Der Dirigent als Forscher und Vermittler

Reinhard Goebel ­gehört zu den prägnantesten Figuren der Alte-Musik-Szene. Nun tritt der Deutsche mit dem Berner Kammerorchester auf.

Gastiert in Bern: Der Dirigent und Geiger Reinhard Goebel.

Gastiert in Bern: Der Dirigent und Geiger Reinhard Goebel.

(Bild: Josep Molina/zvg)

Der Mittwochnachmittag ist studentenfrei: Reinhard Goebel hat endlich Zeit, sich mit Büchern und Notenmaterial zu beschäftigen, neue Stücke zu entdecken, aufzubereiten. In seiner Wohnung in der Salzburger Altstadt hütet er eine kleine Bibliothek mit allerhand Literatur über seine Musik. Seine Musik, das ist die «galante» Musik – die Musik, die zwischen 1730 und 1780 den musikalischen Barock verabschiedet und die Klassik einläutet.

Gefährlicher Balanceakt

Die galante Musik wurde an den europäischen Fürstenhöfen von London über Deutschland bis nach Oberitalien praktiziert. Auf dieses Repertoire hat sich Goebel durch langjährige Erfahrung als Geiger und schliesslich als international tätiger Dirigent spezia­lisiert. «In meinen Programmen füge ich Werke zusammen, die zusammengehören. Das ist ein gefährlicher Balanceakt, denn die Komponisten mochten D-Dur unglaublich gerne», sagt er und lacht.

Damit ein Konzertabend nicht nur D-Dur-Harmonien vorführt, müssen besondere Instrumentierungen entdeckt und ausgearbeitet werden. Goebels Ziel ist es daher, Feinheiten der Personalstile zu durchdringen. «Ich will Zeitbilder schaffen und dadurch unterschiedliche Klangkombinationen beleuchten.»

Arbeit mit imaginären Bildern

Als Nachfolger von Nikolaus Harnoncourt lehrt Goebel seit 2010 als Professor für Historische Aufführungspraxis am Mozarteum in Salzburg. «Meine Studierenden spielen nicht vor, sondern ich gehe auf ihre speziellen Bedürfnisse ein und führe sie an einen historischen Zugriff heran.»

Auch ein Orchester achtet er als integre Persönlichkeit: «Ich beobachte vorerst die Gangart des Klangkörpers, lasse die Musiker ausreden, und erst anschliessend bearbeite ich die Baustellen.» Dabei arbeitet Goebel mit imaginären Bildern, denn er weiss durch die Lektüre ganz genau, in welchen Sälen die Stücke aufgeführt wurden, wie das Orchester sass und welche Gemälde damals im Louvre hingen.

Seit rund zehn Jahren arbeitet Goebel mit der Geigerin Mirijam Contzen zusammen – nun auch in Bern. «Wir verstehen uns blind und streiten uns nie um eine Interpretation. Durch ihr nicht affektiertes, zartes Spiel wissen wir ganz genau, wie wir zusammenpassen.»

Am Ende einer ­Probephase will er glückliche ­Orchestermusiker vor sich zu haben. «Ich bin kein Metronom. Mein Körper macht Bewegungen und soll äusserliche Inspiration ausstrahlen. Und wenn die Musiker schliesslich auch mit ein bisschen Body in die Kurve liegen, fühlt sich mein Instrument glücklich.»

Berner Zeitung

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