Alle Sparten auf einer Bühne

Das Konzert Theater Bern zeigt Max Frischs «Blaubart» in einer Monumentalproduktion, die alle Sparten vereint. Das opulente Muskelspiel hat Unterhaltungswert, kommt aber nicht heran an die Dringlichkeit der kargen Vorlage.

Erste spartenübergreifende Produktion: Das Stück «Blaubart» mit Texten von Max Frisch und Musik von Franz Schreker und Krzysztof Penderecki am Konzert Theater Bern.

Erste spartenübergreifende Produktion: Das Stück «Blaubart» mit Texten von Max Frisch und Musik von Franz Schreker und Krzysztof Penderecki am Konzert Theater Bern.

(Bild: Philipp Zinniker)

Die Geliebte ist erdrosselt. Die zermürbenden Fragen des Staatsanwalts sind vorbei. Das Geschworenengericht liegt hinter ihm. Das Urteil ist gefällt: «Freispruch.» Wie lebt einer damit? Diese Frage steht am Anfang von Max Frischs «Blaubart», der aufs Äusserste reduzierten Erzählung, mit der der Schweizer Schriftsteller 1982 sein literarisches Werk beschliesst.

Gar nicht, lautet die Antwort in der Inszenierung des «Blaubarts» im Stadttheater, bei der erstmals alle Sparten der zusammengeführten Institutionen unter dem neuen Namen Konzert Theater Bern zusammenarbeiten. Der Vorhang hebt sich, und auf einer bühnenfüllenden Leinwand erscheint die riesige Schwarzweissaufnahme eines zerbeulten Autos, daneben der Kopf des Mannes auf dem Asphalt und ein Engel, der seine Hand hält: Felix Schaad ist tot.

Das Bild setzt sich in Bewegung, die Beulen der Karosserie verschwinden, der Mann sitzt im Auto, das Auto fährt über einen Feldweg, durch den Wald, die Zeitachse verläuft rückwärts. Dabei verzieht sich das Bild, ähnlich wie sich Felix Schaads Wahrnehmung der Wirklichkeit verzieht. Durch die Leinwand hindurch fällt wechselndes Spotlicht auf eingefrorene Szenen, die wie in einem Setzkasten über die Höhe der Bühne verteilt die Themen aufreissen, die in seinem Kopf herumgeistern. Eine Ouvertüre, die in purem Gegensatz zu Frischs dialogisch montierter Vorlage ganz auf Sprache verzichtet und den psychischen Raum des Stücks aufspannt.

Aus der Bühnentiefe lässt das Berner Symphonieorchester (Leitung Sébastien Rouland) mit der Kammersinfonie von Franz Schreker die Emotionen hochlaufen. Bis auf eine schnell langweilende Stummfilmsequenz ein vielversprechender Auftakt.

Fast nur Frauen treten auf

Anders als der Schriftsteller Max Frisch setzt Michael Simon in seiner Inszenierung den Akzent auf die vertrackte Beziehung des Mannes zum weiblichen Geschlecht. Von Felix Schaad (Stéphane Maeder) abgesehen treten in Bern ausschliesslich Frauen auf. Staatsanwaltschaft, Engel und Tod sind weiblich (Henriette Cejpek), und bis zur Unerträglichkeit steigert sich der karikatureske Reigen der Ehefrauen, weiterer Zeuginnen und weiblichen Geschworenen (alle Milva Stark), die vor Gericht ausgesagt haben und deren Stimmen Felix Schaad kaum mehr aus seinem Kopf wegbringt. Vor ihnen flüchtet er sich in die Welt der Liebe zur toten Rosalinde. Sie, die sechste seiner sieben Ehefrauen, die sich Lebensunterhalt und Selbstwert als Edeldirne verdiente. Und damit für das dringende Tatmotiv «krankhafte Eifersucht» Hand bot.

Komödie und Liebesdrama

Komödie und tiefer Liebesschmerz bis hin zur romantisch überhöhten Todessehnsucht, das sind die Pole, zwischen denen sich Schaad auf der Bühne immer tiefer verrennt. Die todtraurigen Liebeslieder aus Richard Wagners Wesendonck-Zyklus und kirchlicher Gesang von Krzysztof Penderecki und Arthur Honegger locken, verstossen, versprechen Erlösung. Derweil vervielfacht sich Rosalinde, zur Tänzerin (Irene Andreetto) gesellt sich die Sängerin (Claude Eichenberger), bis mit dem Damenchor die ganze Bühnenhöhe und damit das Bewusstsein von Schaad nur noch voller Rosalindes ist.

Doch Liebesschmerz ist bei Frisch nur am Rand Thema. Die Fragen des Staatsanwalts drängen Schaad im Text in einen Strudel der Suche nach existenzieller Wahrheit, die sich in der Grammatik der Rechtsprechung entzieht. Es geht um Frischs grosse Themen: das Bild der anderen und die persönliche Identität. Liebe und Tod lassen sich auf der Bühne effektvoll inszenieren. Doch damit verpufft die gesellschaftliche Stosskraft der Vorlage.

«Blaubart»:Nächste Vorstellungen am 13., 16. und 20.Oktober, je 19.30 Uhr, Konzert Theater Bern.

Berner Zeitung

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