig eher unspektakuläre Geschichte, die aber unglaublich intensiv und beklemmend ist. Letztlich geht es um allgemeingültige Themen wie Freundschaft und Verrat, Schuld und Unschuld, Rassismus und die Vergangenheit, die einen immer wieder einholt. Das Faszinierende an Franklins Erzählkunst ist, dass seine Story zwar historisch wie psychologisch fundiert ist, der Professor aus Alabama die grossen Themen des Romans aber nie dozierend herausstreicht. Sie ergeben sich direkt aus der Handlung und der empathischen Nähe zu den Protagonisten. «Krumme Type, krumme Type» ist ein starker Noir-Krimi, aber weit über das Genre hinaus vor allem auch ein grossartiger Südstaatenroman.

Die Wertung

Der Autor
Tom Franklin, geboren 1963 in Dickinson, Alabama, studierte an der University of South Alabama in Mobile und an der University of Arkansas in Fayetteville; das Studium finanzierte er sich mit Jobs in Lagerhäusern, Fabriken und auf einer Sondermülldeponie. Sein erstes Buch war die Story-Sammlung «Poachers» (1999); für die Titelgeschichte wurde er mit dem Edgar Award für die beste Krimi-Kurzgeschichte ausgezeichnet. Sein erster Roman «Hell in the Breech» (2003; Deutsch als «Die Gefürchteten» 2005 bei Heyne) etablierte ihn definitiv als wichtige Stimme der Südstaatenliteratur; Franklin wird stilistisch verglichen mit Grössen wie Cormac McCarthy und Flannery O’Connor. Es folgten «Smonk» (2006), «Crooked Letter, Crooked Letter» (2010) und, zusammen mit seiner Frau Beth Ann Fennelly, «The Tilted World» (2013). Tom Franklin lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Oxford, Mississippi, wo er an der University of Mississippi kreatives Schreiben unterrichtet.

Tom Franklin: «Krumme Type, Krumme Type» (Original: «Crooked Letter, Crooked Letter», William Morrow, New York 2010). Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Pulp Master, Berlin 2018. 350 S., ca. 23 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 10:05 Uhr

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