Die textile Revolution aus einem Nähatelier in Thörishaus

Zwei Jahre lang hat Manuel Schweizer getüftelt, um eine biologisch verträgliche Faser ohne Schadstoffe herzustellen. Nun lanciert seine Firma, die Pfister Vorhang AG, im September die erste ökologische Vorhangkollektion der Welt.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Mit spitzen Fingern fischt Ma-nuel Schweizer (50) einen Stofffetzen aus einem Glas voller Gartenerde. Sorgfältig spannt er ihn auf. Löcher klaffen im verfaulenden Gewebe. Über Schweizers Gesicht huscht ein Lächeln. «Die Löcher sind grösser geworden, so muss es sein», sagt er. Und stopft den Fetzen zurück ins Glas.

Ein Stoff, den man essen kann

Wir sind im Entwicklungslabor der Pfister Vorhang Service AG. Es befindet sich im Dachgeschoss eines Industriebaus im bernischen Thörishaus. Textilfachmann Manuel Schweizer ist Category-Manager – Abteilungsleiter – bei Pfister Vorhang, einer Tochterfirma des Einrichtungshauses Pfister mit Sitz in Suhr AG.

Auf seinem Tisch stehen nicht, wie es in einem Labor üblich wäre, chemische Utensilien, sondern Einmachgläser mit Blumentopferde. Aus jedem Glas hängt ein dicker Faden raus. «Ich studiere hier den Zerfallsprozess einer neuen Faser», erklärt Schweizer.

Sogar die Gleiter, an denen der Vorhang aufgehängt wird, sind aus zersetzbarem Material.

Die Einmachgläser markieren nichts weniger als eine Textilrevolution. Denn Schweizer ist es nach zwei Jahren Recherche gelungen, in Kooperation mit Partnern den allerersten Vorhangstoff herzustellen, der biologisch abbaubar ist und der den natürlichen Kreislauf nicht beeinträchtigt.

Sogar die Gleiter, an denen der Vorhang aufgehängt wird, sind aus zersetzbarem Material. «Wenn man diesen Stoff im Garten verrotten lässt, wird er sich nach einiger Zeit ohne Rückstände vollständig abgebaut haben», sagt Schweizer. Er hat bei Referaten vor Publikum schon Stücke des Stoffs gegessen.

Weltpremiere im September

Im September wird die Pfister Vorhang Service AG eine Vorhangkollektion aus dem ökologischen Vorhangstoff präsentieren. Das ist eine Weltpremiere. Tex­tilien und Ökologie, das widersprach sich bis jetzt. Die gängigen Gewebe auf dem Markt sind mehrfach chemisch behandelt. Mit Substanzen, die in hoher Konzentration gesundheitsschädigend und krebserregend sind.

Im hallengrossen Nähatelier in Thörishaus wickeln Schweizer und sein Chef, CEO Christoph Dell’Ava, nun von grossen Rollen Bahnen des Wunderstoffs in unterschiedlicher Farbe und Blickdichte ab. Auch die Farben und alle anderen Zusätze sind natürlich biologisch abbaubar. Die Stoffrollen liegen auf einem eigenen Regal an der Wand, in sicherem Abstand. Damit der cleane Ökostoff nicht von chemisch behandeltem Vorhangstoff kontaminiert werde, erklärt Schweizer.

Das Einrichtungshaus Pfister hat das Image, den schweizerischen Durchschnittsgeschmack zu bedienen. Mit Ökologie scheint es wenig am Hut zu haben. «Dieser Eindruck war schon früher falsch», sagt Christoph Dell’Ava. Pfister habe etwa 1996 seine Transporte von der Strasse auf die Bahn umgelagert und gehöre zu den Gründungsmitgliedern der internationalen Organisation Step für eine sozialverträgliche Teppichherstellung.

Schadstoffe in Textilien

«Was der Kunde bei Textilien für Qualität hält – dass sie weich, flauschig und reissfest sind oder ihre Form nicht verlieren –, das bedeutet eine Behandlung mit schadstoffreichen Chemikalien», klärt Dell’Ava jetzt ein Missverständnis auf. Damit Wolle nicht verfilzt, werden etwa ihre Schuppen mit Chlor weggeätzt. Weichmacher verhindert, dass eine Naturfaser hart und brettig wird.

«Vor allem bei Stoffen in starken Farben wie Schwarz, Dunkelblau oder Dunkelrot ist eine stärkere Versiegelung mit oft krebserregenden Chemikalien nötig, damit die Farbe nicht ausbleicht», weiss Manuel Schweizer. Er sagt rundheraus: «Schwarze Unterwäsche, die wir auf der Haut tragen, ist eigentlich giftig.» CEO Dell’Ava formuliert etwas diplomatischer: «Sie ist chemisch ausgerüstet.»

«Was der Kunde für Qualität hält, ist mit schadstoffreichen Chemikalien behandelt.»Christoph Dell’Ava, CEO Pfister Vorhang AG

Das Problem sei weniger, dass Kunden gesundheitliche Schäden davontragen könnten, erklärt Dell’Ava, sondern der Abfall, den ein Stoff hinterlasse. Wäscht man etwa einen flauschigen Faserpelz zum ersten Mal, verliert er bis zu 70 000 feinste Mikroplastikteilchen, die keine Kläranlage aus dem Wasser herausfiltern kann.

Unter Textilfachleuten läuft die Debatte, ob Naturfasern wie Baumwolle oder Leinen, Fasern aus Kunststoff oder chemische Fasern auf Erdölbasis ökologischer seien. «Die Frage ist umstritten, aber einig ist man sich, dass es sicher nicht die Naturfaser Baumwolle ist», sagt Christoph Dell’Ava.

Warum? «Weil etwa für die Herstellung einer Jeans aus Baumwolle 11'000 bis 20'000 Liter Wasser verbraucht werden.» Die Aufzucht der Baumwolle verlangt eine intensive Bewässerung. Das Färben der Hose und das Auswaschen chemischer Substanzen erfordert dann sechs bis acht Waschgänge.

Traum vom giftfreien Stoff

Dass Textilien nicht sehr ökologisch sind, ist für Manuel Schweizer eine Normalität, als er nach dem Aufbau des Berner Vorhangladens Mats Larsen 2010 zu Vorhang Pfister wechselt. 2014 beginnt er ein Masterstudium an der Schweizer Textilfachhochschule. Er zieht es neben seinem Volljob in vielen Nachtschichten durch.

In seiner Masterarbeit nimmt er die schlechte Umweltbilanz von Textilien als Herausforderung an. Mit einem Forschungsauftrag der Pfister Vorhang AG macht er sich daran, ökologische und nachhaltige Heimtextilien in der Schweiz herzustellen. Zuerst muss er einen gangbaren Weg finden.

Schweizer glaubt, mit möglichst sanft behandelten Naturfasern ans Ziel zu kommen. Er vergleicht 70 Textillabels im Hinblick auf ihre Umweltverträglichkeit. Etwa den weltweit aner­kannten «Oeko-Tex Standard 100». Dieses Label attestiert: «schadstoffgeprüft».

«Jedes Label verbessert zwar etwas, fügt allerdings auch etwas Neues hinzu, das zwar nicht verboten ist, die Umweltbilanz aber wieder verschlechtern kann.»Manuel Schweizer

Es bedeutet aber nicht schadstofffrei. Schweizer findet zudem heraus, dass für das Öko-Tex-Label oft nur Textilmuster aus der ersten Produktion getestet werden, bei der die giftigsten Schadstoffe ausgewaschen sind. Er weiss aber, dass in späteren Verbesserungsprozessen neue chemische Behandlungen mit Schadstoffen hinzukommen.

Strengere Labels für umweltfreundliche Kleidung fixieren zwar Schadstoffgrenzen, können aber Schadstoffe nicht ausschliessen. «Das Rennen ist mit den gängigen Labels nicht zu ­gewinnen. Jedes Label verbessert zwar etwas, fügt allerdings auch etwas Neues hinzu, das zwar nicht verboten ist, die Umweltbilanz aber wieder verschlechtern kann», sagt Schweizer.

Utopie ohne Abfall

Bei seiner Recherche stösst er auf dem Videoportal Youtube auf den Film «Nie mehr Müll – ein Leben ohne Abfall» des deutschen Chemikers und Umweltaktivisten Michael Braungart. Der Mann ­erzählt von einem Produktionskreislauf, den er «from cradle to cradle» – von der Wiege zur Wiege – nennt und an dessen Ende von einem Produkt kein Abfall übrig bleibt (siehe Box).

Im Film werden schon existierende Produkte vorgestellt, die ohne Rückstände in ihre wiederverwendbaren Bestandteile zerlegt werden können. Unter anderem Vorhänge. Manuel Schweizer ist elektrisiert. Er findet die Hersteller – und erlebt die nächste Enttäuschung: Die zerlegbare Spezialversion des flammenhemmenden Garns ist nie über den Laborzustand herausgekommen.

Entdeckung der Wunderfaser

Dann entdeckt Manuel Schweizer durch die Vermittlung des Textilpioniers und «Cradle to Cradle»-Gutachters Albin Kälin «per Zufall» ein Polymergarn – eine Kunstfaser, die auf Erdöl­basis geschaffen worden ist. «Alle ihre Katalysatoren waren so verändert, dass sie keine krebserregenden Substanzen enthalten und unbedenklich sind für den biologischen Kreislauf», sagt Schweizer.

«Nur wenn bei einer Textilfaser kein Gift reingeht, kommt auch kein Gift raus.»Manuel Schweizer

Er begreift: Weil bei dieser Faser kein Gift reingeht, kommt auch keines raus. Wo er die Faser gefunden hat, das muss Geschäftsgeheimnis bleiben. Schweizer findet eine deutsche Uniform- und Arbeitsbekleidungsfirma, der es gelingt, nach zahlreichen Versuchen mit der Kunstfaser ein Garn für leichte Vorhanggewebe zu spinnen.

Schweizer nimmt darauf Kontakt auf mit einer Weberei in Norddeutschland, mit der er schon Geschäfte abgewickelt hat. Sie ist gerade daran – wie die meisten europäischen Webereien –, die Herstellung der billig produzierenden Konkurrenz in China zu überlassen und sich in ein Handelshaus umzuwandeln. Nicht zuletzt deshalb, weil die Einhaltung der Umweltgesetze in der heiklen Textilbranche teure Investitionen erfordern würde.

Schweizer bringt zuerst die Weberei dazu, mit der Polymerfaser ihr Glück zu versuchen. Dann muss er seinen Chef überzeugen, ein finanzielles Risiko einzugehen und 15 Tonnen der Zauber­faser einzukaufen. «Die Analyse des Business-Case überzeugte mich schliesslich», erinnert sich Christoph Dell’Ava. «Heute produziert die deutsche Weberei mit dem Polymergarn in drei Schichten und ist voll ausgelastet», sagt Schweizer mit einem Lächeln. Hinzu kommt: Ohne all die chemischen Zusätze ist die Produktion erstaunlich günstig.

Ein Laufmeter des drei Meter breiten Vorhangs aus der Polymerfaser kostet 40 Franken. Er liegt damit in der üblichen Preisspanne für Vorhänge, die das Konsumentenmagazin «K-Tipp» eben zwischen 20 und 70 Franken abgesteckt hat. Der Pfister-Vorhang kann problemlos gewaschen werden und nützt sich auch nicht schnell ab, weil sein Grundmaterial sehr stabil ist. Die Farben sind gedämpft, reinweiss können sie aus Umweltgründen nicht sein.

Exklusivrechte für sieben Jahre

«Vorerst ist die Polymerfaser ein Insidertyp in der Szene der Heimtextilien», sagt Manuel Schweizer. An der internationalen Textilmesse von Anfang Mai in Cernobbio am Comersee sei sie aber schon ein grosses Thema ­gewesen. «Schweizer Unternehmen, die nicht in das Polymerprojekt von Pfister Vorhang eingestiegen sind, sind sich schon reuig», weiss Christoph Dell’Ava.

Dafür sind andere auf den Zug aufgesprungen. Etwa der Unterwäsche- und Strumpfhersteller Wolford im österreichischen Bregenz. Wohl schon 2018 wird er Manuel Schweizers Wunsch erfüllen, dass wir nicht nur nachhaltige Vorhänge ziehen, sondern bald gesunde Kleider aus schadstofffreiem Garn auf der Haut tragen. Die Vorhang Pfister AG hat sich nun für sieben Jahre die Exklusivrechte am Polymergarn im Heimtextilbereich gesichert.

Das Label der Labels

Auf Manuel Schweizers Labortisch liegt seine dicke Masterarbeit mit dem Titel «Green Fabrics», in der er den Weg vom Traum zur Wirklichkeit skizziert hat. Unter einem Papierberg findet er jetzt auch noch den unanfechtbaren Beleg, dass er sein Ziel erreicht hat: einen Ausdruck des Labels «Cradle to Cradle Certified», im Status Gold.

Es ist das höchste und einzige Label, das belegt, dass ein Produktionskreislauf ökologisch und ohne Abfall abläuft. Die Pfister Vorhang Service AG hat es aufgrund einer umfangreichen ­Umweltverträglichkeitscheckliste des Kontrollgremiums in Kali­fornien im letzten Dezember erhalten. «Es war wie ein Weihnachtsgeschenk», sagt Manuel Schweizer.

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