Die Tage der Brocki sind gezählt

Utzenstorf

Anfang Mai schliessen die Landfrauen in Utzenstorf ihre Stube, nach 59 Jahren. Es fehlt nicht nur eine Lokalität, um sie weiterzuführen.

Liliane Flury, Präsidentin des Landfrauenvereins Utzenstorf, Wiler und Zielenbach, in ihrem Reich.

Liliane Flury, Präsidentin des Landfrauenvereins Utzenstorf, Wiler und Zielenbach, in ihrem Reich.

(Bild: Beat Mathys)

Jacqueline Graber

Fein säuberlich sind die Schuhe im Regal eingeordnet. Doch irgendwie wirkt das Bild befremdlich. Bei genauem Hinschauen merkt man: Es sind lauter linke Schuhe. «Das Pendant lagern wir in einer Kiste neben der Kasse.» Es sei des Öfteren vorgekommen, dass Leute ein Paar mitlaufen liessen, erklärt Liliane Flury, Präsidentin des Landfrauenvereins Utzenstorf, Wiler und Zielebach.

Für Vereinsmitglied und Brockenstube-Co-Leiterin Helene Schwab unverständlich. «Die Preise in unserer Brockenstube sind sehr tief.» Und der Erlös der verkauften Ware werde für gemeinnützige Zwecke gespendet, wie Schul-, Vereins- oder Kirchenprojekte, sowie Seniorenausflüge. Doch abgesehen von wenig unerfreulichen Ereignissen, gebe es sehr viele schöne Begegnungen, fügt Schwab hinzu. 

Trouvaillen sind selten

Die Brockenstube befindet sich in einem alten Wohnhaus in Utzenstorf, das im Besitz der Gemeinde ist. Wer hierher kommt, der muss Zeit mitbringen: Auf zwei Etagen finden sich allergattig Möbel, Lampen, Bettwäsche, Geschirr, CDs, farbige Ketten, Handtaschen in allen Formen, Röcke, Hosen, und die Auswahl an Büchern ist gross, ebenso das Sortiment an Spielen. Jetzt vor Ostern gibt es auch Dekohäschen. Trotz des reichen Angebots fände sich selten eine Trouvaille unter den Produkten, räumt Helene Schwab ein. «Kostbare Gegenstände werden heute über das Internet verkauft.»

Anders bei alter und defekter Ware: Nicht selten komme es vor, dass Unbekannte ausrangierte Artikel vor der Eingangstüre deponierten. «So sparen sie sich die Gebühren für die Entsorgung.» Denn dreckige Dinge, und da ist Helene Schwab sehr pingelig, haben nichts in der Brocki verloren.

Ein Trio leitet seit 20 Jahren

Eröffnet wurde die Brockenstube am 5. Mai 1960. «Angefangen wurde im Zimmer des alten Schulhauses», weiss Liliane Flury. Danach diente ein Keller im Schulgebäude als Verkaufsraum. Später zog die Brocki in das Stettlerstöckli, wo heute Grossverteiler Coop ist. Und seit Mai 1990 verkaufen die Landfrauen die Ware am jetzigen Standort an der Unterdorfstrasse 19.

Die Fäden in der Hand haben seit 20 Jahren Doris Tschanz, Magdalena Böni und Helene Schwab. Doch nun hat das Trio demissioniert. «20 Jahre sind genug», sagt Helene Schwab. Zumal es nicht nur damit getan sei, während der Öffnungszeiten an drei Nachmittagen im Monat vor Ort zu sein. Die Frauen holen oftmals die Ware bei den Leuten ab. Und jeweils im Frühling und Herbst wird das Sortiment im grossen Stil ausgestaubt. «Die aussortierten Kleider verschenken wir an gemeinnützige Organisationen», erklärt Helene Schwab.

Umsatz geht massiv zurück

Der Rücktritt der drei Frauen veranlasste die Vereinsmitglieder, über die Zukunft der Brockenstube nachzudenken. «Erstens ist es schwierig, neue Leute zu finden, die ebenfalls auf freiwilliger Basis das Geschäft führen», betont Liliane Flury. Zweitens plant die Gemeinde als Vermieterin des Brockihauses eine Umnutzung des Areals. Ein neues finanzierbares Lokal zu finden, sei schwierig, so die Präsidentin.

Und drittens sei der Umsatz in den letzten fünf Jahren massiv zurückgegangen. Darum fiel der Entscheid, die Brocki zu schliessen. An den kommenden beiden Samstagen ist nochmals geöffnet, ehe am 4. Mai der grosse Möbelverkauf stattfindet. Danach ist nach 59 Jahren Schluss. Liliane Flury ist bereits in Kontakt mit Organisationen, diese nach der Schliessung einen Teil der nicht verkauften Ware übernehmen. Der Rest muss entsorgt werden.

Samstag, 6. April, und Samstag, 13. April, hat die Brockenstube in Utzenstorf von 13 bis 15 Uhr geöffnet. Am Samstag, 4. Mai 2019, findet von 9 bis 17 Uhr der letzte Brockenstubenmärit mit Landfrauenbeizli statt.

Berner Zeitung

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