«Ich und prügeln? Wo denken Sie hin!»

2001 debütierte Adrian Gerber in der NLA, noch immer aber ist er ausserhalb des Emmentals unbekannt. Nun steht der Verteidiger vor einem Karrieremeilenstein: Läuft alles nach Plan, wird er heute mit 610 Einsätzen Langnaus Rekordspieler.

Grund zum Feiern: ?Adrian Gerber kommt heute zum 610. Mal für Langnau zum Einsatz – Rekord.

Grund zum Feiern: ?Adrian Gerber kommt heute zum 610. Mal für Langnau zum Einsatz – Rekord.

(Bild: Andreas Blatter)

Philipp Rindlisbacher

In Langnau gilt: Gut, gibts Gerber – analog dem Slogan, mit welchem einst ein Käseunternehmen warb. Seit 2001 ist Adrian Gerber mit kurzen Unterbrüchen ein «Tiger», in 15 Saisons hat er keine Skandale und selten Schlagzeilen produziert, seinen Wert fürs Team aber immer wieder unterstrichen. «Er macht, was der Trainer von ihm verlangt, murrt nicht, ist für die Jungen ein Vorbild», sagt Sportchef Jörg Reber.

Insgeheim gilt der zum Verteidiger umfunktionierte Profi nach wie vor als Langnauer mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis, Teamkollegen bezeichnen ihn als heimlichen Leader. Gerber (52 Tore in Langnauer Diensten) sagt, er sei kein Spektakelmacher, «ich bin der Spielertyp, der sich alles hart erarbeiten muss».

Fast unbemerkt steht Adrian Gerber nun vor einem Karrieremeilenstein: Aller Voraussicht nach wird der 32-Jährige heute (19.45 Uhr) in der ausverkauften Ilfishalle gegen Kloten zum Einsatz kommen, die Partie Nummer 610 für die Tigers absolvieren. Damit egalisiert er den Rekord Daniel Aegerters (siehe Kasten). «Ich bin durch und durch ein Tiger», sagt Gerber, der in Langnau aufwuchs und noch immer im Dorf wohnt. NLA-Debüt, erste Playoff-Qualifikation der Vereinsgeschichte, Beinahekonkurs, Abstieg, Aufstieg – Gerber hat bei den SCL Tigers viel erlebt. Ein persönlicher Rückblick:

Bestes Spiel: «Allzu viele Tore habe ich nicht geschossen (lacht). Im entscheidenden Playout-Spiel 2010 gegen Rapperswil aber traf ich zweimal, das war das erste und einzige Mal in der NLA. Wir verloren dennoch, 3:4.»Schlechtestes Spiel: «Ende 2008 unterlagen wir in Zug 2:10. Ich gehörte zur Checker-Linie, welche die gegnerischen Topspieler neutralisieren sollte. Doch wir erhielten vier Gegentore – von Trainer Christian Weber gabs einen Rüffel.»

Emotionalster Moment: «Der Abstieg vor drei Jahren war brutal. Vom einen auf den anderen Tag war ich arbeitslos, mein Vertrag galt nur für die NLA. Ich sass am nächsten Morgen mit meiner Frau zusammen, wir diskutierten, wie es weitergehen soll. Es gab drei Optionen: In Langnau bleiben, zu Rapperswil wechseln oder aufhören. Ich kündigte meinem Berater, dafür brauchte ich ihn nicht mehr. Zum Glück meldete sich die Tigers-Crew dann bald.»

Schlimmste Niederlage: «Da führt kein Weg an der Niederlage in Lausanne vorbei, die den Abstieg besiegelte. Einige weinten in der Garderobe, während der Rückfahrt war es fast totenstill. Wir waren geschockt.»

Bester Trainer: «Solange ich spiele, darf ich das nicht verraten (lacht). Jeder hatte gute und auch schlechte Eigenschaften. Dankbar bin ich Alfred Bohren (nun Tigers-Scout, die Red.), der mich von den Junioren ins NLA-Team beförderte.»

Härtester Trainer: «Es gab nicht den Schleifer schlechthin. Christian Weber und Bengt-Ake Gustafsson waren eher ruhig, Benoît Laporte sagt es schon deutlich lauter und direkter, wenn ihm etwas nicht passt. Da nimmt er kein Blatt vor den Mund.»

Bester Mitspieler: «Da muss ich fast Todd Elik nennen. Klar, er war nicht mehr so genial wie früher, aber seine Aura war immer noch beeindruckend. Er war ein ganz lieber Kerl; drehte es sich um Eishockey, legte er den Schalter aber um, war unfassbar verbissen. So viel im Ausgang, wie erzählt wird, war er nicht. Oder jedenfalls nicht mehr (lacht).»

Härteste Prügelei: «Ich und prügeln? Wo denken Sie hin! Ich habe die Handschuhe nie ausgezogen, die kleben wie Leim an den Fingern (lacht). Mich bringt man nicht so schnell in Rage, ich habe schon als Schüler auf dem Pausenhof nicht dreingeschlagen.»

Härtester Gegenspieler: «Ich bin froh, spielt Kim Lindemann bei uns. Im Training regt er mich oft auf, so nach dem Motto «Chräblä u Bissä». Auf alles gefasst sein muss man bei Johann Morant (EV Zug, die Red.). Aber weil wir jetzt beide Verteidiger sind, kommen wir uns kaum in die Quere.»

Grösster Schmerz: «Das war vor wenigen Wochen in Lugano. Steve Hirschi schoss, der Puck traf mich aus kurzer Distanz mit voller Wucht. Ich dachte, mein Arm falle ab. Ich lief zur Spielerbank, konnte kaum sprechen, biss in mein Trikot. Während einer halben Stunde konnte ich die Hand nicht bewegen. Ich brach mir schon beide Füsse, aber gegen diesen Schmerz war das nichts gewesen. Aber ich hatte Glück – es ging nichts kaputt.»

Prägendster Moment: «2009 wurde ich nach Basel in die NLB ausgeliehen. Ein paar Wochen nach Saisonbeginn befand sich Langnau in finanziellen Nöten; einige gingen, weil die Löhne gekürzt worden waren. Die Tigers brauchten also Spieler, deshalb durfte ich zurückkehren. Hätte es die Geldprobleme nicht gegeben, hätte ich die NLA vielleicht abschreiben können.»

Speziellste Anekdote: «Noch als 21-Jähriger hatte ich einen Lehrlingslohn. Alleine wohnen wäre unmöglich gewesen, oft arbeitete ich nebenbei. 2004, als ich erstmals nach Basel abgegeben wurde, rief ich Trainer Markus Graf an, sagte ihm, ich würde aufhören, weil das Geld nirgends hinreiche. Er überredete mich, weiterzumachen. Etwas Dreck zu fressen, hat sich gelohnt, auch wenn ich nie 160 000 Franken verdient habe. Mein Hobby ist mein Beruf – das ist wunderbar.»

Berner Zeitung

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