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Flüchtlingslager abgebranntDemonstranten fordern, 12’000 Moria-Geflüchtete aufzunehmen

Rund 300 Personen demonstrierten am Donnerstag für die Evakuierung von 12’000 Flüchtlingen. Mit dabei war einiges an Politprominenz – doch die Demo war ziemlich schnell vorbei.

Die Teilnehmer der Berner Demo fordern ein Umdenken in der Flüchtlingspolitik.
Die Teilnehmer der Berner Demo fordern ein Umdenken in der Flüchtlingspolitik.
Foto: Raphael Moser
Ronja Jansen fordert laut, dass das Dublin-Abkommen «auf der Müllhalde der Geschichte» landet.
Ronja Jansen fordert laut, dass das Dublin-Abkommen «auf der Müllhalde der Geschichte» landet.
Foto: Raphael Moser
Nationalrätin Regula Rytz (links) mit Transparent. Sie fand während der Session Zeit, auf den Bahnhofplatz zu kommen.
Nationalrätin Regula Rytz (links) mit Transparent. Sie fand während der Session Zeit, auf den Bahnhofplatz zu kommen.
Foto: Alessandro della Valle/Keystone
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Der Bahnhofplatz ist voll, und die Jugend ist laut. Kaum 48 Stunden ist es her, seit auf Lesbos ein Flüchtlingslager abgebrannt ist, und in Bern wird demonstriert. Grüne und SP sowie deren Jungparteien haben zusammen mit der Organisation «Evakuieren jetzt» zur Kundgebung aufgerufen. Ihre unmissverständliche Botschaft: Die Schweiz soll sofort alle 12’000 Bewohner des zerstörten Lagers Moria aufnehmen.

Doch die Redner vor den geschätzt 300 bis 400 Demonstranten gehen noch weiter. Sie fordern, das Wirtschaftssystem müsse sich ändern, denn vor allem aufgrund von diesem würden die Zahlen der Geflüchteten ansteigen. Die «Festung Europa» müsse fallen, ist sich das bunte Demovolk einig. Dieses reicht von kopftuchbewehrten Damen in Mittelalter-Kluft über gymnasiale Hipster-Topfschnitte bis hin zu Personen mit Kinderwagen und einiger Politprominenz. Mindestens die Nationalräte Roger Nordmann (SP), Regula Rytz und Sibel Arslan (beide Grüne) sowie Tamara Funiciello (SP) haben während der Herbstsession Zeit gefunden, um vom Bundeshaus herüberzukommen.

Das sagen Rytz, Funiciello und andere Politiker zur aktuellen Lage.
Foto: Keystone-SDA

«Festung Europa»

Zwei von ihnen werden noch sprechen. Den Vortritt lassen sie aber den Jungparteien. Julia Küng, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Schweiz, macht den Anfang. Sie wendet sich – wie auch ihre Nachrednerinnen – auf Hochdeutsch an die Menge, kreidet die Machenschaften der «Festung Europa» an und hält fest: «Als während des Lockdown die Grenzen geschlossen waren, wurden Flüchtende behandelt wie Touristen, die in Zürich oder Paris shoppen wollen.»

Nach Parolen und einigem Applaus ist die Reihe an Ronja Jansen, der Juso-Chefin. Die Stadt Bern hatte am Tag zuvor kommuniziert, dass sie bereit sei, «in einem ersten Schritt» 20 Flüchtlinge aufzunehmen. Jansen ist fest davon überzeugt, das sei zu wenig. Schliesslich fordert sie auch, dass das Dublin-Abkommen «auf der Müllhalde der Geschichte» lande. Die Menge ist begeistert, im Publikum werden Schilder mit der Aufschrift «Kein Mensch ist illegal» geschwenkt.

Der Bettler

Während Saskia Rebsamen, Co-Präsidentin Junge Grüne Kanton Bern, zu ihrer Rede ansetzt, passiert ein Bettler die Demonstration. Fünf Leute fragt er nach etwas Kleingeld, fünfmal glücklos. Die Demonstrantinnen wollen nichts geben. Stattdessen fordern sie die Flüchtlinge zum Umzug in die Schweiz auf, denn sie seien willkommen. Wie einfach das doch gehen könne, erklärt etwas später Sibel Arslan am Beispiel der Corona-Krise. Der Lockdown habe doch gezeigt, so die Baslerin, wie unbürokratisch die Schweiz sein könne, wenn es wirklich nötig sei. Und jetzt sei es bitter nötig.

Dann ist Schluss. Jedenfalls der offizielle Teil ist zu Ende. Ziemlich schnell löst sich die Versammlung auf. Grüne Fahnen werden eingerollt, Plakate aus dem Himmel gehoben, und bald sind vielleicht noch fünfzig Leute auf dem Bahnhofplatz. Eine kleine Gruppe in der Nähe des Baldachins wird noch von einem Passanten konfrontiert: «Ihr könnt doch eh nichts unternehmen, ein solches Grüppchen bringt doch eh nichts.» Die Diskussion wird energisch, aber nur kurz geführt. Ein Demonstrant bedankt sich bei den Organisatoren und verabschiedet sich mit den Worten: «Schön, hei mer drüber gredt, tschüss.»